Seliger Irrtum

Einmal mehr fragen wir uns, wie unsere Predigerbrüder, wenn das auch ihre Ansicht ist, dann von einem gleich dem Modernismus zu meidenden Irrtum sprechen können. Die Antwort liegt vielleicht im zweiten Teil ihrer Darlegung der Haltung Mgr. Lefebvres. Obwohl dieser nämlich die „Sedisvakanz“-These als grundsätzlich zulässig und sogar in gewisser Weise wahrscheinlich erklärte, nahm er dennoch eine entschiedene Gegenposition ein: „Aber ich denke nicht, daß es diese Lösung ist, die wir annehmen und der wir folgen sollten. Im Moment denke ich persönlich, daß es ein Fehler wäre, dieser Hypothese zu folgen“ (18.3.1977). „Das bedeutet jedoch trotz allem nicht, daß ich absolut sicher bin, in der Haltung, die ich einnehme, richtig zu liegen. Ich positioniere mich dort in einer klugen Weise. Es ist mehr auf diesem Gebiet, auf dem ich mich positioniere, mehr als auf dem theologischen, rein theoretischen Gebiet. Ich denke, Gott verlangt von uns, klare Ideen nicht nur unter einem rein theoretischen und theologischen Gesichtspunkt zu haben, sondern auch in der Praxis, wenn die Dinge sehr schwierig und delikat sind, und mit einer gewissen Weisheit, einer gewissen Klugheit zu handeln, die ein wenig im Widerspruch scheinen können mit gewissen Prinzipien, und nicht rein logisch zu sein“ (5.10.1978).

Wir wußten bislang nicht, daß Weisheit und Klugheit dazu dienen, den theologischen Prinzipien zuwiderzuhandeln. Wir dachten vielmehr, sie seien dazu da, uns diese Prinzipien tiefer verstehen und besser anwenden zu lassen. Doch wir müssen versuchen, genau zu sehen, was hier gesagt ist. Wenn wir Seine Exzellenz recht verstehen, dann sieht er zwar ein, daß seine Position theologisch nicht haltbar ist, meint sie aber aus anderen, nicht-theologischen, ja den theologischen Prinzipien geradezu widersprechenden „praktischen“ Gründen einnehmen und aufrechterhalten zu sollen. Diese Gründe sind also keine theologischen, keine Gründe des Glaubens. Was für Gründe es sind, darüber können wir nur spekulieren. Da sie jedoch dem Gebiet des „Praktischen“ entstammen und nicht der „Theorie“, liegen sie wohl im Bereich der Politik und Diplomatie. „Klugheit“ und „Weisheit“ verlangen also bisweilen von uns, aus politisch-taktischen oder diplomatischen Gründen nicht nur der besseren Einsicht, sondern auch den theologischen Prinzipien, d.h. dem Glauben, zuwiderzuhandeln? Oder geht einfach Praxis vor Theologie, Handeln vor Glauben? So oder so, das sind erstaunliche Ansichten für einen glaubenstreuen katholischen Bischof.

Höchst eigenartig erscheint uns auch, daß Erzbischof Lefebvre trotz seiner eingestandenen eigenen Zweifel und Unsicherheit seine „praktische“ Position gewissermaßen zum Dogma der „Piusbruderschaft“ erhob und alle ihre Mitglieder auf sie verpflichtete unter Strafe des Ausschlusses aus der Gemeinschaft. Tatsächlich hat er selbst verdiente Priester ohne mit der Wimper zu zucken von heute auf morgen mittellos auf die Straße gesetzt und fortan als „Sedisvakantisten“ diffamiert, allein wegen des Vergehens, seine Haltung nicht zu teilen, von welcher er selber sagte, nicht sicher zu sein, ob er damit richtig liege. Ob ein solches Verhalten moralisch einwandfrei sei oder gar mit der Heiligkeit eines großen Ordensgründers und Kirchenerneuerers vereinbar, sei dahingestellt. Jedenfalls trug es erheblich dazu bei, daß die „Sedisvakantisten“ (zumindest hierzulande) bis heute ein weithin unbeachtetes, wenn nicht verachtetes Nischendasein fristen müssen.

Die „Herrenhunde“ zitieren weiter: „Solange ich nicht den Beweis habe, daß der Papst nicht Papst ist, nun, so gehe ich davon aus, daß er es ist, daß er der Papst ist. Ich sage nicht, daß es keine Argumente geben kann, die einen in gewissen Fällen in Zweifel bringen können. Aber man muß den Beweis haben, daß es nicht nur ein Zweifel ist, ein gültiger Zweifel. Wenn das Argument zweifelhaft ist, haben wir nicht das Recht, weitreichende Konsequenzen daraus zu ziehen!“ 16.1.1979). Spricht hier nicht einer sein eigenes Urteil? Mit welchem Recht hat er aus seinem eigenen zweifelhaften Argument das Recht gezogen, priesterliche Existenzen zu vernichten oder wenigstens zu gefährden?

„Die Priesterbruderschaft nimmt diese Lösung nicht an, sondern meint, beruhend auf der Kirchengeschichte und der Lehre der Theologen, daß der Papst den Ruin der Kirche befördern kann, indem er schlechte Mitarbeiter wählt und diese handeln läßt, Dekrete unterzeichnet, die nicht seine Unfehlbarkeit in Anspruch nehmen, bisweilen sogar mit seiner eigenen Zustimmung, und die beträchtlichen Schaden in der Kirche anrichten. Nichts ist gefährlicher für die Kirche als liberale Päpste, die in ständigem Widerspruch sind“ (13.9.1982). Auf diese Aufstellung, die im übrigen im Widerspruch steht zu anderen Aussagen Mgr. Lefebvres, wo er die „konziliaren Päpste“ direkt für die Zerstörung der Kirche verantwortlich macht und nicht nur ihre „schlecht gewählten“ Mitarbeiter, werden wir weiter unten noch einzugehen haben.

„In der Praxis hat dies keinen Einfluß auf unser praktisches Verhalten, denn wir weisen fest und mutig alles zurück, was gegen den Glauben ist, ohne zu wissen woher es kommt, ohne zu wissen, wer schuld daran ist“ (5.10.1978). Einmal mehr also geht Praxis vor Theologie und begründet eine rein „praktische“ Lösung, welche zur Ideologie der „Piusbruderschaft“ wurde: „Recognize and Resist – Anerkenne und widerstehe“. D.h. in der Theorie anerkennen wir den Papst, doch in der Praxis kümmern wir uns nicht um ihn, und die Praxis geht schließlich vor. Wir könnten das auch „praktischen Sedisvakantismus“ nennen, wie wir ja auch einen praktischen Atheismus kennen. Zugleich wurde damit das bis heute in der „Piusbruderschaft“ geübte völlig theologiefreie und damit auch rechtsfreie Handeln grundgelegt. „Sehen Sie, wir machen was wir wollen, und es ist gut so“, wie es einer ihrer Rechtsgelehrten, vielleicht in einem freudschen Versprecher, einst ausdrückte.

Für so ein Handeln gegen die Prinzipien der Theologie, ja gegen die eigene Einsicht und besseres Wissen benötigt man natürlich pausenlos Rechtfertigung. Liegt vielleicht hier ein psychologisches Motiv, warum man die „Sedisvakantisten“ unablässig bekämpfen und schmähen zu müssen meint, sei es durch pseudowissenschaftlich-sophistische „Argumente“ oder schlicht durch demagogisch-assoziative Stimmungsmacherei? Doch verlassen wir hier dieses traurige Kapitel.

5. Nach dem „Autoritätsargument“ folgt die Durchführung, der eigentliche „Katechismus“ mit seinen „Fragen und Antworten“. Zunächst wird festgestellt, was „Sedisvakantismus“ überhaupt sei, nämlich „die Meinung derer, die denken, daß die jüngsten Päpste seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil keine wahren Päpste sind“, weshalb folgerichtig „der Stuhl Petri nicht besetzt“ sei. Verursacht sei diese Meinung durch die „sehr schwere Krise, welche die Kirche seit dem letzten Konzil durchlaufen hat“, und deren Hauptursache im Verfall der Römischen Päpste zu suchen sei, welche „sehr schwere Irrtümer“ wie Ökumenismus, Religionsfreiheit, Kollegialität etc. lehrten oder zu verbreiten erlaubten. Die „Sedisvakantisten“ meinten, wahre Päpste könnten für eine solche Krise nicht verantwortlich sein, und somit handle es sich nicht um „wahre Päpste“.

Für die Darstellung dessen, worin denn die „Krise“ bestehe, bemühen die Herren Dominikaner den „Pius-Theologen“ Abbé Gleize, der uns bereits mehrfach durch seine bemerkenswerten Einsichten aufgefallen ist. Dieser macht in „Vu de Haut“ 2008 die Krise daran fest, daß in Organen wie dem „Osservatore Romano“ ständig die Prinzipien der Religionsfreiheit, des staatlichen Säkularismus und des Ökumenismus wiederholt würden, welche „in formellem Widerspruch mit der fortwährenden und einstimmigen Lehre des päpstlichen Lehramts vor dem Vaticanum II“ stünden. Zwar seien auch in früheren Zeiten bereits manche Päpste quer zu ihrer eigentlichen Aufgabe gestanden, hätten sogar bisweilen Einheit und Glaube der Kirche gefährdet, doch habe dies stets moralische Gründe gehabt.

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