Engel

von antimodernist2014

Jeder Katholik glaubt selbstverständlich, daß es heilige Engel gibt, betet er doch in jedem Glaubensbekenntnis der hl. Messe: „Ich glaube an … den allmächtigen Vater, Schöpfer des Himmels und der Erde, aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge.“ Mit den unsichtbaren Dingen sind aber besonders die heiligen Engel gemeint, also jene Welt der reinen Geister, die am Throne Gottes unablässig die Heiligkeit Gottes besingen. Auch beginnt die Heilige Schrift mit den Worten: „Im Anfang schuf Gott die Himmel – im Hebräischen steht die Mehrzahl! – und die Erde.“ Die Engel existierten also schon, als die Erde noch wüst und leer war, ein Tohuwabohu. Mit den Himmeln (den coeli; wir singen im Sanctus der hl. Messe: „pleni sunt coeli et terra gloria tua“, „Himmel und Erde sind erfüllt von Deiner Herrlichkeit“), welche die Herrlichkeit Gottes rühmen, wie es im achtzehnten Psalm heißt und von denen der zweiunddreißigste Psalm sagt, sie seien geworden durch Gottes Wort, durch Seines Mundes Hauch all ihre Mächte, haben wir die Engel zu verstehen, die als unsichtbare Wesen über unserer Menschenwelt walten.

Weil diese Welt für uns Menschen gewöhnlich verborgen ist, glauben heute viele nicht mehr an die heiligen Engel, viele auch von denen, die sich zwar noch „Katholiken“ nennen, es aber schon lange nicht mehr sind. Für uns echte Katholiken – die Notwendigkeit, die Bezeichnung „Katholik“ mit einem Beiwort zu präzisieren, zeigt uns, daß wir inzwischen von einer Legion Auchkatholiken umgeben sind, die sich offiziell und mit Duldung und Genehmigung der neurömischen Hierarchie auch katholisch nennen dürfen, obwohl sie es in keiner Weise mehr sind – also für uns echten Katholiken gibt es zweifelsohne heiligen Engel, wobei zudem einer von diesen unzähligen Engeln uns ständig begleitet und vor den vielfältigen Gefahren dieses Menschenlebens für Leib und Seele beschützt, weshalb wir ihn Schutzengel nennen. Leider wird dieser treue Engel an unserer Seite von den allermeisten Menschen heute einfachhin vergessen oder gar mißachtet. Damit unser Glaube an die heiligen Engel wieder gestärkt und unser Vertrauen in seine Hilfe wieder so lebendig wird, daß er den Alltag zu durchwirken vermag, wollen wir uns etwas ausführlicher mit diesen himmlischen Geistern beschäftigen.

„Eha, a Engl!“

Nehmen wir einmal an und stellen wir uns das möglichst lebendig und wirklichkeitsnahe vor: Sie kommen nach Hause, wobei Sie wissen, die Wohnung ist menschenleer. Sie legen Ihre Sachen gedankenverloren in der Garderobe ab, gehen ins Wohnzimmer, wo Sie sich nach einem anstrengenden Arbeitstag gemütlich in den Sessel fallen lassen wollen, wozu Sie aber nicht mehr kommen, denn es steht mit einem Mal ein Engel vor Ihnen. Sie stutzen, sind überrascht und sagen halblaut vor sich hin: „Eha, a Engl!“ Weil Sie es nicht glauben wollen, reiben Sie sich die Augen, schauen nochmals auf dieselbe Stelle im Zimmer und murmeln: „Er is imma no do, da Engl.“ Nochmals überraschter sind Sie, als der Engel sich zu bewegen beginnt – bisher stand er nämlich ganz starr und unbeweglich da, wie die Engel auf den Bildern oder auf den Podesten in den Kirchen – und Sie anspricht: „Fürchte Dich nicht!“

Da es durchaus nicht alltäglich ist, einen Engel zu sehen und die allermeisten von uns darin auch keinerlei Übung haben, ist es wirklich nicht verwunderlich, wenn man beim Anblick eines echten, wirklichen, ja leibhaftigen Engels, so möchte man fast sagen, in Furcht gerät und etwas verwirrt dreinschaut. Denn hier beginnen doch eigentlich nicht geringe Schwierigkeiten – wenn man einen Engel sieht, den man doch eigentlich gar nicht sehen kann, weil er nämlich unsichtbar ist, ist er doch reiner Geist, wie jeder Katholik, der seinen Katechismusunterricht noch nicht ganz vergessen hat, weiß. Ist doch etwa im römischen Katechismus zu lesen: „Außerdem hat er eine geistige Natur und unzählige Engel aus nichts geschaffen, damit sie Gott dienten und vor ihm stünden, und hat sie dann mit dem wunderbaren Geschenke seiner Gnade und Macht erhoben und geschmückt.“

Der moderne Mensch hat seine liebe Not mit dieser geistigen Natur oder diesen geistigen Naturen, ist er doch in den letzten Jahrhunderten mehr und mehr verbildet worden und zum Materialisten entartet. Ein Materialist bildet sich ein, nur die Materie wäre Wirklichkeit, wohingegen das Geistige nur Schein sei, also ein bloßes Ding in unseren Gedanken, ohne entsprechende Wirklichkeit in den Dingen. Darum sagt er mit voller Überzeugung: „Ich glaube nur das, was ich sehen kann.“ Der hl. Apostel Thomas erlag ebenfalls dieser Versuchung, als er sich darauf versteifte: „Wenn ich nicht an Seinen Händen das Mal der Nägel sehe, nicht meinen Finger an die Stelle der Nägel und meine Hand in Seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Man muß schon sagen, der hl. Thomas wollte schon eine sehr handgreifliche Sicherheit von der Auferstehung Jesu gewinnen, ehe er bereit war, daran zu glauben. Es genügte ihm nicht der Bericht der Frauen und der anderen Apostel, er wollte selbst sehen und tasten, um glauben zu können.

Nun hatte Thomas noch das Glück, daß der Auferstandene zu betasten war, hatte er doch einen wirklichen, wenn auch verklärten Leib. Bei einem heiligen Engel hätte er sich da schon schwerer getan. Ein Engel kann uns zwar erscheinen, was wir aber als Erscheinung sehen, ist nicht der Engel, den wir als reinen Geist doch nicht mit den Augen wahrnehmen können, sondern nur sein Erscheinungsbild, also eine irgendwie Sichtbarmachung dessen, was ein Engel in Wirklichkeit ist – wobei diese Wirklichkeit himmelweit über dem Erscheinungsbild steht. Ist doch die geistige Wirklichkeit von weit erhabenerer Art als die materielle, mit unseren Sinnen wahrnehmbare Wirklichkeit. Wer darum behauptet, er glaubt nur das, was er sehen kann, der enthauptet sozusagen die Wirklichkeit und gibt sich mit einem kümmerlichen Restwirklichkeit zufrieden. Wenn er sodann mit diesem kümmerlichen Rest von Wirklichkeit bei der Erklärung der Welt nicht mehr zurecht kommt, ist das durchaus nicht verwunderlich, erniedrigt sich doch der Mensch durch seinen Zweifel am Geistigen freiwillig auf die Ebene eines Tieres. Und natürlich wäre es unsinnig, etwa von einem Hund zu erwarten, daß er mathematische Aufgaben lösen könne, während einem Menschen das doch durchaus zuzutrauen ist. Was würde man aber von einem Menschen denken, der sagte, er glaube nicht an die Mathematik, weil er sie nicht sehen könne, hat sie es doch mit ausschließlich abstrakten Dingen, wie Zahlen und Formen, zu tun?

Diese etwas seltsame Denkart des modernen Menschen geht auf die Zeit der Aufklärung zurück. Damals setzte sich zunächst bei den sog. Gelehrten oder Gebildeten die Ansicht durch, daß Gott zwar der Schöpfer oder auch Weltenbaumeister sei, der ähnlich einem Uhrmacher die Welt als einen Riesenmechanismus geschaffen habe, in dem alles punktgenau und naturnotwendig ablaufe, sich fernerhin aber nicht mehr um diese Welt kümmere. Diese Ansicht nennt man Deismus. Die Deisten der Aufklärung hatten noch nicht den Mut, sich offen zum Atheismus (also als Gottesleugner) zu bekennen, darum billigten sie Gott sozusagen gerade noch das Existenzminimum zu. Sie bürdeten Ihm zwar noch die Erschaffung der Welt auf, verbannten Ihn dann aber aus dieser und verurteilten Ihn zur Tatenlosigkeit. Sie sprachen Ihm letztlich all das ab, was Gott überhaupt erst zu Gott macht, nämlich das uneingeschränkte Recht, Wunder zu wirken, Engel erscheinen zu lassen, in die Erdendinge einzugreifen, wenn es Ihm beliebt und notwendig erscheint, und gnadenüberströmend ewiges Heil zu wirken. Wunder, Engelerscheinungen, Visionen, Privatoffenbarungen sind dem Deisten ein Greuel, stören sie doch seine allzu vernünftigen, überschaubaren Bilanzen und kindischen Berechnungen. Ihnen erschiene ein Gott, der allmächtig und souverän über seiner Schöpfung steht und jeden Augenblick diese Welt nach seinem Willen lenken, leiten und auch verändern kann, wie ein Durcheinanderwerfer ihrer mühsam errichteten oder auch erdichteten rationalen und mathematisch genau berechenbaren Ordnung.

Diese eisige, alles wahre Denken einfrierende Geisteskälte des aufklärerischen Deismus ist mit dem um sich greifenden Modernismus auch in die Theologie eingedrungen. Plötzlich war die Existenz von Engeln fragwürdig und der bloße Glaube daran verdächtig. Der zum Guru der modernistischen Theologen im Bereich der Konzilskirche hochstilisierte Karl Rahner schreibt etwa:

„Was wir, wenn überhaupt etwas, geleistet haben, kann letztlich nur in einigen Mahnungen bestehen: in der Mahnung, nicht in einem biblizistischen Fundamentalismus zu schnell und zu naiv von der Existenz guter und böser Engel überzeugt zu sein; in der Mahnung, die vom eigentlichen Wesen einer göttlichen Offenbarung her gegebenen hermeneutischen Prinzipien ernst zu nehmen, die beachtet werden müssen, wenn man die Existenz von Engeln nachzuweisen versucht, obwohl solche nicht zum primären und ursprünglichen Offenbarungsgegenstand gehören können; in der Mahnung, nicht in einem primitiven Rationalismus zu meinen, es könne von vornherein keine kreatürliche Subjektivität neben und ,über‘ dem Menschen gedacht werden, oder eine solche sei entweder schlechthin unerfahrbar oder müsse so vorgestellt werden, wie sie nicht selten in einer vulgären Auffassung gegeben ist.“

Dieser Text ist einerseits ein Beispiel für einen zum Tode kranken Glauben und anderseits für eine ebenfalls fast krankhaft zu nennende Unehrlichkeit. Denn einerseits getraut sich Karl Rahner nicht, die Existenz der heiligen Engel schlichtweg zu leugnen, käme er doch damit in direkten Konflikt mit der Lehre der Kirche und damit mit der kirchlichen Autorität, anderseits möchte er diese vernünftelnd in der Schwebe halten, weil „solche nicht zum primären und ursprünglichen Offenbarungsgegenstand gehören können“, was zu behaupten schon recht verwegen, im theologischen Sprachgebrauch nennt man das „temerär“, wenn nicht schon direkt häretisch ist. Welch ein im wahrsten Sinn des Wortes himmelweiter Abgrund besteht zwischen einer solchen engelskeptischen, ja sogar engelfeindlichen modernistischen Lehre Karl Rahners und dem, was wir im Gebet, Lied, Kult, in der Heiligen Messe, der Mystik und Volksfrömmigkeit, in der Hochscholastik, Patristik und in der Bibel selbst von den Engeln aussagen!

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