Seliger Irrtum

von antimodernist2014

1. Was wäre unsere heilige Mutter, die Kirche, ohne den Orden des heiligen Dominikus, die Predigerbrüder oder Dominikaner? So durfte auch in „Tradiland“, in welchem man seit Jahrzehnten Kirche spielt, ein Kloster solcher Mönche nicht fehlen, das freilich entsprechend dem Charakter dieser Bewegung nicht als originärer Sproß aus dem Boden jenes Ordens erwuchs, sondern gewissermaßen nach dem Baukastenprinzip gemäß Bauanleitung frei errichtet wurde. Fortan durften die „Herrenhunde“ jenes Konvents ihrer Bestimmung folgend jeweils gelehrte Studien erstellen, um gewisse für „Traditionalisten“ geltende unumstößliche Lehren theologisch zu stützen.

Schon vor etlichen Jahren lieferten sie beispielsweise den in „Traditionalisten“-Kreisen von ihnen erwarteten Beweis, daß die Bischofsweihen nach dem „erneuerten“ Ritus der „Konzilskirche“ zweifelsfrei gültig seien, q.e.d (quod erat demonstrandum – was zu beweisen war). Im Jahr 2006 gelang ihnen die glückliche Darlegung, daß es sich bei „Konzilskirche“ und katholischer Kirche zwar um zwei verschiedene „Kirchen“, jedoch mit ein und demselben Oberhaupt handle. Solcherart mit Meriten beladen gerieten sie mit dieser ihrer Doktrin jedoch in Konflikt mit dem „Pius-Mainstream“, der neuerdings nur noch die Identität zwischen „konziliarer“ und katholischer Kirche gelten lassen will, und haben sich nun in jener Ecke von „Tradiland“ angesiedelt, die sich „Widerstand“ nennt, um fürderhin diesem mit ihrer Gelehrsamkeit zu dienen.

2. In ihrem Periodikum „Sel de la terre“ („Salz der Erde“) Nr. 79 vom Winter 2011/12 veröffentlichten sie in zweiter, verbesserter Auflage (nach einer ersten in Nr. 36) einen „Kleinen Katechismus zum Sedisvakantismus“. Zwar ist wohl auch hier, wie in vielen ähnlich gelagerten Fällen, das Wort „Katechismus“ nur im uneigentlichen Sinne gemeint, insofern nämlich die Abhandlung im Frage-Antwort-Stil gehalten ist. Dennoch fühlen wir uns immer etwas unwohl, wenn ein solcher „Katechismus“ zu gleich was für einem Thema erscheint, sei es zur „Kirchenkrise“ oder zur Krise in der „Piusbruderschaft“. Denn ein Katechismus trägt an sich stets ein Imprimatur und dient der offiziellen Lehrdarstellung der Kirche, nicht der Darlegung und Verbreitung privater Ein- und Ansichten.

Ihre zweite Auflage, versichern uns die Herren Dominikaner, sei gegenüber der ersten revidiert und deutlich verbessert, ziehe sie doch vor allem die Diskussionen und Einwände in Betracht, welche jene ausgelöst hatte. In ihrer Einleitung, betitelt „zwischen Scylla und Charybdis“, nehmen sie unter Bezug auf jene berühmten in der Straße von Messina gelegenen beiden Klippen zwei gewissermaßen geistige Klippen ins Visier, zwischen welchen es ebenso geschickt hindurchzunavigieren gelte, wolle man nicht Schiffbruch erleiden. Vielen unvorsichtigen Seeleuten sei es nämlich so ergangen: im Bestreben, einer dieser Klippen zu entkommen, seien sie an der anderen zerschellt. In der gegenwärtigen „Kirchenkrise“ gebe es nun zwei Irrtümer zu meiden: „Modernismus (der uns allmählich den Glauben verlieren läßt) und Sedisvakantismus (welcher zum Schisma führt)“. Um katholisch zu bleiben, müsse man sicher zwischen beiden die Mitte halten.

3. Wir wollen hier gleich ein wenig innehalten. Bereits in einem früheren Beitrag (Monster Church) hatten wir festgestellt, wie sonderbar eine solche Vorstellung ist, welche Modernismus und „Sedisvakantismus“ als gleichermaßen zu meidende Extreme auffaßt. Denn der Modernismus ist „bekanntermaßen eine von der Kirche verurteilte Irrlehre (bzw. ein ganzes System von Irrlehren), wohingegen die sog. Sedisvakanz (also eine Zeit, in der der Stuhl Petri nicht besetzt ist) zum einen Teil ganz einfach eine Tatsache und zum anderen Teil eine von der Kirche sicher gelehrte Lehre ist“. „Die Sedisvakanz ist eine Tatsache, wenn ein Papst gestorben ist, und sie ist eine ganz sichere, über Jahrhunderte sogar ins Kirchenrecht aufgenommene Lehre, die der hl. Robert Bellarmin folgendermaßen prägnant zusammenfaßt: ‚Ein notorisch häretischer Papst hört automatisch auf, Papst und Oberhaupt der Kirche zu sein, so wie er automatisch aufhört, Christ und Mitglied des Leibes der Kirche zu sein. Aus diesen Gründen kann er von der Kirche verurteilt und bestraft werden. Fügen wir hinzu, daß die Lage der Kirche sehr unglücklich wäre, würde sie gezwungen, als Hirt einen Wolf anzuerkennen, der sich offen gegen sie wendet.’“

Auch wenn die „Herrenhunde“ aus „Tradiland“, wie wir weiter unten sehen werden, meinen zeigen zu können, daß die allgemeinere Theologenmeinung jene sei, daß selbst ein häretischer Papst sein Amt nicht verliere, so müßten sie doch wenigstens intellektuell so redlich sein zuzugeben, daß es sich bei einer von einer Unzahl von Theologen, darunter als der nicht geringste der zitierte hl. Robert Bellarmin, als sicher vertretenen Lehre nicht um einen gefährlichen „Irrtum“ handeln kann, der noch dazu auf derselben Ebene wie der den gesamten Glauben in der Wurzel zerstörende Modernismus angesiedelt ist. Ihre ganze Studie liefert keinen einzigen Nachweis oder Anhaltspunkt dafür, daß es sich um mehr als eine von der ihren abweichende, aber zulässige Meinung handelt, und dennoch nennen sie diese gleich eingangs einen zu meidenden Irrtum. Eine solche völlig unbegründete Vor-Verurteilung ist jedenfalls wissenschaftlich mehr als fragwürdig – um nur das Mindeste zu sagen – und wirft ein bezeichnendes Licht auf das übliche Vorgehen in „Traditionalisten“-Kreisen. Statt mit theologischen Argumenten arbeitet man mit Schlagwörtern, die von vorneherein je nachdem positiv oder negativ aufgeladen werden. Hier ist es das Schlagwort „Sedisvakantismus“, das sogleich mit Schisma und Irrtum assoziiert wird.

4. Nachdem sie auf diese Weise gleich zu Anfang klargelegt haben, was ihre angebliche Studie eigentlich bezwecken soll, nämlich ein polemisches Schlagwort pseudowissenschaftlich zu begründen, wird als „Autoritätsargument“ – wie könnte es anders sein – auf Erzbischof Marcel Lefebvre verwiesen. Seine Position in dieser Frage sei auch die ihre, sagen die Herren Dominikaner, und fassen diese kurz zusammen, indem sie zunächst einige Zitate anführen, in welchen der Prälat zur Sedisvakanzfrage Stellung nimmt: „Wenn jemand sagt, der Papst ist ein Apostat, ein Häretiker und Schismatiker, wäre er – wenn es denn zutrifft – nicht länger Papst und wir wären folglich in einer Situation der Sedisvakanz. Das ist eine Meinung; ich sage nicht, daß nicht einige Argumente dafür sprechen“ (18.3.1977). „Es ist nicht unmöglich, daß diese Hypothese eines Tages von der Kirche bestätigt werden wird, denn es gibt einige ernsthafte Argumente dafür. In der Tat sind die Handlungen Pauls VI. zahlreich, welche, wären sie vor zwanzig Jahren von einem Bischof oder Theologen begangen worden, als der Häresie verdächtig oder die Häresie begünstigend verurteilt worden wären“ (24.2.1977).

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