Auchkatholiken

Das kirchliche Leben wird in die Sakristeien verbannt und der persönliche Glaube in die stille Kammer zuhause. Zu dieser revolutionären Wandlung des Staates kommen die geistesgeschichtlichen Veränderungen durch die modernen Philosophien. Der Geist des Zweifels erfüllt die Menschenherzen und entfremdet sie dem kindlichen Glauben, der sich auf die Autorität Gottes und Seiner Kirche stützt. Der Katholik wird also mehr und mehr in die Enge getrieben. Sein Glaube paßt nicht mehr in diese moderne Welt. Es stellt sich für ihn im alltäglichen Leben die Frage: Wie ernst muß ich den Glauben nehmen? Gibt es nicht neben dem Wesentlichen des Glaubens Vieles, das man auch großzügiger, liberaler sehen kann? Unter dieser geistesgeschichtlichen Voraussetzung sehen diese liberalen Katholiken das Vatikanische Konzil und die drohende Dogmatisierung der Unfehlbarkeit des Papstes auf sich zukommen. In diesem Zusammenhang muß man auch die Gedanken Scheebens zu den Auchkatholiken sehen, damit man sie in ihrer ganzen Tragweite verstehen kann.

Nachdem Scheeben kurz auf die aktuelle Entwicklung in Deutschland eingegangen ist, beschreibt er das zu behandelnde Phänomen: „Und in unseren gebildeten Kreisen ? wie viel Auchkatholizismus! Darf man nicht fast sicher sein, daß die gebildeten Klassen der überwiegenden Mehrheit nach in allen Fällen, wo es sich um die Wahl zwischen einer angeblichen Forderung des Zeitgeistes und der alten Glaubenslehre, um kirchliches Recht auf der einen und politische Opportunität auf der anderen Seite handelt, regelmäßig zu Ungunsten der Kirche votieren werden? Das hindert aber die Votanten nicht, ernst und heilig zu versichern, daß sie auch katholisch seien. Werden nicht selbst in Kreisen, wo man das am wenigsten vermuten sollte, Behauptungen aufgestellt und verteidigt, die der apostolische Stuhl schon längst verworfen und mit scharfen Zensuren belegt hat, eine Verwerfung und Zensurierung, gegen welche der Episkopat der katholischen Welt keine Einsprache erhoben hat, so daß selbst nach gallikanischer Ansicht ein solcher Ausspruch des kirchlichen Oberhauptes als irreformabel zu betrachten sei? Geschieht das nicht unter der Versicherung, daß man auch katholisch sei?“

Man könnte die allgemeine damals Situation so beschreiben: Der kirchliche Geist auf dem Rückzug. Die Auchkatholiken sind in diesem geistigen Rückzugsgefecht immer bereit, wenn es um die Entscheidung zwischen dem Zeitgeist und der alten Glaubenslehre geht, dem Zeitgeist zu huldigen, wobei man jedoch natürlich beansprucht, auch noch katholisch zu sein. Dabei geht man durchaus schon so weit, daß man „Behauptungen aufgestellt und verteidigt, die der apostolische Stuhl schon längst verworfen und mit scharfen Zensuren belegt hat“. Dasselbe haben wir übrigens erst kürzlich wieder einmal bei den Traditionalisten erlebt, als es um die Frage der Unfehlbarkeit des Papstes bei Heiligsprechungen ging. Obwohl solcherlei Ansichten der apostolische Stuhl schon längst verworfen und mit scharfen Zensuren belegt hat, ist man dennoch der Meinung, man könne dies leugnen – und bliebe auch noch katholisch! Ja – „Ist es nicht bei Vielen stehende Regel geworden, jene für ultramontan, einseitig und extrem, für ungebildet und unwissenschaftlich zu erklären, die in Allem fest und unbedingt an der altkatholischen Lehre festhalten und nicht auf Kosten des Glaubensgutes mit dem modernen Liberalismus eine Versöhnung wollen?“

Klingt das nicht ganz genauso, wie das, was gewisse Hochw. Herren über all jene sagen, die gegen eine Vereinigung mit dem modernistischen Rom sind? Werden diese nicht als einseitig und extrem, ungebildet und unwissenschaftlich abgestempelt, während man selbst durchaus bereit ist, selbst auf Kosten des Glaubensgutes mit dem modernen Liberalismus eine Versöhnung anzustreben – oder in deren Sprachregelung gesagt: eine rein pragmatische Lösung ohne vorhergehende lehrmäßige Übereinkunft anzustreben? „Und wenn wir an die Frage der lehramtlichen Unfehlbarkeit des Papstes erinnern, was hat man nicht alles zum Schaden des Primates und der kirchlichen Einheit und der Unfehlbarkeit der Konzilien dagegen vorgebracht? Wie ist man zu diesem Zwecke mit den ehrenwertesten Persönlichkeiten umgegangen? Wie hat man an den Aussprüchen der hl. Schrift und der hl. Väter und allgemeiner Konzilien herumgekünstelt? Mit welcher Frivolität hat man die Frage, um die es sich handelt, entstellt und verdreht, eine Frage, worüber von dem häretischen Jansenismus und dem verurteilten Gallikanismus in der Kirche völlige Stimmeneinheiligkeit herrschte?“

Ja wirklich, wie viele vermeintliche Irrtümer und Fehler der Päpste haben diese Traditionalisten zum Schaden des Primates und der kirchlichen Einheit und der Unfehlbarkeit der Konzilien nicht zusammengetragen, nur um ihre Ideologie zu retten? Wie hat man den Aussprüchen der hl. Schrift und der hl. Väter und allgemeiner Konzilien herumgekünstelt? Welch eine Flut von Ausredetheologien hat sich in all den Jahren über die armen Gläubigen ergossen, so daß diese nicht mehr aus noch ein wissen und ihren illegitimen „Oberen“ selbstverständlich und immer mehr gehorchen als ihrem vermeintlichen Heiligen Vater in Rom? Und kommen wir nochmals an die Frage der Unfehlbarkeit der Kirche bei Heiligsprechungen zurück: „Mit welcher Frivolität hat man die Frage, um die es sich handelt, entstellt und verdreht, eine Frage, worüber von dem häretischen Jansenismus und dem verurteilten Gallikanismus in der Kirche völlige Stimmeneinheiligkeit herrschte?“ Es ist wirklich kaum zu glauben: Mit welcher Frivolität hat man versucht, den Gläubigen einzureden, die heilige katholische Kirche, könne durchaus unheiligen Heilige, ja Verdammte verehren, was so viel bedeuten würde, als daß sie dem Teufel Altäre errichtete.