Engel

Um diesen Kontrast allen greifbar zu machen, wollen wir der Ausführung Karl Rahners ein Zitat aus Kardinal Newmans „Apologia“ entgegenstellen:

„Vermutlich verdanke ich hauptsächlich der Schule von Alexandrien und der Urkirche meine endgültige Auffassung von den Engeln. Ich sah in ihnen nicht bloß Diener, die vom Schöpfer in der jüdischen und christlichen Offenbarung verwendet wurden, wie wir es auf den ersten Blick in der Schrift finden, sondern auch die Vollstrecker der sichtbaren Weltordnung, wovon die Schrift ebenfalls Zeugnis gibt. Ich betrachtete sie als die wirklichen Ursachen der Bewegung, des Lichtes, des Lebens und jener elementaren Prinzipien des physischen Universums, die, wenn sie in ihren Entwicklungen unseren Sinnen zugänglich werden, uns den Begriff von Ursache und Wirkung und von dem, was man Naturgesetze nennt, geben. Ich habe diese Lehre in meiner Predigt auf den Tag des heiligen Michael, die im Jahre 1831 geschrieben wurde, eingehend behandelt. Darin heißt es von den Engeln: ‚Jeder Luftzug und Lichtstrahl, jede Wärmewelle und jeder schöne Anblick ist wie der Saum ihres Gewandes, das Wehen der Gewänder jener, die Gott schauen.‘“

Wenn man unbefangen das, was Karl Rahner über die Engel sagt, mit dem hier angeführten Gedanken Newmans vergleicht, drängt sich der Eindruck auf, daß die beiden, sich katholisch nennenden Priester und Theologen völlig verschiedenen Religionen angehören.

Engel-Sehen?

Nimmt man diesen Gegensatz von katholischem Glauben und modernistischem Gegenglauben nüchtern und sachlich zur Kenntnis, so wundert es einen nicht mehr, daß viele Zeitgenossen nur noch ein äußerst rudimentäres Wissen vom wahren Glauben bewahrt haben. Das ist eine notwendige Folge des Modernismus, der nicht nur den Inhalt, sondern auch den Akt des Glaubens von der Wurzel her zerstört, also den wahren, den theologischen Glauben, der eine göttliche Tugend ist. Um aber einen Engel sehen zu können, den man gar nicht sehen kann, d.h. grundsätzlich, wesentlich nicht sehen kann, muß man glauben. Wenn wir uns also mit den hll. Engeln beschäftigen, dann beschäftigen wir uns damit zugleich notwendigerweise immer auch mit dem Glauben. Wir wollen dies aber einmal möglichst ausdrücklich tun, damit wir sowohl die heiligen Engel als auch den Glauben wieder etwas besser verstehen.

Also, wenn jemand zu Ihnen käme uns sagte: „Ich habe einen Engel gesehen!“ – würden Sie ihm dann glauben?
Nun, ein moderner, aufgeklärter, kritischer Geist würde sagen: „Du spinnst, Engel gibt es gar nicht!“
Ein moderner katholischer Geist würde sagen: „Da mußt Du Dich getäuscht haben, Engel sind doch nur Sinnbilder für etwas Geistiges. Engel sind doch kein Du, sondern nur ein Es, sie sind keine lebendigen Personen, wie soll man da einen Engel sehen können?“ Ein nicht mehr so ganz moderner katholischer Geist würde sagen: „Früher hat man noch an Engel geglaubt, aber heutzutage ist das doch nicht mehr vorstellbar. Wo denkst du hin, ein Engel. Die gibt’s doch nur noch in der Kirche. Wo kämen wir denn da hin, wenn plötzlich Engel erscheinen würden?“ Ein traditionell gesinnter katholischer Geist würde sagen: „Das ist ja schön, schade, daß ich ihn nicht auch gesehen habe.“

Ein Katholik würde sagen: „So, Du hast einen Engel gesehen? Woher weißt Du denn so genau, daß es ein Engel war?“ Denn wenn jemand etwas gesehen hat, das wie ein Engel ausschaut, so heißt das noch lange nicht, daß dies auch wirklich ein Engel war. Wo man doch Engel gar nicht sehen kann und man keinerlei Erfahrung im Engel-sehen hat. Spielen wir darum die Möglichkeiten, die eine angebliche Vision eines Engels auftut, durch. Es ist nämlich durchaus nicht unwichtig, hierbei einiges zu unterscheiden.

Das erste ist: Wie unterscheidet man geistige Wirklichkeit von Illusion? Es könnte ja jemand gemeint haben, einen Engel gesehen zu haben, dabei ist nur seine Phantasie mit ihm durchgegangen. Wenn Ihnen etwa jemand mitteilen würde, er habe einen Engel gesehen, von dem sie wissen, daß er auch immer wieder grüne Männchen über seinen Balkon herumlaufen sieht, dann würden sie ihm sicherlich nicht glauben, daß er wirklich einen Engel gesehen hat.
Anders ist es, wenn ihnen jemand, von dem sie wissen, er ist die Nüchternheit in Person, mit bleichem Angesicht und dünner Stimme berichten würde: Als er nach Hause gekommen sei, sei in seinem Wohnzimmer ein Engel gestanden. Dem würden sie dies schon eher abnehmen. Sie würden wohl noch nachfragen: „Sind Sie sich ganz sicher? Haben Sie sich wirklich nicht getäuscht?“ Wenn dieser sodann berichtet: „Nein, ich habe mir die Augen gerieben und er war immer noch da – und dann hat er mich sogar angesprochen. Ganz deutlich habe ich seine Worte gehört, so wie ich Sie jetzt sprechen höre.“

Bei so einem Sachverhalt hat man immerhin eine menschliche Sicherheit, daß dieser Mann eine Erscheinung gehabt hat, eine Erscheinung, die dem Bild eines Engels glich. Man weiß aber immer noch nicht, ob es wirklich ein Engel war – oder womöglich eine Arme Seele, oder gar ein Teufel! Denn bei einer Erscheinung von Wesen, die man doch eigentlich gar nicht sehen kann, muß man vorsichtig sein; umso mehr, als man keine eigene Erfahrung davon hat. Lassen wir uns deswegen ein wenig von erfahrenen Engelvisionären berichten, wie das so ist mit diesen Wesen aus einer anderen, unsichtbaren Welt.

Das göttlich beglaubigte Zeugnis von den heiligen Engeln ist uns in der Heiligen Schrift geschenkt. Vom Garten Eden, den Cherube „und die zuckende Schwertflamme“ bewachen (Genesis 3, 24) bis zur Verkündigung der Geburt Johannes des Täufers und der Geburt Christi; von der Verheißung an Joseph (Matthäus 1, 20-23) bis zum Garten Gethsemane; vom Garten der Auferstehung (Johannes 20, 15-18) bis zur zwölftorigen, edelsteingeschmückten Stadt der Erlösten, wo der Baum des Lebens ewig Früchte spendet am Strom der Lebenswasser (Apokalypse 21, 1-22, 5) – immer wieder begleiten die Engel als Boten, Wächter, Schützer, Tröster, Wundertäter, Weissager, Übermittler und dienstbare Geister (Hebräerbrief 1, 14), gelegentlich auch als Rächer, Züchtiger und Kriegsherren die gesamte Heilige Geschichte. Vom ersten bis zum letzten Buch der Bibel sind sie gegenwärtig. Sie erscheinen Männern und Frauen, den Patriarchen und Propheten, Königen und Hirten, Priestern und Richtern, Aposteln und Kriegern, Juden und Heiden. Engel dienen Jesus, nachdem er den ihn zu verführen trachtenden Teufel, der zu den gefallenen Engeln zählt, abgewehrt hat (Matthäus 4,11; Markus 1,13); ein Engel stärkt und tröstet ihn in der Nacht des Verrats und der Gefangennahme im Garten Gethsemane auf dem Ölberg (Lukas 22, 43). Engel gehören zu den Helfern der Christen der Urkirche. So wie sie einst Hagar, der ägyptischen Nebenfrau Abrahams, und dem Abraham selbst; Lot, dem Brudersohn Abrahams, und Jakob, dem Ahnherrn der zwölf Stämme Israels; dem Moses in der Feuerflamme des Dornbusches (2 Moses 3, 2; vgl. Apostelgeschichte 7, 30); den Sehern und Gottesmännern Osee, Bileam, Elias, Daniel, Habakuk (vgl. Daniel 14,35-38) und Zacharias; dem Gideon und den Eltern Samsons; dem König David (2 Samuel 24,16-17) und Ananias, Misael sowie Azarias, den Jünglingen in Nebukadnezars Feuerofen (Daniel 3, 49-50); dem Tobias und dessen Vater Tobit; dem Makkabäer und seinen Sturmscharen (2 Makkabäer 10, 28-32; 11,8); und endlich Maria, Joseph und Jesus erschienen sind, so auch Maria Magdalena, dem Petrus, Paulus, Philippus und anderen von Christus Berufenen, dem römischen Hauptmann Cornelius, der als erster Heide von Petrus die Taufe empfing (Apostelgeschichte 10,1-48), und Johannes, dem Schreiber der Apokalypse, der sogenannten Geheimen Offenbarung.

Trotz eines so erdrückenden Befundes von göttlich versicherten Engelerscheinungen gibt es moderne Theologen, die all diese helfenden, belehrenden, strafenden, Krieg führenden Engel nicht als Wirklichkeit gelten lassen wollen, sondern sie als Phantasiegestalten der damals noch naiven, leichtgläubigen Menschen abtun. Es gehört schon ein heillos verworrener Glaube dazu, um so etwas glauben zu können. Unberührt von diesem Wahn, stellt der hl. Gregor der Große ganz nüchtern fest: „Fast alle Seiten heiliger Mitteilungen (in der Heiligen Schrift) bezeugen, daß es Engel gibt.“ Darum glauben wir im Gegensatz zu diesen modernen „Theologen“ mit der ganzen hl. Kirche, daß all diese, in der Heiligen Schrift erwähnten Engel, von Gott geschaffene wunderbare Lichtgestalten sind, die ihr lichtes Wesen unablässig zur Ehre Gottes verströmen und zudem in unserer Menschenwelt helfend und heilend oder auch mahnend und strafend tätig sind.