070707 – der Sieg!

Als „Zuckerbrot“ locken nun jene großartigen Angebote, die wir oben schon gesehen haben. Doch wer in ihren Genuß gelangen will, darf natürlich „nicht von Rechts wegen gehindert sein“ (etwa durch „Schisma und Exkommunikation“?). Noch präziser im Begleitbrief: „Um die volle communio zu leben, können die Priester, die den Gemeinschaften des alten Usus zugehören, selbstverständlich die Zelebration nach den neuen liturgischen Büchern im Prinzip nicht ausschließen. Ein völliger Ausschluß wäre nämlich nicht in Übereinstimmung mit der Anerkennung des Wertes und der Heiligkeit des Ritus in seiner erneuerten Form.“ Wer also die „ordentliche Form“ des „einen Ritus“ in ihrem „Wert“ und ihrer „Heiligkeit“ (NB: hier ist von der „Neuen Messe“ die Rede!) nicht anerkennt, befindet sich logischerweise nicht in der „vollen communio“, er ist im „Schisma“ und verfällt der „Exkommunikation“.

In seinem Begleitbrief macht Papst Benedikt auch keinerlei Hehl daraus, worum es ihm letztlich geht: um die „Heilung“ gewisser „Spaltungen“, insbesondere mit der „von Erzbischof Lefebvre angeführten Bewegung“. Denn bereits im Jahr 1988 hatte Johannes Paul II. „besonders auch der ‚Priester-Bruderschaft des heiligen Pius X.‘ helfen wollen, wieder die volle Einheit mit dem Nachfolger Petri zu finden, und hatte so eine immer schmerzlicher empfundene Wunde in der Kirche zu heilen versucht“. „Diese Versöhnung ist bislang leider nicht geglückt.“ Es ist also ganz klar, was das neue Motu proprio will, und daß es genau dort angeknüpft, wo das Vorgänger-Motu – nicht ganz – erfolglos geendet hat. Es geht darum, „alle Anstrengungen zu unternehmen, um all denen das Verbleiben in der Einheit oder das neue Finden zu ihr zu ermöglichen, die wirklich Sehnsucht nach Einheit tragen“, also nach wie vor um die Überführung der hartnäckigsten unter den Traditionalisten in die „Ecclesia Dei“, und zwar mit exakt den vor 19 Jahren bereits angegebenen Mitteln.

4. Das eigentlich Neue und Bahnbrechende, das so begeisterte Reaktionen auf „traditionalistischer“ Seite geweckt hat, ist die Aussage des Motu aller Proprios, daß die „vom seligen Johannes XXIII.“ promulgierte „außerordentliche Form“ des römischen Ritus „niemals abgeschafft“ worden ist. Im Begleitbrief Benedikts wird noch einmal ausdrücklich festgehalten, „daß dieses Missale nie rechtlich abrogiert wurde und insofern im Prinzip immer zugelassen blieb“.

Nun ist das zwar eine Binsenweisheit, die bereits durch die Bulle „Quo primum“ des heiligen Papstes Pius V. unmißverständlich, unfehlbar und unveränderlich festgeschrieben worden ist und seither so unablässig und von so vielen Päpsten wiederholt wurde, daß es wahrhaftig keines Motu proprio eines Benedikt XVI. bedurft hätte, sie erneut ins Gedächtnis zu rufen, daß nämlich dieses Missale gar nicht abgeschafft werden kann und „im Prinzip immer zugelassen“ bleibt und bleiben wird. Aber es ist immerhin bemerkenswert, daß nach 45 Jahren das „konziliare“ Rom erstmals diese Wahrheit offiziell zugibt. Daher die Freude der „Traditionalisten“, ihr Jubel, daß nunmehr endlich der tridentinischen Messe Gerechtigkeit widerfahre, ja daß sie „in ihre Rechte wieder eingesetzt“ worden sei. Doch ist das wirklich so? Was steckt in Wirklichkeit hinter dieser Aussage?

Wir dürfen nie vergessen, daß wir es zwar physisch mit einem einzigen Rom zu tun haben, moralisch jedoch mit deren zwei: dem „katholischen Rom, der Hüterin des katholischen Glaubens und der für die Erhaltung dieses Glaubens notwendigen Traditionen“, dem „Ewigen Rom, der Lehrerin der Weisheit und Wahrheit“, wie Erzbischof Lefebvre es in seiner berühmten Erklärung von 1974 formulierte, und andererseits mit dem „Rom der neo-modernistischen und neo-protestantischen Tendenz“, dem „konziliaren“ Rom, wie wir es nennen können. Das katholische, das Ewige Rom, hat stets an seiner heiligen, überlieferten römischen Messe festgehalten, wie sie vom heiligen Pius V. kanonisiert worden ist. Das „konziliare“ Rom hat sie durch eine menschengemachte „neue Messe“ ersetzt. Somit wurden die beiden Messen jeweils zum Kennzeichen für das eine wie für das andere Rom. Jetzt aber bemächtigt sich das „konziliare“ Rom der überlieferten, wahren heiligen Messe und macht sie sich zu eigen. Sie ist ja nun die „außerordentliche Form“ der falschen Messe, jenes halbprotestantischen „Bastard-Ritus“, wie ihn Erzbischof Marcel Lefebvre einmal nannte. Um sie sich anzueignen, muß sie freilich erst wieder rechtlich zugelassen sein, rechtlich zugelassen in der „konziliaren Kirche“ wohlgemerkt, denn in der römisch-katholischen Kirche ist sie es ohnehin immer gewesen.

Das also und nichts anderes ist der eigentliche unerhörte Vorgang, den dieses Motu aller Proprios ins Werk setzt: die unrechtmäßige Aneignung des wahren, heiligen, römisch-katholischen Meßritus durch das neo-modernistische und neo-protestantische, ökumenistische und charismatische Rom. Ein Grund zum Jubel, fürwahr! Aber nicht für die wahren Katholiken! So reklamiert inzwischen sogar ein Kardinal Lehmann, bisher nicht gerade bekannt für „traditionsfreundliche“ Tendenzen, diese Messe für sich: „Ich finde diese Messe ist etwas, was schon immer der ganzen Kirche gehörte. Sie gehörte schließlich auch mir. Schließlich habe ich als junger Priester darin meine eucharistische Frömmigkeit aufgebaut.“