Natur und Gnade und die Lehre vom Limbus

von antimodernist2014

1. Unsere heutige, im Naturalismus versunkene Zeit tut sich schwer damit, Übernatur überhaupt noch wahrzunehmen, geschweige das Verhältnis von Natur und Gnade richtig zu fassen. Da wird dann selbst unter den noch verbliebenen guten Katholiken etwa eine Aussage wie diese: die Philosophie sei die Magd der Theologie, als eine unzulässige Einschränkung und Degradierung der Philosophie aufgefaßt. Das trifft natürlich in keiner Weise zu. Doch um die Dinge wieder richtig zu sehen, müssen wir versuchen, allem von Anfang an nachzuspüren und das rechte Verständnis wieder zu erlangen.

2. Natur und Übernatur sind klar zu unterscheiden, wie allein schon die Ausdrücke besagen. Übernatur ist gerade das, was nicht Natur ist, sondern über die Natur hinausgeht. Andererseits heißt sie „Übernatur“ und nicht „Gegennatur“, weil sie eben nicht gegen die Natur ist, sondern die Natur überragt oder übersteigt. In der Scholastik war man sich darüber einig, daß die Gnade die Natur nicht zerstört oder beengt, sondern sie voraussetzt bzw. auf sie aufbaut, sie erhöht, überhöht und vervollkommnet. „Gratia non tollit, sed supponit naturam, elevat et perficit eam.“

So setzt der Glaube als übernatürliche Erkenntnis den natürlichen Verstand und dessen natürliche Fähigkeiten voraus, vermittelt uns aber Erkenntnisse und Einsichten, die weit über die Möglichkeiten des natürlichen Verstandes hinausgehen. Er nimmt dem Verstand nichts, sondern beschenkt ihn im Gegenteil in überreicher Weise. Zwar ist unser natürlicher Verstand durchaus in der Lage, von sich aus zu erkennen, daß es einen Gott gibt, und in diesem den allmächtigen Schöpfer der Welt, den Ewigen, Allweisen usw. zu sehen. Ihn aber als den dreifaltigen Gott zu erkennen, welcher Seinen eingeborenen Sohn in diese Welt gesandt hat, damit Er als der Menschgewordene, geboren aus Maria der Jungfrau, die Welt erlöse, das vermittelt uns nur der Glaube.

Richtig verstanden ergänzen sich somit Natur und Übernatur. Für die Natur ist es keine Einschränkung oder Erniedrigung, der Gnade dienen zu dürfen, sondern im Gegenteil eine Erhebung und Ehrung. Wenn ein Esel (hier einfach als Lasttier genommen, nicht als Beleidigung!) beispielsweise mit kostbaren Reliquien beladen wird, um sie in einer Prozession zu tragen, ist dies dann für den Esel eine gewaltige Ehre oder eine Herabsetzung? So kann die Philosophie es nur als ihre größte Ehrung und Adelung betrachten, wenn sie der Theologie und dem Glauben dienen darf.

3. Aber bedeutet es nicht vielleicht doch eine unzulässige Einschränkung für die Natur, letztlich eine Leugnung ihrer Eigenständigkeit, wenn man sie nur in ihrer Beziehung zur Übernatur betrachtet? Hat die Kirche nicht der natürlichen Vernunft immer ihre eigenen Rechte zugestanden? Geraten wir nicht in eine häretische Schieflage, wenn wir die Natur gewissermaßen in der Übernatur aufgehen lassen oder doch nur in ihrem Bezug auf diese gelten lassen wollen?

Wie wir schon sagten: Schon die Begrifflichkeit schließt jede Vermischung und Vermengung von Natur und Übernatur aus. Auch in Christus finden wir in Seiner hypostatischen Union die beiden Naturen, göttliche und menschliche, zwar eng verbunden, aber ganz und unvermischt. Aber sie lassen sich nicht trennen, ohne Christus aufzulösen. Ebensowenig ist eine Trennung in der Schöpfung möglich, ohne diese zu zerstören.

Einen reinen Naturzustand des Menschen, der zwar denkbar wäre, hat es tatsächlich nie gegeben. Gott hat den Menschen von Anfang an in die Übernatur erhoben. Seine Natur war das Gefäß für das kostbare Geschenk der Gnade, welche dem Menschen so sehr zu eigen war, daß sein Wohnort kein anderer sein konnte als das Paradies und selbst sein natürlicher Stand durch die präternaturalen Gaben erhoben war wie Unsterblichkeit, Leidensunfähigkeit und Integrität.

Durch die Sünde im Paradies fielen unsere Stammeltern und damit die ganze Menschheit aus diesem Urzustand heraus, und das blieb nicht ohne Folgen. Nicht nur ging die übernatürliche Ausstattung verloren, sondern auch die Natur als ihr Träger wurde zwar nicht zerstört, aber gewissermaßen beschädigt und degradiert. Sie ging des Paradieses und der präternaturalen Gaben verlustig und erlitt eine Deformation. Wir sprechen von den vier Wunden, welche die Ursünde in der Menschennatur hinterlassen hat und die sich durch die Erbsünde fortpflanzen: Unser Verstand, geschaffen für die Wahrheit, neigt zum Irrtum; unser Wille, uns zur Erlangung des Guten gegeben, neigt zum Bösen; unser Begehrvermögen, das uns Lebensfreude schenken soll, neigt zur Unmäßigkeit; das zornmütige Vermögen, dazu da, uns Kraft im Kampf gegen Widrigkeiten zu verleihen, neigt zur Schwäche. Wir können den Zustand vielleicht mit einem goldenen Diamantring vergleichen, aus dem man gewaltsam den Stein gebrochen hat. Nicht nur fehlt der Diamant, auch der Ring selbst ist beschädigt, zerkratzt, die Fassung verbogen usw.

Durch die Taufe erhalten wir die heiligmachende Gnade zurück. Die Wunden der Erbsünde bleiben jedoch ebenso bestehen wie der Verlust des Paradieses und der präternaturalen Gaben. Das ist die Grundlage für den sittlichen Kampf, den wir ein Leben lang zu führen haben, vor allem gegen die eigene Begierlichkeit, um endlich im himmlischen Paradies die vollkommene und endgültige Wiederherstellung zu erlangen. Wir können sagen, der Ring hat seinen Stein zurück, doch ist er nach wie vor beschädigt und obendrein in ständiger Gefahr, den Stein wieder zu verlieren; erst wenn er im Feuer der Widerwärtigkeiten (oder des Reinigungsortes) neu geschmiedet wurde, ist er vollkommen wiederhergestellt.

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