Nachtrag zum Vatertag

Wenn das kirchliche Lehramt ausfällt, bleibt mir auch gar nichts anderes übrig, als mich an die entfernte Norm meines Glaubens, Schrift und Tradition, zu halten. Aber wenn das Lehramt vorhanden ist, muß es auch die nächste Norm meines Glaubens sein. Du sagst, die konziliaren Päpste sind deine Päpste, sie sind das Lehramt. Sind sie also auch die Norm deines Glaubens? – Papperlapapp. Ich halte mich an das, was die Tradition sagt, was immer und überall gelehrt worden ist, wie der heilige Vinzenz von Lerins sagt. Das kann nicht falsch sein. – Und wenn dein Papst etwas anderes sagt? – Dann hat er eben Unrecht und ich folge ihm nicht. – Du folgst also der Tradition und nicht deinem Papst. Damit bist du zurecht „Traditionalist“ und kein Katholik mehr. Du bist damit auf dem Weg der Protestanten, nur daß diese der Heiligen Schrift folgen und nicht der Tradition. Aber auch sie stellen die entfernte Norm des Glaubens über das kirchliche Lehramt. – So ein Blödsinn! Ich folge nur dem heiligen Paulus, der dem heiligen Petrus ins Angesicht hinein widerstanden hat und im übrigen gesagt hat: Und wenn selbst ich oder ein Engel des Himmels käme und euch ein anderes Evangelium verkünden würde als ihr empfangen habt, so sei er im Banne!

Sehr richtig! Er sagt: er sei im Banne! Er sagt nicht: dann paßt auf, was ihr annehmt von dem, was er sagt, und was nicht. Er sagt: Er sei im Banne! Eben das gilt für uns: Diese konziliaren Päpste und Bischöfe, die uns modernistische Irrlehren verkünden statt der wahren Lehre, sie seien im Banne! Sie sind nicht unsere Päpste und Bischöfe, und wir folgen ihnen nicht. – Aber der heilige Paulus hat den heiligen Petrus nicht für abgesetzt erklärt, obwohl er ihm „ins Angesicht hinein“ widerstanden hat. Und Honorius, Liberius und wie sie alle heißen wurden auch trotz all ihrer Irrlehren weiterhin als Päpste betrachtet und behandelt. – Keiner dieser Päpste, am allerwenigsten der heilige Petrus, hat je in Ausübung seines Amtes Irrlehren verkündet wie es die konziliaren Päpste tun. – Doch, haben sie wohl. Der heilige Athanasius ist gegen Liberius aufgestanden, und Honorius wurde später sogar von einem Konzil verurteilt und exkommuniziert. – Findest du es nicht merkwürdig, daß dies genau die Argumente der Unfehlbarkeitsgegner im 19. Jahrhundert waren? Sie wurden von den katholischen Historikern und Theologen genauestens widerlegt und von Pius IX. und dem (I.) Vatikanum zurückgewiesen. Also, ich hätte damit Probleme, wenn ich die Argumente von Gallikanern und Altkatholiken, von Häretikern und Schismatikern brauchen würde, um meine Position zu verteidigen. – Das ist doch ganz etwas anderes. Wir haben heute eine ganz andere Situation. Außerdem wird man zugeben müssen, daß es gerade im Gefolge des I. Vatikanums weithin zu einer Übertreibung der päpstlichen Unfehlbarkeit gekommen ist.

Du meinst also, man könne es mit der Unfehlbarkeit des Papstes übertreiben? – Ja, sicher. Und das ist auch der gemeinsame Fehler von Sedisvakantisten und solchen Gemeinschaften wie der Petrusbruderschaft. Sie meinen, der Papst ist immer und in allem, was er sagt und tut, unfehlbar. Dabei hat das I. Vatikanum die Unfehlbarkeit des Papstes genau bestimmt und begrenzt auf seine feierlichen ex cathedra-Entscheidungen, und die sind eben sehr selten. – Und ansonsten ist er fehlbar wie jeder andere Mensch? – Ja. – Und was ist etwa mit Heiligsprechungen? – Das ist noch ungeklärt. Aber wahrscheinlich ist er da auch nicht unfehlbar. – Hmm. Also allmählich frage ich mich, wieso wir so einen Papst überhaupt noch brauchen, der nur hie und da gleichsam als „Sahnetupfer“ eine unfehlbare Entscheidung auf den Kuchen geben darf (wie es ein bekannter „Traditionalist“ vor nicht allzu langem einmal ins Bild brachte). Wäre der Kuchen ohne Sahne nicht viel gesünder und bekömmlicher? Damit wäre ja der gegenwärtige Zustand gar nicht so schlimm… Eines ist jedenfalls klar: die Stellung des Papstes auf diese Weise zu minimalisieren und ihn gewissermaßen überflüssig zu machen, ist nie die Haltung der Kirche und der katholischen Theologen gewesen. Da kannst du nachlesen, wo du willst. Außer bei Hans Küng… Und in solcher Gesellschaft möchte ich nicht unbedingt sein. – Du drehst dir alles so hin, wie du es brauchst! Tatsache ist, daß u.a. der heilige Thomas von Aquin sagt, daß man auch den kirchlichen Oberen ungehorsam sein und sie öffentlich zurechtweisen darf, wenn es um den Glauben geht. Das ist katholisch, und nichts anderes tue ich.

Zufällig kenne ich diese Stelle beim hl. Thomas. Darin geht es gar nicht um den Gehorsam und schon gar nicht um den Glaubensgehorsam gegenüber der päpstlichen Lehrautorität. Er spricht dort von der brüderlichen Zurechtweisung, wie sie auch der heilige Paulus gegenüber dem heiligen Petrus geübt hat, als dieser durch sein persönliches Verhalten ein Ärgernis gegeben hat, das eine Gefahr für den Glauben sein konnte. Das ist ganz etwas anderes als der Widerstand gegen das Lehramt des Papstes. – Ich widersetze mich nicht dem Lehramt des Papstes! Nur dort, wo er der Tradition widerspricht… – Aha, und das weißt du natürlich immer ganz genau und entscheidest täglich, was du von dem unsagbaren Geschwätz eines Bergoglio alias Franziskus annimmst und was nicht? – Natürlich nicht! Ich habe meinen Glauben, und was dieser Papst Franziskus sagt, interessiert mich eigentlich nicht. Es sind zwar einige schöne und brauchbare Dinge darunter, aber das meiste ist der konziliare Unsinn von Ökumenismus und Religionsfreiheit.

Damit sind wir wieder am Anfang. Er ist also nicht wirklich DEIN Papst, denn du sagst, daß du den Glauben nicht von ihm hast. Was anderes sage ich auch nicht. Nur daß ich dann eben auch nicht „pro Papa nostro Francisco – für unseren Papst Franziskus“ bete, denn er ist eben nicht UNSER Papst. Er mag der Papst der konziliaren Menschenmachwerkskirche sein, der ich ihn gerne überlasse, aber es ist nicht unser Papst, der Papst der Katholiken. – Und wo ist dann EUER Papst? – Wir haben eben im Moment keinen. – Ha! Also bist du doch Sedisvakantist! – Wenn du so willst. Ich betrachte mich als einen Katholiken, der seinen Heiligen Vater liebt, weil er eben der Heilige Vater ist. Und das nicht wegen eines heiligmäßigen Lebenswandels – so schön das wäre –, sondern wegen der Heiligkeit und Unfehlbarkeit seiner Lehre. Darum kann ich diese „unheiligen Väter“ nicht lieben – es sei denn als Menschen und Sünder wie alle anderen auch –, sondern halte dem wahren Heiligen Vater die Treue, bis wir wieder einen solchen haben. Wie ein Kind, das seinem im Krieg verschollenen geliebten Vater die Treue hält, bis er wiederkommt. Und er wird eines Tages wiederkommen, das ist gewiß. Und dann wird offenbar werden, wer seine treuen Kinder sind oder wer sich durch falsche und schlechte Stiefväter hat verführen lassen.