Der Mißkannte

von antimodernist2014

1. Joseph Ratzinger ist zweifellos einer der bekanntesten, zugleich aber einer der am meisten unterschätzten und mißkannten Theologen und Kirchenmänner der „konziliaren“ Epoche. Hartnäckig begleiteten ihn seine ganze Laufbahn hindurch die Gerüchte, er habe sich „geändert“, vom Progressiven zum Konservativen, man sprach gar von „Ratzinger I“ und „Ratzinger II“: aus dem jungen theologischen Heißsporn wurde zunächst der besonnene Theologieprofessor, dann aus dem modernistischen Professor der konservative Erzbischof, aus dem doch noch reichlich liberalen Erzbischof der erzkonservative „Panzerkardinal“, schließlich gar der fast schon „traditionalistische“ Papst. Dem ganz entgegen stand vor allem die Selbsteinschätzung Ratzingers selbst, der in einem Fernsehinterview, das er als Benedikt XVI. gewährte, all diesen Behauptungen entgegenhielt, er sei immer der gleiche gewesen. Was auch stimmt.

2. Freilich haben die Fehleinschätzungen seiner laufenden „Wandlungen“ ein gewisses „fundamentum in re“, also eine sachliche Begründung. Erstens war Ratzinger als Intellektueller mit seltener Begabung, Fleiß und Intelligenz stets flexibel und lernfähig und damit auch stets auf der Höhe seiner Zeit, was oft nicht verstanden und als Änderung seines Standpunkts interpretiert wurde; so schaltete er etwa bereits auf den „Postmodernismus“ um, als die große Mehrzahl seiner Kollegen noch gar nicht einmal wußte, was das sein soll, und daher mit völligem Unverständnis reagierte bzw. ihn für „konservativ“ geworden hielt (bis heute ist das so).

Zweitens hat Ratzinger gewissermaßen ein Doppelgesicht, denn als Ästhet und tief in Volksfrömmigkeit verwurzelter Bayer aus altem katholischem Geschlecht besitzt er ein durch und durch klassisches und vor allem traditionell katholisches Gespür und Empfinden. Das äußert sich etwa in seinen liturgischen oder musikalischen Vorlieben oder in seiner Bekleidung. Zudem verfügt er dank seiner bayerischen Schulbildung auch über ein klares Bewußtsein für geschichtliche Zusammenhänge, was sich u.a. in seiner Wahl päpstlicher Utensilien und Kleidungsstücke zeigte. All das verleiht ihm eine „konservative“ Aura. In diesem Gewand jedoch steckt ein zutiefst von den modernen Irrtümern aller Art durchdrungener Geist, den er wohl seiner Zeit als überaus hochbegabter Student der Philosophie und Theologie in einer großteils modernistisch geprägten Umgebung verdankt.

Sein Geist ist ganz von modernistischen und dialektischen Prinzipien geformt. Eines dieser Prinzipien, und nicht das unwesentlichste, ist der evolutive Fortschritt durch das Zusammenspiel zweier gegensätzlicher Kräfte, einer „progressiven“, die nach vorne drängt, und einer „konservativen“, die bremsend wirkt. Würde eine dieser Kräfte zu stark werden oder sich verselbständigen, so würde es entweder keinen Fortschritt mehr geben, was Erstarrung und Tod mit sich brächte, oder es würde durch die explosive Kraft alles zerrissen und zersprengt. Im modernistischen System sind deshalb die Rollen aufgeteilt: Laien, Professoren, Pfarrer etc. haben den „progressiven“ Part zu spielen, die Hierarchen, Bischöfe, Kardinäle, Papst den „konservativen“ (dabei gibt es natürlich Spielräume und Varianten). Daraus ergibt sich automatisch die Regel, daß ein Professor, der in die Hierarchie aufsteigt, einen gewissen „Wandel“ zu vollziehen hat und umso „konservativer“ wird, je höher er im Rang klettert. Allerdings ist die Auswahl, wer in die Hierarchie aufsteigen wird, bereits unter den Theologen vorangelegt. Es gibt dort im wesentlichen zwei Gruppen, die sich nach theologischen Zeitschriften benennen: die „Communio“-Theologen und die „Concilium“-Theologen. Zu ersteren gehörten oder gehören u.a. Joseph Ratzinger, Karl Lehmann, Walter Kasper, Christoph Schönborn, zu letzteren Yves Congar, Hans Küng, Johann Baptist Metz, Karl Rahner und Edward Schillebeeckx. Es war also klar, für welche Aufgaben und Rollen in diesem Spiel ein Ratzinger vorherbestimmt war.

3. Damit haben wir ein wenig die Grundlagen und das Rüstzeug, um zu verstehen, wie sehr gerade dieser Mann, den manche letztlich für gescheitert halten, vielleicht mehr als andere „Konzilspäpste“ die Kirche verändert hat, gerade im Zusammenspiel mit seinem Vorgänger Karol Wojtyla und nun seinem „Nachfolger“ Bergoglio. Wojtyla hat in gewisser Weise die ideellen Grundlagen geschaffen. Er war der charismatische „Visionär“, der mit Assisi den Entwurf der neuen ökumenistischen Superkirche plakativ und mit meisterhaftem Gespür für Theatralik aller Welt vor Augen führte. Ratzinger jedoch hat die entscheidenden Weichen gestellt, um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, was Bergoglio nun weiter durchzuführen hat. Ratzinger war es, der die Veränderungen oft durchführte, von denen ein Wojtyla mehr oder weniger nur träumte oder schwärmte.

4. Eine der fixen Ideen Karol Wojtylas war die Änderung des Papsttums. In seiner Enzyklika „Ut unum sint“ fordert er die Andersgläubigen dazu auf, mit ihm darüber nachzudenken, wie man den „Dienst an der Einheit“ und „Primat der Liebe“ neu gestalten könne, damit er kein ökumenisches Hindernis mehr ist. Joseph Ratzinger hat sicher gründlich darüber nachgedacht und, als er selbst auf dem Papstthron saß, auch entsprechend gehandelt.

Montini alias Paul VI. hatte die Tiara, die nach seinen Vorstellungen eigens für ihn angefertigt worden und ein sündteures Geschenk seiner ehemaligen Diözesanen war, symbolträchtig abgelegt und ihren Erlös „für die Armen“ bestimmt. Seither wurden die Päpste nicht mehr gekrönt und trugen keine Tiara mehr auf dem Haupt. Sie führten sie allerdings noch in ihrem Wappen. Bis zu Benedikt XVI. Er war der erste, der die Tiara auch aus dem Wappen entfernte und dafür das Pallium dort einführte. Das war eigentlich nur konsequent, denn was sollte die Tiara noch im Wappen, wenn der Papst sie nicht mehr trug? Es war aber zugleich ein deutliches Signal, daß Joseph Ratzinger fest entschlossen war, ein Papsttum ganz neuer Art zu verwirklichen. Schließlich hatte er sein Pontifikat unter das Motto der „konkreten Gesten“ gestellt.

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