Von Sehenden und Blinden

Damit war das Maß voll. Ein solches Sakrileg, einen solchen Frevel konnte man ja wohl nicht dulden. Als er drohte, auf ein anderes französischsprachiges „Widerstands-Forum“ im Internet überzugreifen, konterte dessen Administrator, der sich den schönen und bezeichnenden Namen „Gentiloup – der freundliche Wolf“ gegeben hat (nomen est omen!) mit einem Anathem: „Es gibt hier einen Heiligen (Unantastbaren), das ist Mgr. Lefebvre, der Gründer unserer FSSPX. Möge man sich das gesagt sein lassen! Würde irgendjemand auf die Idee kommen, die großen Ordensgründer zu kritisieren wie den heiligen Dominikus, den heiligen Franziskus von Assisi oder den heiligen Benedikt? Nein! Nun, Mgr. Lefebvre entspricht einem dieser großen Ordensgründer, er hat das Werk gegründet, das er als ‚Leuchtturm der Tradition‘ für unsere Zeit wollte, und wir schulden ihm alles.“ Er fuhr fort: „Es ist nicht das erste Mal, daß N.N. unseren Gründer kritisiert, ich habe mich hier schon vor einiger Zeit gegen diese Kritiken gewandt. Ich weiß, daß dieses Gerede Anklang findet, selbst unter den Priestern des Widerstands. Hier ist dies nicht der Fall! Wir danken, uns vor diesen Dingen zu verschonen, die leider mehr den Zweifel als den Glauben stärken.“ Und er schloß apodiktisch: „Es ist in diesem Forum verboten, Mgr. Lefebvre zu kritisieren, ich habe erklärt warum und werde nicht darauf zurückkommen.“ So einfach kann man es sich natürlich machen. Man schließt die Augen, und alles ist in bester Ordnung.

Ein „Widerstands“-Priester seinerseits wies die frevlerische Kritik zurück mit dem Bemerken, allein die Tatsache, daß Erzbischof Lefebvre am Ende zugegeben habe, er sei bei seinen Verhandlungen mit den Römern womöglich zu weit gegangen, spreche doch wohl zu seinen Gunsten, zumal die Situation „in den Jahren, die nahe auf das Konzil folgten“, nicht so klar gewesen sei wie sie es jetzt für uns ist, die wir pausenlos erfahren, wie die Dinge immer schlechter werden. Dazu wäre freilich zu fragen, ob denn 1988 wirklich noch so „nahe am Konzil“ war, daß man – vor allem nach dem Frevel von Assisi – nicht bereits ebenso klar die Apostasie des konziliaren Rom erkennen konnte wie heute.

Mgr. Lefebvre war da offensichtlich weiter als sein Apologet, denn schon 1986 sagte er in einem Vortrag an seine Seminaristen: „In den zwanzig Jahren seit dem Konzil haben wir darauf gewartet, daß der Vatikan seine Irrwege erkennt. Die Bruderschaft hat darauf gewartet, daß der Papst erkennt, daß das Ergebnis dieser falschen Prinzipien die Selbstzerstörung der Kirche ist. Wir müssen jedoch zugeben, daß die Situation nur immer schlechter wird, daß der falsche Ökumenismus eskaliert, daß speziell seit der Synode vom letzten Jahr die Krise immer schneller und schneller auf die völlige Zerstörung der Kirche hinsteuert.“ Oder in einem Vortrag von 1987: „Rom hat den Glauben verloren, meine lieben Freunde. Rom befindet sich in der Apostasie. Das sind nicht nur Sprüche und leere Worte, die ich Ihnen sage. Es ist die Wahrheit, Rom befindet sich in der Apostasie. Man kann kein Vertrauen mehr haben zu dieser Gesellschaft da, sie hat die Kirche verlassen. Sie haben die Kirche verlassen, sie verlassen die Kirche, das ist sicher, ganz und gar sicher.“ Eine erstaunliche Einsicht, die Erzbischof Lefebvre jedoch keineswegs an weiteren Verhandlungen mit „dieser Gesellschaft“ gehindert hat.

Ohne auf die einzelnen vorgebrachten Argumente weiter einzugehen, behauptet unser Pater pauschal, die Argumente gegen Erzbischof Lefebvre grenzten an Unterstellungen, sowohl die der Befürworter eines „Rom-Anschlusses“ als auch die der „Sedisvakantisten“. „Sie vergessen, daß Erzbischof Lefebvre de facto die Tradition gerettet hat, indem er die Konsekrationen [der „Pius“-Bischöfe] vornahm und indem er im Augenblick der Konsekrationen sagte, es wäre mit der Tradition vorüber gewesen, wenn er ein Abkommen unterzeichnet hätte. Sie vergessen ebenfalls die zahllosen Erklärungen, viel zahlreicher nach den Konsekrationen, die er privat und öffentlich gab gegen ein Abkommen, solange die römischen Autoritäten nicht zum Glauben zurückkehren.“ Dabei hatte besagte frevlerische „Website“ dies alles gar nicht vergessen, sondern ausführlich darauf geantwortet und belegt, daß es auch nach den Bischofsweihen von 1988 genügend anderslautende Aussagen von Mgr. Lefebvre gab, um endlich mit dem Lefebvre-Biographen Mgr. Tissier de Mallerais zu entgegnen: „Er hat es gesagt, aber er hätte es nicht gemacht“ (vgl. Union Sacerdotale).

6. Damit sind wir schon beim zweiten blinden Fleck, dem dunklen, wie wir ihn nannten. Dieser trägt den furchtbaren Namen „Sedisvakantismus“, der allein schon so viel Angst und Schrecken verbreitet, daß sich niemand auch nur von ferne ihm zu nahen wagt. In diesem „schwarzen Loch“, wie wir es ebenfalls nannten, kann man nun bequem alle Gegengründe versenken, welche die Ideologie des „Recognize and Resist“ der „Piusbruderschaft“ und ihre Sonderversion des „Widerstands“ mit dem „Amendment“ oder Zusatz „kein rein kanonisches Abkommen“ bedrohen würden. Wer da wagt, unbequeme Fragen zu stellen, wird einfach zum „Sedisvakantisten“ gestempelt und ist damit ein für allemal abgefertigt und erledigt.

Um den blinden Fleck schön dunkel zu halten, muß der „Sedisvakantismus“ natürlich in einem fort bekämpft und schlechtgemacht werden, was am besten mithilfe des hellen Flecks gelingt. Auch einige „Widerstands-Dominikaner“ können nicht widerstehen, am Ende noch diesen Knüppel aus dem Sack zu ziehen, nachdem sie in einer gelehrten Studie versucht haben, den „Sedisvakantismus“ zu widerlegen und sich der Kraft ihrer „Argumente“ doch wohl nicht ganz so sicher sind. Sie fassen daher zusammen: „Es ist eine Position, die spekulativ nicht bewiesen ist [hört, hört!], und es ist unklug, sie praktisch festzuhalten (eine Unklugheit, welche ernste Folgen haben kann – denken wir nur etwa an Leute, die sich selbst der Sakramente berauben unter dem Vorwand, keinen Priester zu finden, der dieselbe ‚Meinung‘ hat wie sie [eine „Unklugheit“, die sich freilich ebenso den „Traditionalisten“ vorhalten ließe, die sich etwa weigern, eine Messe der „Petrusbruderschaft“, eine „Motu proprio“-Messe oder einen „würdig“ zelebrierten „Novus Ordo“ zu besuchen]). Das ist der Grund, warum Erzbischof Lefebvre nie diesen Pfad beschritt und sogar den Priestern seiner Bruderschaft untersagte, den Sedisvakantismus zu bekennen. Wir sollten seiner Klugheit und seinem theologischen Sinn vertrauen.“ Ein blinder Fleck ruft den anderen hervor.

7. Es ist klar, daß eine Ideologie, da sie nicht in der Wahrheit ruht, dauernd gestützt und verteidigt werden muß, und daß dies nur mithilfe von Sophismen, Demagogie und Propaganda möglich ist. Dahin gehört auch die Aufrichtung blinder Flecken durch numinose Überhöhung charismatischer Gestalten und die Einführung vernichtender Schlagworte wie „Sedisvakantismus“. Darauf näher einzugehen, würde jedoch den Rahmen dieser kleinen Abhandlung sprengen und soll möglicherweise bald nachgeholt werden.

Wer in einer Ideologie befangen ist, kann nicht mehr offen der Wahrheit begegnen, die doch nichts anderes ist als Unser Herr Jesus Christus. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, auf daß ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme“ (Joh 18,37). Und somit schließen wir mit den wahren und unverfälschten Worten des Heilands: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (Mt 11,15; 13,9; Mk 4,9.23; 7,16).