Seliger Irrtum

An der von den Herren Dominikanern als „Beweis“ herangezogenen zweiten Stelle aus der Summa des heiligen Thomas (III q. 79 a.7) geht es gar nicht um die Frage, ob man im Kanon auch für Häretiker beten kann, sondern um die Wirkungen des Altarsakraments und speziell um die Frage, ob es auch bei denen eine Wirkung hat, welche es nicht empfangen, also nicht kommunizieren. Der zweite Einwand, den sich der Doctor Angelicus hier stellt, meint, daß es wohl nicht recht wäre, wenn jemand die Wirkung des Altarsakramentes empfange, ohne überhaupt irgendetwas dafür zu tun, da er ja nicht einmal zur Kommunion geht. Die Antwort des Aquinaten – und sie ist es, auf welche sich die „Herrenhunde“ beziehen – lautet wie folgt: „Wie das Leiden Christi zwar allen zur Vergebung der Sünden und zum Erlangen der Gnade und Glorie nützt, aber nur Wirkung hat bei jenen, welche sich durch Glaube und Liebe mit dem Leiden Christi verbinden, so hat auch dieses Opfer (das Meßopfer), welches das Gedächtnis des Leidens Unseres Herrn ist, nur Wirkung bei jenen, die sich mit diesem Sakrament durch Glaube und Liebe verbinden. Wie der heilige Augustinus sagt: Wer opfert den Leib Christi außer für jene, die Glieder Christi sind? Darum wird auch im Kanon der Heiligen Messe nicht für jene gebetet, die sich außerhalb der Kirche befinden. Jenen aber [hier sind die o.g. Glieder Christi gemeint] nützt es mehr oder weniger, gemäß dem Maß ihrer Frömmigkeit.“ Wie man daraus ableiten will, der heilige Thomas verbiete nicht, im Meßkanon für Häretiker zu beten, bleibt schleierhaft. Im Gegenteil sagt er doch ausdrücklich, daß im Kanon der Messe nicht für jene gebetet wird, „die sich außerhalb der Kirche befinden“.

Es ist uns schon längst bekannt, wie schwer sich die großartigen „Theologen“ der „Piusbruderschaft“ mit dem heiligen Thomas tun und daß sie ihn so gut wie immer mißverstehen bzw. mißbrauchen, indem sie ihn ihren eigenen Zwecken dienstbar machen und das hineinlesen, was ihnen gerade paßt. Daß aber die hochgelahrten Herren Dominikaner es nicht anders vermögen und ebenso halten, das wußten wir noch nicht. Sie jedenfalls meinen, den heiligen Thomas dahingehend interpretieren zu dürfen, das Schlimmste, was passieren könnte, wenn man „una cum“ einem Häretiker betet – was ja immerhin erlaubt sei –, wäre allenfalls, daß das Gebet für ihn dann wirkungslos wäre.

Die entscheidende Frage ist aber gar nicht, ob wir im Kanon der Hl. Messe für einen Häretiker beten dürfen oder nicht (oder gar für einen „papa haereticus“, einen „häretischen Papst“, wie absurd!), ob mit oder ohne Wirkung. Bei der Zelebration der Heiligen Messe handelt der Priester ganz vorzüglich als „minister“ oder Diener der Kirche. Er bringt das heilige Opfer für die Kirche dar, und zwar im Namen und Auftrag der Kirche. Dieser Auftrag wird ihm gewöhnlich durch ein „Zelebret“ erteilt, welches der zuständige Ordinarius ihm ausstellt. Darum muß er das Meßopfer natürlich auch in der Gemeinschaft der Kirche darbringen und darf nicht durch Häresie, Schisma oder Exkommunikation von ihr getrennt sein. Das unabdingbare Kennzeichen für diese Gemeinschaft war aber zu allen Zeiten die Nennung der Namen von Papst und Bischof im Kanon der Hl. Messe.

Der heilige Thomas von Aquin schreibt in seiner „Summa“ (III qu. 82 a. 7), wo er sich die Frage stellt, ob auch Häretiker, Schismatiker oder exkommunizierte Priester gültig konsekrieren können: „Und weil die Konsekration der Eucharistie ein Akt ist, welcher der Weihegewalt folgt, können zwar jene, welche durch Häresie, Schisma oder Exkommunikation von der Kirche getrennt sind, die Eucharistie konsekrieren, welche von ihnen konsekriert den wahren Leib und das Blut Christi enthält, sie tun dies aber nicht rechtmäßig und sündigen, indem sie es tun. Und darum empfangen sie die Frucht des Opfers nicht, welches ein geistiges Opfer ist.“ In seiner Antwort auf den dritten Einwand, „ad 3“, stellt der heilige Doctor fest, daß „der Priester bei den Gebeten der Heiligen Messe in persona Ecclesiae (in Person der Kirche) spricht, in deren Einheit er feststeht. Aber bei der Konsekration des Sakramentes spricht er in persona Christi (in der Person des Heilands), dessen Stelle er hier einnimmt durch die Gewalt der Weihe. Und daher konsekriert ein Priester, wenn er von der Einheit der Kirche getrennt die Messe feiert, den wahren Leib und das Blut Christi, aber, weil er von der Einheit der Kirche getrennt ist, haben seine Gebete keine Wirksamkeit.“

Ganz so unwichtig scheint also die genannte Stelle im Kanon doch nicht zu sein, denn immerhin hängt davon ab, ob die Messe nicht nur gültig, sondern auch wirksam gefeiert wird. Nicht nur die Wirkung des „Gebets für den Papst“ steht in Frage, wohlgemerkt, sondern die der ganzen Heiligen Messe! Wer die Messe „una cum“ – oder auch „et pro“, das macht keinen Unterschied – „Papa nostro Francisco“ zelebriert, stellt sich damit in Gemeinschaft mit Bergoglio und seiner „konziliaren Kirche“. (Besonders kurios ist das übrigens bei solchen, die gar nicht die Messe des Herrn Bergoglio feiern, der bekanntlich ausschließlich dem „Novus Ordo“ vorsteht, und obendrein gar kein Zelebret der „Bergoglio-Kirche“ haben.) Aber steht er damit auch in Gemeinschaft mit der katholischen Kirche? Der heilige Augustinus sagt: „Außerhalb der katholischen Kirche kann das wahre Opfer nicht gefunden werden“ (vgl. Prosperum Aquitanum, Sent., sent. 15 P.L. 51, 430).

Wenn wir davon ausgehen, daß die „konziliare Kirche“ nicht die wahre Kirche Christi, die katholische Kirche, ist, sondern eine schismatische, eine häretische „Kirche“, dann haben wir da ein großes Problem. Es sind dann die Messen, in denen „für unseren Papst Franziskus gebetet“ wird, gar keine wirksamen Messen, keine katholischen Messen, sie sind nicht das „wahre Opfer“. Das ist keine Kleinigkeit! An akatholischen Messen dürfen wir als Katholiken nicht teilnehmen, wenn wir uns nicht der schweren Sünde und des Ärgernisses schuldig machen wollen. Die Meinung der Herren Dominikaner erscheint uns in dieser Sichtweise, gelinde gesagt, zumindest eine arge Verharmlosung der Sachlage.

10. In einer „abschließenden Reflexion“ meinen die „Herrenhunde“, die ganze Diskussion so zusammenfassen zu können: „Es ist nicht angemessen, im Namen einer ‚theologischen Meinung‘ zu erklären, daß ‚der Papst nicht Papst ist‘ (ob materiell oder formell).“ Das klingt schon recht viel kleinlauter als die ursprünglich so lauten Töne von jenem schrecklichen Irrtum, der zu meiden sei wie der Modernismus. Die Autoren meinen sodann, in diesem Zusammenhang noch eine interessante Parallele beibringen zu können. Nach einem Artikel eines P. Hurtaud in der „Revue Thomiste“ sei Savanarola überzeugt gewesen, daß Alexander VI. durch Simonie auf den Papstthron gelangt und daher gar nicht Papst gewesen sei. Da jedoch die Ungültigkeit einer simonistischen Wahl „nur eine Meinung“ gewesen sei, habe Savanarola die Einberufung eines Konzils gefordert, wo er den Beweis erbrachte, daß Alexander VI. nicht länger den katholischen Glauben hatte, „und es war auf diese Weise, daß festgestellt wurde, daß Alexander VI. die höchste Jurisdiktion verloren hatte“.

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