Ich glaube an Gott

5. „Wie gezeigt wurde, müssen wir erstens glauben, daß es nur Einen Gott gibt, und zweitens, daß dieser Gott Schöpfer ist, der Himmel und Erde, alles Sichtbare und Unsichtbare erschaffen hat.“ Dafür verwendet der heilige Thomas statt eines „scharfsinnigen Beweises“ ein einfaches Beispiel: „Wenn jemand ein Haus betritt und beim Eintritt Wärme verspürt und immer größere Wärme, je mehr er in das Haus eindringt, so wird er glauben, es sei im Inneren Feuer, auch wenn er dieses Feuer nicht erblickt. Das gleiche ergibt sich auch bei der Betrachtung dieser Welt. Denn da finden sich alle Dinge nach verschiedenen Graden der Schönheit und Güte angeordnet, und je näher sie Gott stehen, desto schöner und besser sind sie.“ Das ist die Stufenleiter des Seins, die uns zu Gott empor führt. „Deshalb müssen wir glauben, daß dies alles von dem Einen Gott herrührt, der jedem einzelnen Ding Sein und Wert gibt.“

Dazu wiederum das Buch der Weisheit: „Wenn sie diese, entzückt durch ihre Schönheit, für Götter hielten, so hätten sie doch wissen sollen, um wieviel herrlicher ihr Gebieter ist. Der Schönheit Ursprung hat sie ja erschaffen. Und wenn sie ihre Kraft und Wirksamkeit bewundern, so hätten sie aus ihnen schließen sollen, um wieviel mächtiger ihr Bildner ist“ (Weish 13,3). Auch das ist ebenso zur neuheidnischen Welt gesprochen.

6. Der engelgleiche Lehrer nennt nun fünf Dinge, zu welchen der Mensch durch diese Wahrheit geführt wird. Erstens gelangt er zur „Erkenntnis der göttlichen Majestät“. „Denn der Künstler ist immer größer als sein Werk. Da nun Gott der Schöpfer aller Dinge ist, überragt Er alles Geschaffene. Deshalb ist alles, was man zu denken oder sich vorzustellen vermag, geringer als Gott selbst.“ So einfach dieser Gedankengang erscheint, so grundlegend und wichtig ist er doch für unser ganzes Leben. „Was hast du, was du nicht empfangen hättest?“, fragt der heilige Paulus (1 Kor 4,7), und der Psalmist: „Wie kann ich dem Herrn vergelten all das, was Er an mir getan?“ (Ps 115,12). Das ist die Grundhaltung der Demut, Beginn jeglicher Frömmigkeit und Religiosität, namentlich der Anbetung.

Zweitens folgt daraus die Dankbarkeit. „Da Gott der Schöpfer aller Dinge ist, stammt alles, was wir sind und haben, von Ihm. Deshalb müssen wir Ihm dafür Dank sagen.“ Darum ist die Danksagung so ein wesentlicher Akt der Gottesverehrung, worauf der Apostel stets dringt: „Beharret im Gebet und wachet in demselben mit Danksagung“ (Kol 4,2).

Als drittes ergibt sich aus der Betrachtung dieser Wahrheiten die „Geduld im Mißgeschick“. „Weil jedes Geschöpf von Gott stammt und daher seiner Natur nach gut ist, müssen wir, wenn uns irgend etwas schädigt oder züchtigt, glauben, daß es eine von Gott geschickte Züchtigung ist; niemals aber stammt die Schuld von Gott; denn jedes Übel, das Gott schickt, ist auf das Gute hingeordnet. Ist also jede Strafe, die der Mensch erleidet, von Gott geschickt, so muß er sie geduldig ertragen; denn die Strafen reinigen von Sünden, demütigen die Schuldigen und rufen die Guten zur Gottesliebe auf.“ Ein herrliches Beispiel für diese Tiefe des Glaubens gibt uns der heilige Dulder Job: „Sollen wir allein das Gute von Gott annehmen, dagegen nicht das Schlimme?“ (Job 2,10).

Viertens lernen wir auf diese Weise aber auch den „rechten Gebrauch der geschaffenen Dinge“. „Denn die Geschöpfe sollen wir zu dem Zweck gebrauchen, für den sie von Gott gemacht sind, nämlich zu zweierlei: zur Ehre Gottes – denn alles ist Seinetwegen da – und zu unserem Nutzen.“ „Zu Seiner Ehre hat es der Herr geschaffen“, heißt es im Buch der Sprüche (Prov 16,4), und „Dies hat der Herr dein Gott zum Nutzen aller Völker geschaffen“ im Buche Deuteronomium (Deut 4,19). „Wir müssen daher die Dinge gebrauchen zur Ehre Gottes, das heißt zu Seinem Wohlgefallen, und zu unserem Nutzen, das heißt so, daß wir bei ihrem Gebrauch nicht sündigen. Was immer man also besitzt, sei es Wissenschaft oder Weisheit oder Schönheit, alles muß man auf Gott beziehen und davon Gebrauch machen zu Seiner Verherrlichung.“ „Dein ist alles, und was wir von Deiner Hand empfangen, geben wir Dir hin“ (1 Chr 29,14).

Fünftens führt uns der Glaube an Gott und nur er zur „Erkenntnis der menschlichen Würde“. „Gott hat alles des Menschen wegen geschaffen, und nach den Engeln ist der Mensch von allen Geschöpfen Gott am ähnlichsten, wie es in der Heiligen Schrift heißt: ‚Lasset Uns den Menschen machen als Unser Bild nach Unserem Gleichnis‘ (Gen 1,26). So redet Gott weder vom Himmel noch von den Sternen, sondern nur vom Menschen, und nicht etwa in bezug auf dessen Körper, sondern in bezug auf dessen Seele, die durch ihre Willensfreiheit und Unsterblichkeit Gott ähnlicher ist als die anderen Geschöpfe.“ Das ist die wahre Menschenwürde, die ohne den Glauben nicht bestehen kann. Ein „homo sapiens“, der sich irgendwann durch biologische Evolution aus dem Tierreich emporgeschwungen hat und nach der neuesten „Wissenschaft“ nicht einmal mehr eine Seele besitzt, geschweige denn eine unsterbliche, sondern nur ein Gehirn und Nervenbahnen, kann eine solche Würde nicht haben und wird notwendig auch der menschenunwürdigsten Behandlung ausgesetzt sein.

Richtiger Umgang mit der wahren Menschenwürde ist dieser: „Wir müssen uns daher bewußt sein, daß der Mensch nach den Engeln mehr Würde besitzt als die anderen Geschöpfe und dürfen in keiner Weise unsere Würde erniedrigen durch Sünden und durch ungeordnete Neigung zu den körperlichen Dingen, die ja geringer sind als wir und zu unserem Dienste geschaffen sind. Wir müssen vielmehr jene Stellung einnehmen, die Gott uns zugewiesen hat; denn Gott hat den Menschen geschaffen, damit er über alles herrsche, was auf Erden ist, und selber Gott untertan sei. Wir müssen also herrschen und erhaben sein über die Dinge; Gott aber müssen wir untertan sein, Ihm gehorchen und Ihm dienen, auf daß wir dereinst zu Seiner Seligkeit gelangen, die Er uns durch Seine Gnade gewähren möge.“ Größer könnte der Unterschied kaum sein im Vergleich zu jener falschen, liberalen, angeblich unverlierbaren Menschenwürde, welche zu allen Arten von Sünden und Lastern ebenso berechtigt wie zur völligen Freiheit gegenüber Gott.

7. Wir sehen in diesem kurzen Überblick, was allein unser Glaube an den Einen Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, bereits beinhaltet und welch weitreichende praktische Folgerungen sich daraus ergeben. „Tu das, und du wirst leben.“