Auchkatholiken

von antimodernist2014

Kürzlich stieß ich beim Durchstöbern meiner Bücher wieder einmal auf einige Hefte des Fürsten der deutschen Neuscholastik, Matthias Joseph Scheeben. Diese Hefte, mit dem Titel „Das ökumenische Concil vom Jahre 1869“, hatte er während und nach dem ersten (und einzigen) vatikanischen Konzil herausgegeben. Beim Durchblättern eines der Hefte stolperte ich über einen Artikel: „Katholizismus und Auchkatholizismus“. Der Text fesselte mich sofort beim ersten Hineinlesen, denn er erschien mir so aktuell, als wäre er erst kürzlich geschrieben worden, weshalb ich ihn auch in einem Zug zu Ende las. Man kann es kaum glauben, 1870 hat Scheeben diese Zeilen niedergeschrieben, also vor 144 Jahren. Offensichtlich hat sich in dieser langen Zeit nicht allzu viel verändert. Da wir diesen Text vollständig in der Nummer 2 der Zeitschrift „Antimodernist“ abgedruckt haben, dachte ich mir, hier einen Kommentar zu schreiben. Sobald man nämlich etwas eingehender über diesen Text nachdenkt, erschrickt man, denn die Gedanken Scheebens passen nicht nur ganz genau auf die heutigen modernen liberalen Katholiken, sondern genauso gut auch auf das, was man Bewegung der Tradition zu nennen pflegt.

Katholizismus und Auchkatholizismus

Schon im 19. Jahrhundert gab es immer mehr Katholiken, die sich vom sog. Liberalismus anstecken ließen – heute würde man vom modernen Zeitgeist sprechen. Man nannte diese Leute damals liberale Katholiken oder Auch-Katholiken:

„Schon seit Jahren konnte man ganz inkorrekte liberale Äußerungen aus dem Munde solcher vernehmen, die es für notwendig erachten, gleichzeitig zu erklären, daß sie „auch katholisch“ seien, woraus bekanntlich der übliche Terminus „Auchkatholizismus“, der altbayrisch ausgesprochen so ziemlich mit Akatholizismus zusammenfällt, entstanden ist. Eines näheren Nachweises bedarf diese Tatsache nicht, da sie eine offenkundige ist. Es genügt sie konstatiert zu haben.
Es war gewiß eine höchst beklagenswerte Erscheinung, ein kaum zu ertragendes Ärgernis, die fruchtbare Mutter unzähliger Übel in der Kirche. Mittlerweile aber hat sich dieses Übel beinahe ganz ungestört und ungehemmt, da und dort sogar durch allerlei Tolerieren und konnivieren (Nachsicht üben) begünstigt und gepflegt, immer weiter und weiter ausgebreitet, und in diesem Augenblicke hat es bereits Dimensionen erreicht, welche jeden erschrecken, der noch Klarheit und Ruhe genug besitzt, um sie wahrzunehmen, und Glauben und Liebe zur Kirche genug, um darüber sich zu betrüben und zu entrüsten.“

Nach den geistigen Umbrüchen im Gefolge der französischen Revolution wurden diejenigen Katholiken, die nicht nur einfach katholisch waren, sondern auch katholisch, immer mehr. Die moderne Zeit stand nämlich nicht mehr im Einklang mit dem katholischen Glauben. Die Versuchung, sich der modernen Welt anzugleichen, nicht immer hinter dem vermeintlichen Fortschritt herzulaufen, wurde immer größer, wurde doch das katholische Denken ganz an den Rand der Gesellschaft gedrängt und der Katholik dadurch zum Außenseiter gestempelt. Diese Entwicklung war jedoch gar nicht so neu, dauerte sie doch schon mehrere Jahrhunderte fort. Schon seit der sog. Reformation drohte die katholische Welt zu zerbrechen. Jenes theokratische, einheitliche und in sich geschlossene Weltbild des Mittelalters löste sich allmählich auf.

Der Grundgedanke des mittelalterlichen Weltbildes war der einer gottgewollten hierarchischen Ordnung, in der alles seinen Ort hat oder wenigstens haben soll. „Denn aus ihm und durch ihn und für ihn ist alles. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.“ (Röm 11, 36) – so hatte der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer geschrieben. Es ist die Aufgabe der Christen, das Gottes-Reich zu verwirklichen: „So ermahne ich euch, ich, der Gefangene im Herrn: Wandelt würdig der Berufung, die euch zuteil geworden ist, in aller Demut, Sanftmut und Geduld. Ertragt einander in Liebe. Seid bestrebt, die Einheit im Geist durch das Band des Friedens zu bewahren. Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch durch eure Berufung zu einer Hoffnung berufen seid. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in allem ist“ (Eph 4, 1-6). Durch die Gotteskindschaft sind die Menschen wieder zu einer Einheit verbunden, die auf der gottgeschenkten Gnade gründet. Die von Gott geschaffene Welt soll in Gott ihre Voll-Endung haben. Alles soll dem großen Ziel dienen, wodurch die Idee des Ordo (der alles umfassenden Ordnung) als zentrale Idee des Mittelalters entsteht. Von der Antike werden ihre wertvollsten und eigentümlichen Leistungen aufgenommen, aus ihrer Isolierung befreit und in das eine große Ordnungsbild eingewoben. Darunter sind die philosophische Weisheit der Griechen und der Staatsgedanke des Imperium Romanum. Für das Mittelalter war die Welt wirklich ein Kosmos, eine wohlgeordnete, allumfassende Einheit. Jedes einzelne Seiende hatte Geltung und Wert durch seine Stellung in der ewigen Ordnung, in die es von Gott hineingestellt worden ist und hineingehört. Alle Persönlichkeitskräfte, das Denken, Wollen und Fühlen des Menschen sind zentriert um diese eine wahre Mitte.

Der mittelalterliche Mensch wußte aber auch, diese Ordnung ist nicht einfach vorgegeben, sie ist immer auch Aufgabe, ja nur durch einen ständigen geistigen Kampf aufrecht zu erhalten. Denn es gibt in der Menschenwelt zwei entgegengesetzte Kräfte, die ständig gegeneinander streiten: „Es schufen darum zwei Staaten die zwei Weisen Liebe: den Erd-Staat nämlich die Liebe zu sich bis zur Verachtung Gottes, den Himmels-Staat aber die Liebe zu Gott bis zur Verachtung seiner“ (Hl. Augustinus, de Civ Dei XIV 28). „Zwei Weisen Liebe, – von denen die eine heilig ist, die andere unrein; die eine zu Gemeinschaft hin, die andere zu sich hin; die eine für den Gemein-Nutzen sorgend um der überirdischen Gemeinschaft willen, die andere auch Gemein-Dinge in die eigene Verfügung rückbiegend um der anmaßenden Herrschaft willen; die eine untertan, die andere nebenbuhlerisch zu Gott; die eine ruhig, die andere aufgeregt; die eine friedschaffend, die andere aufständisch; die eine die Wahrheit dem Lob der Irrenden vorziehend, die andere auf jede Weise lobgierig; die eine freundnachbarlich, die andere neidisch; die eine das dem Nächsten wollend, was sich, die andere, den Nächsten sich zu unterwerfen; die eine um des Nutzens des Nächsten den Nächsten lenkend, die andere um ihres Nutzens, – diese (zwei Weisen Liebe) … bilden den Unterschied zwischen zwei Weisen Staat im Menschengeschlecht …, in deren … sozusagen zeitlicher Vermischung untereinander die Weltzeit verbracht wird“ (Hl. Augustinus, de Gen an litt XI 15; 20). „Diese zwei Weisen von Staat werden durch zwei Weisen Liebe: Jerusalem durch die Liebe zu Gott, Babylon durch die Liebe zur Welt. Es frage also sich ein jeder, was er liebt, und er wird finden, wessen Bürger er ist; und fand er den Bürger Babylons, so rotte er aus die Begehrlichkeit, pflanze die Liebe: fand er sich aber als Bürger Jerusalems, so dulde er die Gefangenschaft, hoffe die Freiheit“ (Hl. Augustinus, in Ps 64; 2).

In der mittelalterlichen Welt war eine größtmögliche Einheit der verschiedenen Lebensbereiche, aber auch der Seelenkräfte erreicht worden, wodurch aller Dienst an Gott zusammengebunden war. In dieser Welt paßte alles zusammen: Staat und Kirche, Glaube und Vernunft, Glaubensleben und Alltag, Gebet und Arbeit, usw. Mit der Reformation zerbrach diese einheitliche Welt. Der Irrglaube Luthers isolierte den Christen und lieferte ihn zunächst der Willkür der Prediger, sodann der Fürsten und der sog. Philosophen aus. Der Glaube verlor allmählich seine gesellschaftsformende Kraft, er wurde letztlich zur Privatsache degradiert. Während der Französischen Revolution geschah eine äußerst symbolträchtige Handlung. Am 21. Januar 1793 lassen die Revolutionsführer auf dem Place de la Concorde unter dem bedrückenden Schweigen des Volkes von Paris König Ludwig XVI. guillotinieren. Die Hinrichtung des Königs „symbolisiert die Entheiligung dieser Geschichte und die Entkörperung des christlichen Gottes“. „Bis dahin mischte sich Gott vermittels der Könige in die Geschichte ein. Aber man tötet seinen geschichtlichen Repräsentanten, es gibt keinen König mehr. Nun gibt es nur noch einen Anschein von Gott, der in den Himmel der Prinzipien verwiesen wurde“, so deutet Albert Camus, in seinem Buch „Der Mensch in der Revolte“, dieses verbrecherische Geschehen.

Seiten: 1 2 3 4