Bruch oder Durchbruch?

von antimodernist2014

In der Optik nicht weniger Katholiken stellen sich die Dinge so dar, daß vor dem „II. Vatikanum“ in der Kirche noch alles mehr oder weniger zum besten stand. Dann kam „das Konzil“, und nichts war mehr wie zuvor. Alles wurde geändert, erneuert, das Alte abgeschafft und verpönt, kurz, wir hatten es mit einer völlig neuen Kirche zu tun, der „konziliaren Kirche“ eben, der die „alte Kirche“, auch „Tradition“ genannt, gegenüberstand. Zwischen beiden klaffte ein Graben. Das „II. Vatikanum“ war der Bruch: bis dahin die „Tradition“ und alles mehr oder weniger gut, danach die „konziliare Kirche“ und ziemlich alles schlecht. So sah es jedenfalls von der Seite der „Tradition“ aus, von der anderen Seite sah man es umgekehrt: vorher alles schlecht und nachher ziemlich alles gut. Einig war man sich über den radikalen Bruch.

Es ist das Verdienst Ratzingers, diese letztlich falsche Sichtweise aufgebrochen zu haben durch seine berühmte Gegenüberstellung von „Hermeneutik des Bruches“ oder „der Diskontinuität“ einerseits und der „Hermeneutik der Reform“ mit einer gewissen „Kontinuität“ andererseits. Dies führt uns auf eine neue Spur, auf welcher wir der Realität bedeutend näher kommen.

Schon aus gewissen physikalischen Vorgängen kennen wir den oftmals komplexen Zusammenhang von Kontinuität und Diskontinuität, die durchaus keine unversöhnlichen Gegensätze sein müssen, sondern einander bedingen können. Nehmen wir als Beispiel den Fußboden einer Bibliothek zu einer Zeit, als solche Böden noch nicht aus Beton bestanden, sondern von Holzbalken getragen wurden. Dieser Boden wird unter dem Gewicht der Bücher immer weiter nachgeben, je mehr Bücher in der Bibliothek gelagert werden, und sich kontinuierlich biegen. Irgendwann kommt dasjenige Buch hinzu, mit welchem die Tragfähigkeit des Bodens überschritten ist, und auf einmal biegt er sich nicht mehr kontinuierlich, sondern bricht und kracht nach unten: die Diskontinuität. Und doch ist diese, wie wir sehen, nur eine Folge der vorangegangenen Kontinuität. Das Sprichwort faßt dies zusammen im Bild von dem Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt.

Sehen wir uns ein weiteres Beispiel an: Durch einen Berg soll ein Tunnel gegraben werden. Nun wird von beiden Seiten ein Bohrer angesetzt, und es wird kontinuierlich immer weiter in den Berg gebaggert. Das geht solange, bis eines Tages die Bohrlöcher aufeinandertreffen, und dann ist der „Bruch“ da, der Durchbruch nämlich, die Diskontinuität. Solche und ähnliche Zusammenhänge ließen sich an vielen anderen Beispielen darstellen.

Wenn wir uns nun das „II. Vatikanum“ betrachten, so werden wir unschwer feststellen, daß es nicht aus heiterem Himmel gefallen ist. Nicht nur jahrzehntelang, nein jahrhundertelang war darauf hingearbeitet worden. Wir erinnern nur an die „Alta venta“ der „Carbonari“ vom frühen 19. Jahrhundert, an das „Freimaurer-Gegenkonzil“ gegen das (I. und einzige) Vatikanum 1869/70, an die Wühlarbeiten der Modernisten und dann auch der Kommunisten in der Kirche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, von den allem vorausgegangen Vorarbeiten der Jansenisten, Gallikaner und noch früher der „Reformatoren“, der Humanisten etc. ganz abgesehen. All diese Vorgänge und Bestrebungen sind geschichtlich belegt und dokumentiert, sie stellen gewissermaßen die „Tradition“ des „II. Vatikanums“ dar. Sie wurden mit bemerkenswerter Kontinuität unermüdlich fortgesetzt, bis endlich der Durchbruch gelang.

So gesehen kann man also zwar das „II. Vatikanum“ mit Recht einen „Bruch“ oder eine „Diskontinuität“ nennen, gleichwohl steht es in einer „Kontinuität“ oder „Tradition“, aus welcher es folgerichtig hervorging. Es war eben nicht eigentlich ein Bruch, sondern ein Durchbruch. Am Beispiel der Liturgie wird dies besonders klar sichtbar. Bekanntlich hatte Bugnini seine ersten offiziellen Schritte hin zum „Novus Ordo“ bereits in den 1950er Jahren getan mit den „Reformen“ der Karwoche und der Rubriken, die schließlich noch etwas erweitert und ergänzt in die sog. Liturgie von 1962 oder „Liturgie des seligen (und nunmehr „heiligen“!) Johannes XXIII.“ eingingen. Nicht umsonst hatte ein Kenner (P. Carlo Braga) die Karwochen-“Reform“ den „Kopf des Rammbocks“ genannt, mit „welchem die Festung der bis anhin statischen Liturgie eingerissen wurde“. Mit dem „II. Vatikanum“ und seiner Liturgiekonstitution gelang dem „Rammbock“ der Durchbruch, der dann wieder in folgerichtiger Kontinuität über den Zwischenritus 1965 zum „Novus Ordo“ führte.

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