Bruch oder Durchbruch?

Wenn wir nun versuchen, in diese etwas realistischere Perspektive die sog. „Traditionalisten“ einzuordnen, z.B. anhand der von ihnen ausschließlich verwendeten 1962er Liturgie, so stellen wir überrascht fest, daß sie nicht wirklich in der katholischen Tradition stehen, sondern vielmehr in jener des „II. Vatikanums“, zwar noch vor dem Durchbruch, doch schon ganz nahe daran. Wir verstehen daraus gut, wieso ein Ratzinger, der so ziemlich als einziger die Dinge wirklich durchschaut zu haben schien, diese „Traditionalisten“ als Verbündete für die Rettung „des Konzils“ und seiner Errungenschaften gewinnen wollte.

Für ihn nämlich zeichnete sich die Gefahr ab, daß der gebohrte „Tunnel“ nun von der anderen Seite, den „Neuerern“ oder „Progressisten“ her, wieder zugeschüttet zu werden drohte. In der ganz und gar evolutionistischen Auffassung der Modernisten und fast mehr noch der Postmodernisten wäre ein solches Abschneiden der „Tradition“ gleichbedeutend mit dem Verstopfen des Lebensflusses. Kann er nicht mehr weiterfließen, so trocknet alles aus und verdorrt. Mit der Hilfe der 1962er „Traditionalisten“ schien es möglich, den Tunnel an der entscheidenden Stelle offen zu halten, zumal er bis dorthin noch ordentlich abgestützt, ausgebaut und zementiert schien, was in seinen späteren Abschnitten wegen der Ungeduld und Eile beim Durchbruch und danach vernachlässigt worden war. Dann würde es auch möglich werden, die „Traditionalisten“ selbst zum Weitergehen zu veranlassen und somit die Kontinuität in der Diskontinuität zu vollenden.

Ganz im Sinn dieses Modells muß sicherlich das Motu proprio „Summorum Pontificum“ gelesen werden, wenn anders man es wirklich verstehen und einordnen will. Dann wird klar, wie Ratzinger erlauben konnte, „das Meßopfer nach der vom sel. Johannes XXIII. im Jahr 1962 promulgierten und niemals abgeschafften Editio typica des Römischen Meßbuchs als außerordentliche Form der Liturgie der Kirche zu feiern“ (und nur diese Form, nicht etwa eine noch frühere!), und behaupten, es handle sich um zwei „Ausdrucksformen“ derselben „lex orandi“ der „Kirche“.

Wie es aussieht, scheiterte Ratzinger mit seinem weitschauenden Projekt an der Borniertheit der Partner auf beiden Seiten des „Durchbruchs“. Weder „Traditionalisten“ noch „Modernisten“ konnten seinen Gedankenflügen folgen. Doch es wäre nicht das erste Mal, daß ein Denker, der seiner Zeit voraus war, etwas ersann, was später dann doch Wirklichkeit wurde, und wenn es Jahrhunderte dauerte. Und so viel Zeit dürfte es diesmal kaum beanspruchen, sehnen sich doch die „Traditionalisten“ schon lange danach, endlich „der Kirche die Tradition zurückzubringen“ bzw. von „der Kirche“ wiedergefunden zu werden. In ihrem töricht eitlen Stolz halten sie sich zugute, die einzigen zu sein, an denen das „konziliare“ Rom Interesse zeigt. Wir finden daran wenig Überraschendes, sind sie doch die einzigen, die sich mit ihrer 1962er Positionierung einerseits und ihrer Anerkennung der „konziliaren Kirche“ als „die Kirche“ andererseits eindeutig als die „Tradition“ dieser und nicht der katholischen Kirche zu erkennen geben.

Für uns als Katholiken kommt es freilich nicht in Frage, uns dieser „Kirche“ oder ihrer „Tradition“ anzuschließen. Wir wollen der wahren, der katholischen Kirche treu bleiben, nicht der „konziliaren Kirche“ und deren „Tradition“. Die wahre Kirche aber steht in völligem Gegensatz zu dieser Anti-Kirche, da gibt es keine Kontinuität und auch keine Diskontinuität, nur einen Abgrund, der die beiden trennt und jeden vor die Wahl stellt: katholisch oder nicht? Darum ist auch ein „Dialog“ von vornherein gar nicht erst denkbar. Zu diesem Ende muß man freilich alles sorgsam meiden, wo sich der katholische Boden irgendwie oder gar bedenklich beugt und die Kontinuität hin zur Diskontinuität einläutet.

Auf gut katholischem Boden befinden wir uns in der Liturgie vor den Reformen unter Pius XII., in der Theologie muß man oftmals weiter zurück, begann doch bereits Ende des 19. Jahrhunderts sich massiv die Angst auszubreiten, gegenüber der modernen Wissenschaft ins Hintertreffen zu geraten und namentlich die katholische Lehre von der Schöpfung nicht mehr aufrechterhalten zu können. Kurz, wir müssen Antimodernisten sein und bleiben, nur so entgehen wir der Gefahr, in den Strudel der revolutionären „konziliaren Kirche“ zu geraten und uns dabei noch einzubilden, die katholische „Tradition“ zu vertreten, nur weil wir uns einem frührevolutionären Stadium verhaftet fühlen.