Von Sehenden und Blinden

Ganz anders in diesem Jahr, in welchem es „eine andere Initiative“ gab: „Anlässlich seines Israel-Besuches lud der Papst den israelischen Staatspräsidenten Peres, also einen Juden, und den Palästinenser-Präsidenten Abbas, einen Moslem, in den Vatikan zu einem Friedensgebet für den Nahen Osten ein. Dieses Treffen fand am Pfingstsonntagabend in den Vatikanischen Gärten statt. Vertreter der drei Religionen formulierten Gebete, wobei der islamische Iman den vorgesehenen Rahmen sprengte und aus einer Sure des Koran zitierte, in welcher die Ungläubigen – nach Auffassung des Islam sind dies vor allem die Christen und Juden – verflucht werden; doch ist dies nur ein Nebenumstand.“ Wichtig ist vielmehr wieder die umgehend erfolgte Antwort des Himmels: „Unmittelbar nach diesem Ereignis brach der Bürgerkrieg im Irak aus und jetzt dazu der mörderische Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, also genau in jener Region und unter jenen Völkern, deren Vertreter mit dem Papst für den Frieden gebetet haben. Offensichtlich hat Gott das Friedensgebet nicht nur nicht erhört; vielmehr fordert die Vermischung der sogenannten drei abrahamitischen Religionen – Christentum, Judentum und Islam – seinen Zorn heraus.“

Daraus schließt unser Beobachter messerscharf: „Handelt der Papst im Geiste der Kirche als wahrer Nachfolger Petri, so wirkt Gott sichtbar sein Heil im Leben der Völker. Handelt der Papst dagegen gemäß den liberalen Ideen der Aufklärung und der Ringparabel Lessings, dann führt Gott seine Kirche nicht nur nicht aus der Krise heraus, sondern züchtigt die Völker durch Krieg, Aufruhr, Terror, Unruhen und Katastrophen.“ Die Ausführungen münden in einen Hymnus auf die „Pius“-Ideologie: „Wie ausgewogen, realistisch und weise ist darum die Haltung der Priesterbruderschaft St. Pius X. und ihres Generaloberen, Bischof Fellay, in der heutigen Krise: Wir anerkennen den Papst und beten für ihn mehr denn je; seinem liberalen und relativistischen Kurs können und dürfen wir dagegen nicht folgen. Wir sind weder schismatisch oder halten es mit den Papst-Absetzern, noch sind wir liberal, sondern katholisch, römisch-katholisch.“ Der Beitrag schließt ausgerechnet mit einem souverän frei abgewandelten Wort der Heiligen Schrift: „Wer Augen hat zu sehen, der sehe (vgl. Mt. 13, 13).“

Wir möchten darauf ein anderes, nicht abgewandeltes Wort des Heilands entgegnen: „Zum Gericht bin ich in die Welt gekommen, damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden“ (Joh 9,39). Oder wie ist es zu erklären, daß unser „Sehender“ hier so blind ist und geflissentlich übersieht, daß auch die Syrien-Initiative seines „Heiligen Vaters“ vom vorigen Jahr bereits ein interreligiöser Gebetsaufruf gewesen ist? Wir zitieren hier die damaligen Worte Bergoglios nach einem Bericht von „Radio Vatikan“: „Möge der Schrei nach Frieden laut aufsteigen, damit er das Herz aller erreicht und alle die Waffen niederlegen! Darum, liebe Brüder und Schwestern, habe ich entschieden, für die ganze Kirche am 7. September, der Vigil des Festes Mariä Geburt, einen Tag des Fastens und des Gebets für den Frieden in Syrien, im Nahen Osten und weltweit anzusetzen. Ich lade auch die nicht-katholischen christlichen Brüder, die Angehörigen anderer Religionen und alle Menschen guten Willens dazu ein, sich dieser Initiative anzuschließen“ (RV). Wir sehen daher nicht so recht den wirklichen Unterschied zwischen dieser interreligiösen Initiative und der diesjährigen, außer daß letztere den Aufruf konkret im Vatikan verwirklichte. Und wieso der Himmel jeweils so verschieden reagiert haben soll (zumal der „Schrei nach Frieden“ ja gar nicht an ihn adressiert war, sondern nur „aufsteigen“ sollte, um „das Herz aller“ zu erreichen), ist uns wahrhaft ein Rätsel.

Kein Rätsel ist uns das Zustandekommen dieser Blindheit. Sie ist ein Resultat der Ideologie des „Recognize and Resist“, die hier auf Biegen und Brechen belegt werden soll. Ideologen stehen ja unter ständigem Beweiszwang, und pseudomystische Beweise haben bei ihnen Hochkonjunktur. Das aber geht nur auf Kosten der Wahrheit. Sich dabei mit einem mißbrauchten und entstellten Heilandswort auch noch als besonders hellsichtig auszugeben, macht die Sache recht bedenklich. „Wenn ihr blind wärt, so hättet ihr keine Sünde; nun aber sagt ihr: Wir sehen! So bleibt eure Sünde“ (Joh 9,41).

5. Als wäre der bisherige Befund nicht bereits traurig genug, müssen wir leider feststellen, daß auch solche, welche endlich im „Widerstand“ den Fängen genannter „Piusbruderschaft“ entronnen zu sein schienen, nach wie vor Gefangene von deren Ideologie sind. In ihren geistigen Augen finden sich sozusagen zwei blinde Flecken, ein heller und ein dunkler. Der helle gleicht der Sonne, in die man bekanntlich nicht schauen kann. Vor gleißender Helligkeit kann man gar nichts erkennen und droht sogar völlig zu erblinden, wenn man den Blick nicht bald abwendet. Der dunkle hingegen gleicht einem schwarzen Loch, das jegliches Licht verschluckt und überhaupt alles in sich aufzusaugen droht, was in seine Nähe gelangt.

Der helle Fleck trägt den Namen Marcel Lefebvre. Diese hehre Gründergestalt strahlt für unsere wackeren „Widerständler“ so sehr im Glanze erhabenster Heiligkeit, daß sich erstens jede Kritik an ihr ohnehin von vornherein verbietet und zweitens jedes nähere Hinsehen gar nicht möglich ist, weshalb man praktischerweise die eigene Position einfach ihr unterschieben und sie auf diese Weise selbst heiligsprechen kann. Da hat sich doch in „Tradiland“ jüngst Unerhörtes zugetragen: Eine „Widerstands-Website“ wagte zu behaupten, Erzbischof Lefebvre habe gar nicht die von der „Resistance“ wie ein Mantra vor sich hingetragene unerbittliche Forderung vertreten: „Keine kanonische Einigung mit Rom ohne vorhergehende theologische Einigung.“ Mehr noch, er habe sich mit seinem Pragmatismus bzw. seinem in Wirklichkeit nie widerrufenen „Protokoll“ vom 5. Mai 1988 sogar einen gravierenden Fehler in den Prinzipien zuschulden kommen lassen. Diese Aufstellungen wurden mit reichlichen Zitaten belegt.