Auchkatholiken

Scheeben stellt hierauf die entscheidende Frage: „Hat es jemals in der Kirche einen solchen Zustand gegeben, ohne daß das Kirchliche Lehramt sich erhoben hätte?“ Nein, die Kirche hat in diesen Situationen immer klärend eingegriffen und die Glaubenswahrheit gegen die liberalen Irrtümer verteidigt. Damals war es jedenfalls so, auf dem Vatikanischen Konzil wurden die vielfältigen Irrtümer der Zeit aufgearbeitet und die Wahrheit diesen klar entgegengestellt. Dieses Glück haben wir heutzutage leider nicht mehr. Denn auf sog. 2. Vatikanum ist genau das Gegenteil geschehen, man hat die liberalen Irrtümer angenommen, den Glauben verraten und einen neuen Glauben verkündet und die Konzils“kirche“ geschaffen. Aber kann das eine kirchliche Autorität, ohne ihre Legitimität zu verlieren?

„Nein und abermals nein! Ein solcher Zustand ist unvereinbar mit der Heiligkeit der Kirche. Ist ja doch die Kirche die Freundin Christi, ganz schön und ohne Makel (cant. 4, 7), die Braut Christi, für welche der menschgewordene Sohn Gottes sein unendlich kostbares Blut vergossen, damit sie sei ohne Makel und ohne Runzel oder etwas dergleichen, heilig und untadelig (Eph 5, 27), für deren Reinheit in der Lehre so viele Martyrer ihr Blut vergossen? Hat doch Christus in seinem hohenpriesterlichen Gebete für die Kirche gebetet: „Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, sowie auch wir… Heilige sie in der Wahrheit: Dein Wort ist Wahrheit… Ich heilige mich selber für sie, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit (Joh17,11 u. 17, 19). Ist doch die Kirche das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, ein Volk der Erwerbung (1 Pet 2, 9). Haucht doch Christus der Kirche als ihr Haupt fort und fort Unversehrtheit ein (Ignatius Martyrer) und beseelt und regiert sie sein Geist, der heilige Geist, der Geist der Wahrheit, der sie in alle Wahrheit einführt und bei ihr bleibt in Ewigkeit. Ist sie doch die Eine Mutter und Jungfrau zugleich, unbefleckt wie eine Jungfrau und liebend wie eine Mutter (Clemens alex. pæd. 1, 6), die unversehrte und reine Braut, die keine Befleckung zuläßt (Cyprian de unit. eccl. c. 6), das Haus, der Tempel, die Stadt Gottes, darin die apostolische Lehre stets rein und unbefleckt bewahrt worden ist (Irenäus adv. haeres. III, 3) und bewahrt wird, das Haus Gottes auf dem Felsen, unerschütterlich, nicht zu überwältigen von der Macht der Hölle.“

Diese Zeilen sollen wir nicht nur aufmerksam lesen, wir sollen sie meditieren, durchbeten. Die Kirche Jesus Christi ist eine heilige Kirche, weil sie Seine Braut ist und als solche makellos und rein. Die Katholiken wissen zwar noch theoretisch um diese Lehre, aber bewahren sie diese auch in den Wirrnissen dieser Zeit rein? Wie viel wird heute von der Reinheit des Glaubens dem liberalen, modernistischen Geist geopfert? Schon 1870 konnte Scheeben schreiben: „Und diese Kirche, der mystisch fortlebende Christus und sein ehrwürdiger Leib, sollte den Irrtümern der modernen Zivilisation nicht die katholische Wahrheit entgegen halten, aus Rücksicht für den Zeitgeist, der keine dogmatische Definitionen will, weil er nicht dogmenfreundlich, sondern dogmenfeindlich ist? Die Kirche, die stets reine und unversehrte, die in der Wahrheit geheiligte, sollte Irrtümer, die man laut und offen als Lehren hinstellt, welche auch Katholiken sich aneignen und bekennen dürfen, nicht als das, was sie sind, als Irrtümer aufdecken und von ihren Gliedern zurückweisen? Sie sollte dem Lug- und Trugwesen von Seite solcher nicht begegnen, welche sich zwar auch Katholiken nennen, aber trotz dieses ehrwürdigen Namens und sogar unter Berufung auf diesen Namen, also unter dem Schilde der Katholizität, sich zu Anschauungen bekennen, die dem katholischen Glauben fremd sind, mit ihm nicht harmonieren, ihm widersprechen?“

Wer die Konzilskirche für die wahre Kirche Jesu Christi hält, der kommt gar nicht darum herum zu behaupten, was Scheeben entrüstet zurückweist, daß nämlich Irrtümer, die man laut und offen als Lehren hinstellt, …auch Katholiken sich aneignen und bekennen dürfen, denn offensichtlich bleibt man dann trotz der unzähligen modernistischen Irrtümern auch katholisch. Und es sind nicht nur ein paar Gläubige, sondern die Bischöfe, Kardinäle und die Päpste, die trotz dieses ehrwürdigen Namens und sogar unter Berufung auf diesen Namen, also unter dem Schilde der Katholizität, sich zu Anschauungen bekennen, die dem katholischen Glauben fremd sind, mit ihm nicht harmonieren, ihm widersprechen. Ja im Gegenteil, anstatt daß man vor dem Irrtum beschützt wird, wird man um der Wahrheit willen verfolgt. Scheeben führt den Gedanken noch weiter: „Die Kirche sollte aus welch immer für Rücksichten jenen gegenüber schweigen, die unter katholischem Namen, und diesen Namen in den Vordergrund stellend, gegen das Oberhaupt der Kirche sich empören, seinen vollen und höchsten Jurisdiktionsprimat, seine höchste und volle Lehrgewalt verwerfen, den Primat oder den Stuhl zu ehren vorgeben, aber den lebendigen Träger des Primates, den lebendigen Inhaber des Stuhles Petri, den Statthalter Christi entehren?“

Ist mit diesen Worten nicht ein Großteil der sog. Traditionalisten haargenau beschrieben! Ist es nicht für viele von ihnen eine feste, über Jahrzehnte eingeübte Gewohnheit geworden, daß sie den Primat oder den Stuhl zu ehren vorgeben, aber den lebendigen Träger des Primates, den lebendigen Inhaber des Stuhles Petri, den Statthalter Christi entehren? Denn diese Traditionalisten bilden sich doch allen Ernstes ein, sie müßten dem Stellvertreter Jesu Christi nur dann gehorchen, wenn er einen feierlichen unfehlbaren Akt des Lehramtes setzt – wobei sie ihm selbst dann die Unfehlbarkeit absprechen, sobald sie ihnen nicht in den Kram, d.h. in ihre Ideologie paßt, wie wir jüngst erst wieder bei den Heiligsprechungen von Johannes XXIII. und Johannes Paul II. gesehen haben. De facto, also in der Tat, in der Wirklichkeit gibt es für sie den lebendigen Träger des Primates, den lebendigen Inhaber des Stuhles Petri, den Statthalter Christi gar nicht mehr. Aber das ist der Preis dafür, wenn man einen Irrlehrer, einen Apostaten meint als Papst der wahren Kirche Jesu Christi anerkennen zu können. Das wahre Papsttum verflüchtet sich, es rinnt einem sozusagen durch die Finger und löst sich in nichts auf. Übrig bleibt eine Marionette, ein bloßer Alibipapst, der immer das sagen darf, was man ihm sagen läßt, weil man selber sowieso besser weiß als er, was katholisch ist und sein soll.

Die Folgen davon sind freilich im wahrsten Sinn des Wortes verheerend: „Die Kirche sollte eine Uneinigkeit in der Lehre dulden, die, Dank der modernen Wissenschaft, ihren Presseerzeugnissen und ihren öffentlichen Erklärungen, einen sehr bedrohlichen Charakter angenommen hat, bereits tief in‘s praktische Leben eingedrungen ist, die Geister entzweit, selbst Kleriker von Klerikern trennt und zum Werkzeuge gemacht worden ist, die Ehrfurcht und den Gehorsam gegen den apostolischen Stuhl in den Herzen der Gläubigen zu untergraben, die Autorität des päpstlichen Lehrwortes auf das Tiefste herabzudrücken und der Tendenz des Zeitgeistes entsprechend das separatistische Nationalkirchentum zu pflegen und zu fördern?“