Natur und Gnade und die Lehre vom Limbus

Die Wiederherstellung der Natur kann nicht ohne die Gnade gelingen. Sie ist es, die uns in unserem sittlichen Kampf unterstützt, in dem wir ohne sie verloren wären, und die Wunden unserer gefallenen Natur wieder schließt, allmählich und unvollkommen und nicht ohne unsere Mitwirkung während unserer irdischen Pilgerschaft, vollkommen und für immer in der ewigen Heimat. Für unsere verwundete Natur erweist sich die Gnade somit als unerläßliche und wohltätige Helferin, keineswegs als Gegnerin und Feindin. Allerdings wird sie oft als solche empfunden, wie auch der Arzt nicht selten als widerwärtig und feindlich erscheint, da er Unannehmlichkeiten bereiten muß, um dem Patienten zu helfen.

Feind ist die Gnade dem Irrtum, dem Bösen, der Unmäßigkeit und der Schwäche. Die Heilige Schrift spricht hier vom Gegensatz und Widerstreit zwischen Fleisch und Geist. In Wahrheit jedoch ist sie die größte Wohltäterin der gefallenen Natur und will nichts als diese aufrichten und heilen. Wo freilich der Naturalismus auf Autonomie und die sog. Rechte der gefallenen Natur auf Irrtum und Sünde pocht, wie dies heutzutage allüberall geschieht, muß die Gnade als die ärgste Feindin gesehen und bis aufs Blut bekämpft werden.

Für uns jedoch herrscht zwischen Glauben und Vernunft die höchste Eintracht. Der Glaube hilft der Vernunft, bewahrt sie vor Irrtum, führt sie sicher auf den Wegen der Wahrheit und adelt, ja vergöttlicht sie durch Erhebung zu den übernatürlichen Wahrheiten. In der rein übernatürlichen seligen Anschauung Gottes, die sich durch den Glauben vorbereitet, wird sie einst ihre höchste Vollkommenheit und ihr höchstes Glück finden.

4. Die Kenntnis dieser Wahrheiten führt uns zum rechten Verständnis der Lehre vom „limbus puerorum“, der sog. Vorhölle als Ort für die Seelen ungetauft verstorbener Kinder. Wenn man nach deren Verbleib fragt, so ist zum einen zu berücksichtigen die Tatsache, daß sie keine Taufe empfangen konnten, zum anderen ihre Unfähigkeit zu sündigen, da sie den Vernunftgebrauch noch nicht erlangt hatten. Nun besagt die katholische Lehre, daß jeder Mensch im Stand der Erbsünde geboren wird. Er entbehrt insbesondere der heiligmachenden Gnade, und dieser Zustand ist ein schuldhafter, zwar nicht aus persönlicher Schuld rührend, wohl aber aus der Schuld der Stammeltern, die uns mit der menschlichen Natur übertragen wurde. Deshalb sprechen wir ausdrücklich von Erb-Sünde oder auch Erb-Schuld, nicht einfach von Erb-Last. Getilgt wird diese Schuld durch die Taufe, die uns gleichzeitig wieder in den Stand der Gnade versetzt.

Stirbt ein Mensch nun vor der Taufe und damit in jenem Zustand der Erbsünde, so muß er die Strafe dafür erleiden, welche im Entzug der seligen Anschauung Gottes besteht, die eigentlich Ziel und Zweck unseres Daseins ist. Gleichwie nun in dieser seligen Anschauung, der „visio beatifica“, das Wesen unserer ewigen Glückseligkeit, der Himmels, besteht, so macht der ewige Ausschluß von dieser das Wesen der Hölle aus. Da jedoch andererseits die vor Vernunftgebrauch verstorbenen Kinder keine persönlichen Sünden haben, gibt es für sie keine weiteren Höllenstrafen zu erleiden wie etwa das ewige Feuer oder den Gewissenswurm, welcher nie stirbt. Wir sprechen darum von einer Vor-Hölle, dem Limbus eben, wo die Seelen dieser Kinder zwar für immer der seligen Anschauung Gottes beraubt sind, ansonsten jedoch keinerlei Peinen oder Qualen zu erdulden haben, welche die Strafen für persönliche Schuld wären.

Dennoch bleibt dieser Zustand ein beklagenswerter, weshalb die Kirche stets darauf drängte, alles dafür zu tun, um möglichst kein Kind ungetauft sterben zu lassen. Je mehr jedoch der dogmatische Hintergrund dieses Sachverhalts verblaßte, desto mehr trat das persönliche Schicksal dieser Kinder in den Vordergrund und das Mitleid mit ihnen. Sollte denn Gott wirklich so grausam sein, unschuldige Kinder in dieser Weise eine Strafe leiden zu lassen? Sie selbst konnten ja am allerwenigsten dafür, daß sie ungetauft hatten sterben müssen.

Ohne deshalb die Lehre vom Limbus gleich auflösen zu wollen, griffen die Theologen zunächst zu anderen Möglichkeiten, und so veränderte sich die Auffassung vom Limbus allmählich von der Vor-Hölle zu einer Art Vor-Himmel, also zu einem Zustand natürlicher Glückseligkeit, wo diesen armen Kindern nichts weiter abgeht als halt gerade noch die „visio beatifica“. Vernachlässigt wurde dabei zweierlei, erstens der Umstand, daß just diese „visio beatifica“ es ist, welche die Glückseligkeit ausmacht, während ihr Entzug die wesentliche Höllenstrafe ist; zweitens die Tatsache, daß es eine reine Natur nicht gibt und nie gegeben hat, somit auch keine rein natürliche Glückseligkeit möglich ist. Der Zustand der ihrer gnadenhaften Erhebung beraubten Natur ist immer ein defizitärer.

Darum neigen neuere Theologen, und keineswegs erst seit „dem Konzil“, dazu, den „limbus puerorum“ überhaupt zu leugnen bzw. die Barmherzigkeit Gottes zu betonen, der gewiß nicht zulassen könne, daß diese armen und unglücklichen Kinder im Limbus schmachten, sondern schon seine Mittel und Wege habe, sie ebenfalls der himmlischen Glückseligkeit teilhaftig zu machen. Letzteres ist freilich nicht ausgeschlossen und mag für manche Eltern ein Trost sein, die das Unglück hatten, ein Kind ungetauft zu verlieren. Wollten wir aus dieser entfernten Möglichkeit jedoch eine Regel oder Gewißheit machen, so liefen wir Gefahr, die ganze Lehre von Natur und Übernatur, namentlich von der Erbsünde und der Heilsnotwendigkeit der Taufe aufzulösen. Man würde allmählich dahin kommen, die Taufe nicht mehr gar so ernst zu nehmen, da man ja auch ohne sie in den Himmel gelangen kann. Die Folge davon wäre ein lockererer Umgang mit der Taufpraxis und darum womöglich die Gefahr, daß mehr Kinder als nötig ungetauft sterben müssen – wie es ja heute leider weithin der Fall ist. Und wenn diese Kinder dann deswegen doch im Limbus enden müssen? Wir sehen, wohin wir mit einem falschen Mitleid gelangen.

5. Vertrauen wir also gerne auf Gottes Barmherzigkeit, aber halten wir uns an den dogmatischen Sachverhalt und tun wir unser Möglichstes. Grundlage für unser Handeln müssen ja stets die theologischen Gewißheiten sein, nicht irgendwelche Spekulationen. Dann und nur dann dürfen wir auch auf die Barmherzigkeit Gottes hoffen.