Der Mißkannte

Der nächste Schritt war der Verzicht auf den Titel „Patriarch des Abendlandes“, eine weitere „konkrete Geste“, die fast unbeachtet geblieben wäre, zumal sie gewissermaßen stillschweigend geschah. Diese „Geste“ stand sicherlich im Dienste der „Ökumene“, auf die wir weiter unten eingehen werden. Sie bedeutete aber vor allem auch eine weitere Einschränkung und Begrenzung der päpstlichen Autorität, ein weiteres Zurückstutzen auf den „Liebesprimat“. Als er dann gar „den Heiligen Stuhl verließ“, um sein Jesusbuch zu schreiben und in dieser wichtigen Sache als Privattheologe und bewußt nicht mit höchster Lehrautorität zu sprechen, war dies ein Schritt mehr zur Entleerung des Papsttums.

Den entscheidenden Schlag versetzte Ratzinger dem Pontifikat durch seinen sonderbaren Rücktritt. Seither gibt es einen kollegial von zwei Herren in Weiß ausgeübten „Petrusdienst“, den „aktiven“ und den „passiven“. Beide residieren im Vatikan, nicht weit voneinander, der eine ganz aktiv im Gästehaus, der andere zurückgezogen und passiv im Kloster. Gelegentliche gemeinsame Auftritte wie zuletzt zum Kardinalskonsistorium oder zur „Heiligsprechung“ ihrer Vorgänger stärken das Bild eines ganz neuen, seiner Heiligkeit und einzigartigen Vorrangstellung völlig entkleideten Ehren- und Liebesprimats, zumal der „aktive“ Petrusdiener sich nur noch „Bischof von Rom“ nennt.

5. Erste Aufgabe des so erneuerten „Petrusdienstes“ ist es, die „konziliare“ ökumenistische Superkirche zu verwirklichen als „Dienst an der Einheit“. Die Dimensionen dieser Superkirche umfassen die ganze Menschheit. Nach den Visionen Wojtylas ist die Kirche ja mit der gesamten Menschheit identisch, hat sich doch Christus bereits mit jedem Menschen gnadenhaft geeint, ob dieser es weiß oder nicht, ob er es will oder nicht. Die Allerlösung macht alle Menschen bereits zu Gliedern der Kirche, nur in verschiedener Bewußtheit und Verwirklichung dieser Zugehörigkeit.

So entsteht das Modell der „konzentrischen Kreise“. Im Mittelpunkt befindet sich die katholische Kirche, die am meisten dieses Bewußtsein verwirklicht hat, dann ihre orthodoxen „Schwesterkirchen“. Es folgen die übrigen christlichen Denominationen, dann die monotheistischen Religionen, vor allem die „älteren Brüder“ im Glauben, schließlich die anderen Religionen und ganz außen endlich alle „Menschen guten Willens“, auch die ungläubigen. Während Wojtyla sein Assisi 1986 noch auf die Weltreligionen beschränkt hatte, weitete Ratzinger sein Assisi 2011 auch auf die Nicht-Gläubigen aus und eröffnete so erstmals die ganze Dimension dieser geistigen Superkirche. Konsequenterweise errichtete er dementsprechend an der Kurie im Päpstlichen Rat für die Kultur auch einen „Vorhof der Heiden“, welcher den Dialog mit Atheisten und Agnostikern zu führen die Aufgabe hat.

Parallel dazu setzte er das Bemühen um die sichtbare Einheit dieser Superkirche fort nach dem Modell der kleinen „ecclesiae“ in der großen „Ecclesia“, also der verschiedenen Seitenkapellen im einen großen Dom. Wovon andere nur geredet und geträumt hatten, dahin tat er den ersten konkreten Schritt mit seiner Errichtung eines eigenen „Ordinariats“ für die Anglikaner. Ein ebensolches Ordinariat für Lutheraner war in Planung, ebenso eines für die „Traditionalisten“. Diese zu verwirklichen wird nun Sache seines Nachfolgers im „aktiven Petrusdienst“ sein.

6. Sein Bemühen um die „Traditionalisten“ hatte auch noch einen anderen Horizont. Wir haben oben schon das modernistische Modell der beiden konkurrierenden Kräfte genannt, welche den gemäßigten und sinnvollen Fortschritt hervorbringen sollen. Der hl. Pius X. schreibt in „Pascendi“ über die vorwärtsdrängende dieser beiden Kräfte: „Wollte aber die Evolution diesem Antrieb allein folgen, so würden leicht die Grenzen der Überlieferung überschritten werden: und die Evolution risse sich derart von dem sie ursprünglich belebenden Prinzip los, daß sie eher Untergang als Fortschritt nach sich ziehen würde.“ Genau diese Gefahr sah Ratzinger durch das Überhandnehmen progressistischer Tendenzen in der „Konzilskirche“ und wollte sie im Sinne seines Dienstes an der Einheit durch ein „traditionalistisches“ Gegengewicht am anderen Ende ausgleichen. Vielleicht hat er schließlich eingesehen, daß die „Piusbruderschaft“ für diese ihr zugedachte Rolle zu leichtgewichtig war.

Zugleich gedachte er mit dieser Integration den Schritt in die postmodernistische Zukunft seiner Kirche zu tun, von der These („Tradition“) über die Antithese (Modernismus) zur Synthese zu gelangen, in welcher beide friedlich nebeneinander aufgehoben sind und einander „befruchten“. In diesem Kontext ist auch seine liturgische „Reform der Reform“ zu betrachten, welche er durch sein vielbeachtetes Motu proprio „Summorum pontificum“ umzusetzen versuchte. (Wenngleich hier auch sein persönlicher Vorzug eine Rolle gespielt haben mag, denn er war nie ein Freund des „Novus Ordo“ und „Volksaltars“, wenngleich er die „konziliare“ Liturgiereform an sich begeistert begrüßte. Das Ergebnis schien ihm über das Ziel hinauszuschießen, weshalb er auch hier wohl ein Gegengewicht schaffen wollte.)

In dieser seiner Vision war er wohl seiner Zeit ein wenig zu sehr voraus, was mit ein Grund für seinen „Rücktritt“ gewesen sein mag. Die alten reaktionären Modernisten konnten und wollten diesem Kurs nicht folgen und torpedierten im Verein mit linksliberalen Medien seine Bemühungen, was ihn müde und mürbe machte und endlich zur Resignation brachte. Zumal er als Intellektueller und Professor nicht der Mann war, rigoros durchzugreifen, und es auch nicht verstanden hatte, sich mit solchen Leuten zu umgeben, die das für ihn taten.

7. Dennoch oder gerade deshalb kann man die Taten seines Pontifikats als geradezu herkuleisch ansehen. In nicht einmal acht Jahren schaffte er mehr als Wojtyla in seinen fast 27 Jahren fertiggebracht hatte. Papsttum und Kirche sind nach ihm definitiv nicht mehr das, was sie vorher (selbst nach dem Konzil) noch waren. Die „Traditionalisten“ sind gebändigt, entschärft, zahnlos gemacht und gespalten. Die Karten zwischen „Progressisten“ und „Konservativen“ sind neu gemischt. Bergoglio findet somit die besten Voraussetzungen, als erster ganz und gar „postkonziliarer Papst“ die „postkonziliare Kirche“ neu zu formen.