Seliger Irrtum

So lehrt etwa der überaus reputierte Dominikaner (!) Dominic Prümmer, dessen Lehrbuch der Moraltheologie in den Seminaren der „Piusbruderschaft“ als Grundlage für den Unterricht verwendet wird (1927): „Die Gewalt des Römischen Pontifex geht verloren: … c) durch dauernden Wahnsinn oder formelle Häresie.“ Weiter unten: „Die Autoren lehren in der Tat allgemein [!], daß ein Papst durch sichere und notorische Häresie sein Amt verliert, jedoch wird zurecht angezweifelt, ob dieser Fall wirklich möglich ist.“ (Anm.: Prümmer starb lange vor dem „II. Vatikanum“.) Der heilige Alphons von Liguori, dem man nach kirchlichem Urteil in Fragen der Moraltheologie stets folgen kann, schreibt: „Sollte je ein Papst als private Person in Häresie fallen, würde er sofort sein Pontifikat verlieren“ (Œvres Complètes 9:232).

Wernz-Vidal äußern 1943 in ihrem Kirchenrechtskommentar: „Durch notorische und öffentlich verbreitete Häresie wird der Römische Pontifex, sollte er in Häresie fallen, durch die Tat selbst (ipso facto) verurteilt, der Jurisdiktionsgewalt beraubt zu werden, selbst vor jedem deklaratorischen (feststellenden) Urteil der Kirche. … Ein Papst, der öffentlich in Häresie fällt, würde ipso facto aufhören, ein Mitglied der Kirche zu sein; somit würde er auch aufhören, Haupt der Kirche zu sein“ (Jus Canonicum, Rom:Gregoriana 1943, 2:453). Ebenso Vermeersch-Creusen (1949): „Die Gewalt des Römischen Pontifex erlischt im Falle des Todes, bei freiem Rücktritt (der gültig ist, ohne von jemandem angenommen werden zu müssen), sicherer und fragloser dauernder Unzurechnungsfähigkeit und notorischer Häresie. … Zumindest gemäß der allgemeineren Lehrmeinung kann der Römische Pontifex als privater Lehrer in öffentliche Häresie fallen. Dann würde er ohne jedes feststellende Urteil (denn der Oberste Stuhl wird von niemandem gerichtet) automatisch (ipso facto) die Gewalt verlieren, die er, der nicht länger ein Mitglied der Kirche ist, unmöglich besitzen kann“ (Epitome Iuris Canonici. Rom: Dessain 1949. 340). „Was brauchen wir noch mehr Zeugen?“ Oder waren alle diese anerkannten und zum Teil heiligen katholischen Theologen dem schrecklich gefährlichen „Irrtum“ der „Sedisvakantisten“ verfallen?

Und übrigens hatte ja auch Erzbischof Lefebvre, dessen Position die Herren „Tradi“-Dominikaner angeblich teilen, wie wir oben gesehen haben, fraglos anerkannt, daß ein häretischer Papst aufhören würde, Papst zu sein. Nur das Faktum hatte er in Frage gestellt, ob man also wirklich die in Rede stehenden Päpste häretisch nennen könne. Damit haben sich diesmal unsere „Herrenhunde“ selbst ihr Urteil gesprochen: „Nun ist es in so einer ernsthaften Angelegenheit nicht klug, gegen die allgemeine Meinung zu gehen“, und schon gar nicht, wenn man diese weiter oben selbst als die eigene ausgegeben hat.

Da hilft es auch nichts, daß die Herren Dominikaner meinen, ihren „Ordensbruder“ Garrigou-Lagrange für sich einspannen zu können, welcher behauptet habe, daß auch ein häretischer Papst, welcher nicht länger Glied der Kirche ist, nicht die Jurisdiktion verliere, weil sich ein moralisches Haupt anders verhalte als ein physisches. Während nämlich ein physisches Haupt keinen Einfluß auf die Glieder nehmen könne ohne den vitalen Einfluß der Seele, so könne ein moralisches Haupt wie der Papst die Jurisdiktion über die Kirche ausüben, selbst wenn er von der Seele der Kirche keinen inneren Einfluß des Glaubens oder der Liebe empfange. „Kurzum, der Papst ist Mitglied der Kirche durch seinen persönlichen Glauben, welchen er verlieren kann, er ist aber Haupt der sichtbaren Kirche durch Jurisdiktion und Autorität, welche mit Häresie zusammen bestehen können“, meinen die hochgelehrten „Katechismus“-Autoren Garrigou-Lagrange zusammenfassen zu können.

Nach dieser Logik wäre nicht einzusehen, warum man nicht beispielsweise gleich einen Protestanten, Muslim oder Heiden zum Papst wählen kann, da ja der persönliche Glaube keine Rolle spielt. Die Absurdität solcher Vorstellungen liegt auf der Hand. Wie sollte jemand, der selber den Glauben nicht hat, ausgerechnet der höchste Lehrer des Glaubens sein? Wie sollte jemand Haupt der Kirche sein, der gar nicht zu ihr gehört (s.o. Wernz-Vidal, Vermeersch-Creusen)? Das paßt zwar zur Theorie von den „Siamesischen Kirchen“, wonach ein und derselbe Mann zugleich Oberhaupt der Kirche und der Anti-Kirche sein kann, es paßt aber nicht zur Lehre und Praxis der Kirche, wonach die Jurisdiktion stets dem Glauben dient und dem Glauben folgt. Allenfalls ersetzt die Kirche die fehlende Jurisdiktion eines Häretikers fallweise zugunsten des Heils der Seelen (suppliierte Jurisdiktion). So kann etwa ein häretischer oder sogar exkommunizierter Priester im Notfall einem Sterbenden gültig und erlaubt die Absolution spenden. Dabei verleiht die Kirche jedoch nicht die Jurisdiktion einem Häretiker, was unmöglich wäre, auch nicht vorübergehend, sondern sie fügt gewissermaßen dem Akt die fehlende Jurisdiktion hinzu, um ihn gültig zu machen.

7. Die Ausführungen der Herren Dominikaner zum zweiten, dem „kanonischen“ Argument, erbringen nichts wesentlich Neues. Selbst „Sedisvakantisten“ würden inzwischen zugeben, sagen sie, daß die Bulle „Cum ex Apostolatus“ Pauls IV. ihre Rechtskraft verloren habe und nicht als Grundlage für die These der „Sedisvakanz“ tauge – und das mit dem gewichtigen „Beleg“, daß einer von jenen gesagt habe, mit genannter Bulle ließe sich nur die Möglichkeit, nicht aber die Tatsächlichkeit der Sedisvakanz beweisen. Nun, es ist eine Binsenweisheit, daß sich ein Faktum nicht unmittelbar aus dem Rechtsgrundsatz ableiten läßt, sondern eigens nachgewiesen werden muß. Wenn irgendwo die Höchstgeschwindigkeit bei 50 km/h liegt, folgt daraus allein in keiner Weise, daß ein Autofahrer sie überschritten hat. Erst eine Radarmessung kann dies belegen.

Zwar, so fährt unsere katechetische Studie fort, werde die Bulle Pauls IV. im Codex Juris Canonici (CIC) von 1917 als Quelle genannt, das bedeute jedoch nicht, daß sie noch in Kraft sei. Tatsächlich schaffe der Codex alle nicht in ihm genannten Strafen ab, wozu auch „Cum ex apostolatus“ gehöre. Überdies habe schon der heilige Pius X. die Konstitution Pauls IV. abgeschafft, indem er in seiner Konstitution „Vacante sede apostolica“ vom 25. Dezember 1904 jede Zensur beseitigt habe, welche die Kardinäle am passiven oder aktiven Wahlrecht im Konklave hindern könnte. Dasselbe habe Pius XII. 1945 wiederholt: „Kein Kardinal kann in irgendeiner Weise von der aktiven oder passiven Wahl des obersten Pontifex ausgeschlossen werden, unter keinen Umständen und sei es aus Gründen der Exkommunikation, Suspension, Interdikt oder einem anderen kirchlichen Hinderungsgrund. Wir heben in der Tat diese Zensuren auf, allerdings nur für diese Art der Wahl, während wir sie überall sonst aufrechterhalten.“

Die Sache ist schnell geklärt und auch schon oft erklärt worden, was unseren gelehrten Autoren jedoch bislang entgangen zu sein scheint. Im genannten Fall geht es nämlich gar nicht um kirchliches Recht und kirchliche Zensuren, von welchen ein Papst befreien kann. Häresie ist nach göttlichem Recht ein Ausschluß aus der Kirche und damit von allen kirchlichen Ämtern. Davon kann kein Papst dispensieren, und auch das Kirchenrecht kann daran nichts ändern. Darum dispensiert auch Pius XII. zwar von Exkommunikation, Suspension und Interdikt, nicht aber von Häresie. Jeder, der sich in der Materie in wenig auskennt, weiß, daß die „Sedisvakantisten“ zu unterscheiden pflegen zwischen der Sünde der Häresie und dem Verbrechen der Häresie. Erstere wendet sich gegen göttliches Recht und trennt von der Kirche, letzteres wendet sich gegen kirchliches Recht und verdient die Strafe der Exkommunikation.

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