Von Sehenden und Blinden

von antimodernist2014

1. Als Geistwesen besitzen wir Menschen zwei geistige Vermögen: den Verstand und den Willen. Mit dem Verstand erkennen wir die Wahrheit, mit dem Willen streben wir nach dem Guten. Der Verstand ist gewissermaßen unser geistiges Auge, mit welchem wir die Wirklichkeit schauen, unser Wille ist die geistige Kraft, mit welcher wir uns darin bewegen. Unser Wille hat die Macht, über uns zu bestimmen, ist aber blind. Um zu sehen, ist er auf den Verstand angewiesen, der ihm die Wahrheit zeigt. Der Verstand kann seine Einsicht dem Willen aber nicht aufzwingen, denn der Wille ist frei. Umgekehrt ist jedoch der Verstand der Macht des Willens unterworfen.

So kann es dahin kommen, daß der Wille aus irgendwelchen Beweggründen dem Verstand befiehlt, die Wahrheit nicht zu erkennen bzw. nicht zu zeigen oder sie zu verfälschen. Beispielsweise kann jemand, der gerne zu viel raucht und das nicht ändern will, seinen Verstand soweit bringen, ihm nichts mehr über die Schädlichkeit des Rauchens zu sagen bzw. ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Kommt es auf diese Weise zu einer systematischen Verfälschung der Wahrheit und wird diese geradezu als Lehrgebäude aufgerichtet, sprechen wir von einer Ideologie.

2. Ein Ideologe reinsten Wassers war Martin Luther mit seinem bekannten Ausspruch: „Sic volo, sic jubeo, sit pro ratione mea voluntas. – So will ich, so befehle ich, mein Wille stehe für die Begründung (bzw. für die Einsicht oder Vernunft)“. Seine ganze Lehre gründet auf seinem Willen, nicht auf der Wahrheit. Natürlich brauchten auch alle Gewaltherrscher, die nicht nach Wahrheit und Gerechtigkeit regierten, Ideologien zur Stützung ihrer Macht. Der Antichrist wird schließlich nach Aussage der Heiligen Schrift nicht ohne seinen Ideologen, den Lügenpropheten, auftreten.

Doch kehren wir wieder zurück ins Gefilde der eher alltäglichen Ideologien, von denen es unzählige gibt auf allen Gebieten und Ebenen. Auch die sogenannte Wissenschaft ist davon in keiner Weise frei, denken wir nur an die allgegenwärtige und alles durchdringende Ideologie des Evolutionismus. Es ist geradezu ein Kennzeichen unserer heutigen Zeit des Abfalls von Gott, daß sie von Ideologien beherrscht wird. Wer die Wahrheit zurückweist, wird notwendig ein Sklave der Lüge. Ideologien prägen die Politik im großen wie im kleinen, werden über die Medien überallhin transportiert und formen die Gesellschaft. Man spricht von „political correctness“ und meint nichts anderes als brave Unterordnung unter die vorgegebene Ideologie. Das weist schon wieder auf den antichristlichen Charakter der Zeit, in der wir leben.

3. Bezeichnend für unsere Epoche des großen Abfalls ist das Eindringen der Ideologie auch in den Hort der Wahrheit, den Raum der Kirche. Das „II. Vatikanum“ und die Jahrzehnte danach stellen nichts anderes dar als den Versuch, den Katholiken statt der katholischen Wahrheit eine Ideologie im Gehorsam aufzunötigen. Zurecht setzten sich einige der besonders tapferen dagegen zur Wehr, und wir können es nur überaus tragisch nennen, daß gerade sie zum großen Teil doch wieder Opfer von Ideologen geworden sind.

Die Ideologie, die man den armen „Traditionalisten“ aufgedrückt hat, wurde von den praktischen Amerikanern in die Kurzformel „Recognize and Resist (R&R)“ zusammengefaßt: Anerkenne und widerstehe! D.h. man soll den jeweiligen Mann in Rom als rechtmäßigen katholischen Papst anerkennen und ihm gleichzeitig den Gehorsam durchaus verweigern. Das aber ist ein Widerspruch in sich, denn den Papst anerkennen bedeutet nichts anderes als ihm zu gehorchen. Nun soll man ihn anerkennen und ihm gehorchen und ihm gleichzeitig nicht gehorchen, ihn also nicht anerkennen? Wie soll das gehen?

Natürlich kann man den Papst grundsätzlich als Papst anerkennen und ihm trotzdem ungehorsam sein, sei es unberechtigt oder in diesem oder jenem speziellen Einzelfall sogar berechtigt. Man kann ja auch an Gott glauben und trotzdem seinen Geboten zuwiderhandeln. Aber daraus ein Prinzip zu machen, ist Ideologie. Damit wären wir wieder bei Luther: „Sündige tapfer und glaube noch tapferer!“ Ist das viel anders, als wenn ich sage: „Anerkenne den Papst und widerstehe ihm!“?

4. Ein treffliches Exempel lieferte unlängst einer der Chefideologen der „Piusbruderschaft“. In einem auf den „Pius-Webseiten“ veröffentlichen Beitrag macht er sich tiefsinnige Gedanken über „zwei ganz verschiedene Initiativen von Papst Franziskus“, welche Anlaß gäben „zu ernstem Nachdenken“. Als nämlich „die Menschheit im August und Anfang September des letzten Jahres am Rand eines Weltkrieges stand – Russland unterstützte in Syrien Präsident Assat, der Westen die fanatischen moslemischen Aufständischen – rief der Heilige Vater die ganze Christenheit zu Gebet und einem Tag des Fastens auf. Auf dem Petersplatz wurde eine vierstündige Gebetswache vor ausgesetztem Allerheiligsten mit traditionellen liturgischen Gesängen und Gebeten abgehalten.“ Die Erhörung erfolgte prompt, fast wie bei den „Rosenkranzkreuzzügen“ der „Piusbrüder“: „Wenige Tage danach war die Gefahr wie durch ein Wunder gebannt. Gott erhört die Seinigen, wenn sie seine Majestät und Oberherrschaft über die ganze Welt anerkennend zu ihm um Hilfe rufen.“

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