Seliger Irrtum

„Keiner dieser Päpste war durch intellektuelle Überzeugung an einen Irrtum gebunden. Sie alle fehlten ohne eine grundsätzliche intellektuelle Anhänglichkeit an den Irrtum, und das kam manchmal von einem Mangel an Mut inmitten von Verfolgung wie bei Liberius, manchmal von einer gewissen Naivität und übertriebenem Entgegenkommen wie bei Honorius und Vigilius, manchmal auch von einer Art theologischen Überschwangs wie bei Johannes XXII. Die bedenklichste aller dieser Haltungen, die von Papst Honorius, brachte ihm die Zensur favens haeresim [!] ein. Aber sie verursachte keine Verurteilung dieses Papstes als formeller Häretiker.“

Deo gratias! – so möchte man begeistert ausrufen. Endlich einmal ein „Pius-Theologe“, der nicht die stereotype Litanei der „Präzedenzfälle“ Honorius-Liberius-Vigilius etc. herunterleiert. Stattdessen fährt er fort: „Aber im Hinblick auf diese vereinzelten Fälle hat die beständige Haltung all der Päpste seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine völlig andere Erscheinung.“ Es sei nämlich die tägliche Predigt dieser Päpste permanent gespickt mit den falschen Prinzipien der Religionsfreiheit, des Ökumenismus und der Kollegialität. Diese seien „schwere Irrtümer“ und die Folge der „Häresie des 20. Jahrhunderts“ (Madiran), nämlich der „Häresie des Neo-Modernismus“. Es handle sich um beständige und von Johannes XXIII. bis Benedikt XVI. fortwährend wiederholte Irrtümer, die nicht Folge von Schwäche oder Naivität seien, sondern vielmehr im Gegenteil Ausdruck eines „fundamentalen Anhangens des Verstandes“, der „Zustimmung einer informierten Überzeugung“. Daher sei die Situation wahrhaft ohne Präzedenzfall.

Bravo, Abbé Gleize! Man möchte sich nur wünschen, daß diese seine Erkenntnis sich allmählich endlich auch unter seinen Mitbrüdern in und außerhalb der „Piusbruderschaft“ verbreiten möge, damit man nicht immer und immer wieder denselben alten, dummen und selbst von Kirchenfeinden längst aufgegebenen, endlos langweilenden Albernheiten begegnen muß, die stetsfort neu aufgekocht werden und die armen so arg hergenommenen und zugerichteten Päpste in ihren Gräbern nicht ruhen lassen, weil sie sich darin in einem fort umdrehen müssen wie ein Hähnchen am Spieß. Zudem finden wir hier einen Widerspruch zu der oben zitierten Aussage von Erzbischof Lefebvre, der ja meinte, die „konziliaren Päpste“ allenfalls wegen der Auswahl „schlechter Mitarbeiter“ für die „Krise“ verantwortlich machen zu sollen. Dürfen wir daraus folgern, daß uns die gelehrten Predigerbrüder an dieser Stelle tatsächlich zugeben, daß die „Päpste“ seit dem „II. Vatikanum“ Häresien anhangen und diese auch öffentlich lehren, und sich damit von der oben angeführten Meinung Erzbischof Lefebvres distanzieren?

6. Doch zunächst wird festgestellt, daß sich die „Sedisvakantisten“ in mindestens sechs verschiedene Linien teilen mit insgesamt etwa 160 Wahlmöglichkeiten. Einig seien sie sich lediglich darin, nicht „öffentlich für den Papst zu beten“ – das ist die „piusbruderschaftliche“ Chiffre für die Nennung des jeweiligen Namens im Kanon der Hl. Messe. Diese Bemerkung mag statistisch recht interessant sein, bringt uns aber nicht weiter. Dann erst folgt eine Darlegung der Argumente der „Sedisvakantisten“. Diese teilen unsere Doctores ganz scholastisch (oder eher kantianisch?) in „a priori“- und „a posteriori“-Argumente ein.

„A priori sagen sie, daß ein Papst, der Häretiker ist, nicht wahrer Papst sein kann, was entweder theologisch bewiesen werden kann (ein Häretiker kann nicht Haupt der Kirche sein, aber Johannes Paul II. ist Häretiker, folglich…) oder auf dem Gebiet des Rechts (die Kirchengesetze erklären die Wahl eines Häretikers als ungültig, aber Kardinal Wojtyla – oder Ratzinger – war bei seiner Wahl Häretiker, folglich…).“ Ein weiteres „a priori“-Argument sei die Ungültigkeit der „erneuerten“ Bischofsweihen seit Paul VI. Ein Nicht-Bischof aber könne nicht Bischof von Rom sein. „A posteriori“ sei schließlich festzustellen, daß diese Päpste schlechte oder irrige Akte vollzögen, welche im Widerspruch zur Unfehlbarkeit stünden.

Auf das erste theologische Argument, daß ein Häretiker nicht Papst sein könne, entgegnen unsere Gelehrten, daß es gar nicht so einfach sei zu beweisen, daß die Päpste seit Paul VI. und besonders Johannes Paul II. sich bei den zahllosen Häresien, die sie äußerten, bewußt seien, damit ein Dogma der Kirche zurückzuweisen. Solange dies nicht sicher bewiesen sei, sei es klüger, mit dem Urteil zurückzuhalten. „Das war die Linie von Erzbischof Lefebvre“, meinen sie, was nicht ganz richtig ist, wie wir gesehen haben. Tatsächlich enthielt dieser sich nicht eines Urteils, sondern urteilte all seinen Zweifeln zum Trotz, daß diese Männer als Päpste der katholischen Kirche anzusehen seien, und ließ dies von allen seinen Seminaristen unterschreiben, andernfalls er ihnen keine Weihen erteilte.

Wieso wir uns bei andauernd wiederholten „schweren Irrtümern“, welche „in formellem Widerspruch mit der fortwährenden und einstimmigen Lehre des päpstlichen Lehramts vor dem Vaticanum II“ stehen, darin zurückhalten müssen, ihre öffentlichen Verbreiter, welche damit ihr „fundamentales Anhangen des Verstandes“ und die „Zustimmung einer informierten Überzeugung“ zu diesen Irrtümern bekunden, „Häretiker“ zu nennen, leuchtet uns nicht recht ein. Ein amtliches Urteil über deren Schuld oder die von ihnen verdiente Strafe haben wir ja nicht zu fällen, weshalb es uns nichts angeht, ob sie schuldlos irren, weil die Armen gar nicht wissen, daß sie „ein Dogma der Kirche zurückweisen“ (was bei so hochdekorierten Kirchenmännern und studierten Doktoren und Professoren der Theologie, wie dies die Päpste meistens sind, schon recht eigenartig wäre), oder nicht.

Überdies jedoch, so fahren die hochgelahrten Herren fort, sei es gar nicht sicher, daß ein Häretiker automatisch sein päpstliches Amt verliere, denn gemäß der „allgemeinen“ Meinung (Suarez) oder wenigstens der „allgemeineren“ Meinung (Billuart) der Theologen könne auch ein häretischer Papst sein Amt weiterhin ausüben, solange nicht die katholischen Bischöfe die Häresie des Papstes festgestellt hätten. „Nun ist es in so einer ernsthaften Angelegenheit nicht klug, gegen die allgemeine Meinung zu gehen“, sagen unsere Dominikaner-Theologen. Dazu wäre zu bemerken, daß es tatsächlich zu allen Zeiten die „allgemeine Meinung“ der Theologen (wie z.B. des oben bereits zitierten und sogar von den Herren Dominikanern der Erwähnung gewürdigten hl. Robert Bellarmin und vieler anderer) sowie wenigstens zweier Päpste (Innozenz III. und Paul IV.) war, daß ein häretischer Papst ipso facto, also gewissermaßen automatisch sein Amt verliert, und daß es sich vielmehr bei Suarez und Billuart allenfalls um vereinzelte Sondermeinungen handelt.

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