Engel

Berichte von Engelerscheinungen

Nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift, wollen wir auch noch, um das Ganze weiter zu konkretisieren, aus der unzähligen Schar heiliger Visionäre einige zu Wort kommen und von ihren Erfahrungen mit den hll. Engeln berichten lassen. Vom hl. Franz von Assisi heißt es: „Er verehrte mit größter Liebe die Engel, die zusammen mit uns im Kampfe stehen und mit uns durch die Todesschatten wandeln. Er wollte, daß wir sie überall als Gefährten ehren und als Beschützer anrufen. Er lehrte, wie man ihren Blick nie beleidigen, noch in ihrer Gegenwart sich etwas gestatten dürfe, was nicht vor Menschen geschehen könnte. Und weil wir im Chor im Angesicht der Engel die Psalmen singen, wollte er, daß alle Brüder, die es könnten, im Oratorium zusammenkämen um dort in Weisheit zu psallieren.“ In den im vierzehnten Jahrhundert entstanden „Fioretti di San Francesco“ finden sich Aussagen über den Umgang des Heiligen mit Engeln höchsten Ranges, weshalb er auch „Pater seraphicus“ („der seraphische Vater“) genannt wird:

„Bruder Leo hob die Augen empor und blickte gen Himmel. Und wie er hinblickte, sah er ein wundervolles schimmerndes Licht von dem Himmel steigen, das sich auf dem Haupt des hl. Franziskus niederließ; und aus dieser Flamme vernahm er das Tönen einer Stimme, die mit St. Francisco redete; doch jener Bruder Leo verstand nicht die Worte. (…) Wie er nun aufmerksam hinschaute, sah er den hl. Franziskus zu drei Malen seine Hände gegen die Flamme strecken; und zuletzt, nachdem längere Zeit vergangen war; sah er die Flamme wieder zum Himmel schweben. (…) An dem Tage, der dem Feste der Kreuzerhöhung vorangeht, im Monat September (im Jahr 1224), da der hl. Franziskus verborgen in seiner Zelle betete, erschien ihm der Engel Gottes und sagte ihm im Namen Gottes: ,Ich stärke dich und ich mahne dich, auf daß du in Demut dich bereitest und anschickest, in aller Geduld entgegenzunehmen, was Gott dir wird tun und geben wollen.‘ Der hl. Franziskus antwortete: ,Ich bin bereit, geduldig alles zu tragen, was der Herr an mir tun will.‘ Und wie er das gesagt hatte, verschwand der Engel. Es kam der folgende Tag, nämlich der Tag der Kreuzerhöhung (14. September). Und des Morgens, früh vor seinem Grauen, hatte sich der hl. Franziskus vor seiner Zellentür in das Gebet versenkt und wandte sein Antlitz gen Sonnenaufgang und betete (…) Und wie er in dieser Betrachtung also entflammte, sah er den nämlichen Morgen einen Seraph von dem Himmel kommen mit sechs leuchtenden und feurigen Schwingen, welcher Seraph in schnellem Fluge dem hl. Franziskus nahte, so daß er unterscheiden konnte und deutlich wahrnahm, daß er in sich die Gestalt eines Gekreuzigten hatte; und seine Flügel waren derart, daß sich zwei Schwingen über seinem Haupte ausbreiteten, zwei aber zum Fluge, zwei den ganzen Leib bedeckten. (…) Da schien auch der ganze Berg La Vernia in leuchtender Flamme zu brennen, und sie erhellte mit Lichtglanz rings alle Berge und Täler, als stünde die Sonne über dem Lande. Darob entsetzten sich gewaltig die Hirten, so in jenem Gaue wachten, da sie den Berg in Flammen und so viel Licht ringsum gewahrten, wie sie nachmals den Brüdern erzählt haben. (…) In jener seraphischen Erscheinung redete Christus, der da erschien, einige tiefe und erhabene Dinge zum hl. Franziskus, die dieser bei Lebzeiten niemand offenbaren wollte.“

Im Tagesgebet des Festes der hl. Franziska von Rom, die von 1384 bis 1440 lebte, betet die hl. Kirche: „O Gott, Du verliehest Deiner heiligen Dienerin Franziska zu den anderen Gnadengaben hin die Auszeichnung, mit ihrem Engel vertraut verkehren zu dürfen; daher bitten wir Dich: gib, daß wir durch ihre hilfreiche Fürsprache würdig werden, die Gemeinschaft mit den Engeln zu erlangen.“ Die Heilige hatte vertrautesten Umgang mit ihrem Schutzengel, der ihr selbst in alltäglichen Dingen in ganz ungewohnter Weise zur Seite stand. So konnte sie etwa in der Nacht ebensogut lesen und arbeiten wie am Tage, da der ihr zubestimmte Engel ein sichtbares Licht war. Es leuchtete bald zu ihrer Rechten, bald zu ihrer Linken und bald über ihrem Haupte. Das Licht hatte jedoch ein lebendiges Antlitz, dessen Mienenspiel und Glanz wandelbar waren, je nach den Umständen und Stimmungen der vornehmen Frau, die als Gattin, Mutter, Witwe, Friedensstifterin, Armenpflegerin, zuletzt als seherische, weissagende und sich kasteiende Ordensfrau beständig Gott diente. Der Glanz auf dem Gesicht des Engels war bisweilen so leuchtend, daß Franziska unfähig war, ihren Blick darauf zu richten. Manchmal verbarg der Engel, der einmal als Erzengel, ein andermal wieder als Schutzengel bezeichnet wird, einen Teil seines himmlischen Glanzes, sodaß die Römerin ihn anschauen konnte, ohne davon geblendet zu werden. Sie selbst beschrieb auf Befragen ihres Beichtvaters Don Giovanni ihren Engel folgendermaßen:

„Seine Gestalt ist nicht so hoch wie die eines Kindes von neun Jahren; sein Anblick entzückt durch überfließende Sanftmut; seine Schönheit übersteigt die der Sonne; eine unaussprechliche Majestät ist über sein ganzes Wesen ausgegossen. Seine Augen sind beständig zum Himmel gerichtet und nichts kann die Reinheit seines Blickes beschreiben. Seine Stirne ist immer heiter; sein Haar, ähnlich feinstem Golde, wallt in großen Locken auf seine Schultern herab; die Arme sind über der Brust gekreuzt. Sein Anblick erhebt und begeistert mein Gemüt. Wenn ich ihn sehe, begreife ich den Adel der Engelsnatur und unseren eigenen Verfall. Er trägt ein langes, glanzweißes Gewand und darüber die kleine Tunika eines Subdiakons, deren Farbe wechselt; bald scheint sie mir gartenlilienweiß, bald rosenrot oder wie das reine Blau des weiten Firmaments. Wenn ich mit ihm die schmutzigen Straßen durchwandere, berühren seine Füße niemals etwas Unreines.“

Die westfälische Ordensschwester, Anna Katharina Emmerich, die ähnlich wie der hl. Franz von Assisi die Wundmale Christi trug, verkehrte seit ihrer Kindheit mit den heiligen Engeln. Wir wollen hier ihre visionäre Beschreibung des Priesterkönigs Melchisedech anführen, der im Kanon der hl. Messe zusammen mit Abel und Abraham erwähnt wird:

„Ich sah Melchisedech als Engel und Vorbild Jesu, als Priester auf Erden; insofern das Priestertum in Gott ist, war er ein Priester der ewigen Ordnung als Engel. Ich habe Melchisedech oft gesehen; aber nie als einen Menschen, sondern immer als ein Wesen anderer Art, als einen Engel und Gesandten Gottes. Ich habe keinen bestimmten Wohnort, keine Heimat, keine Familie, keinen Zusammenhang von ihm je gesehen; ich habe ihn nie essen, trinken oder schlafen sehen und bin nie auf den Gedanken gekommen, daß er ein Mensch sei. Er war gekleidet wie kein Priester damals auf Erden, sondern wie ich die Engel im himmlischen Jerusalem erblicke, und wie ich nachher den Moses auf Gottes Befehl die Priesterkleider herstellen sah… Wo er auftrat, und wo er war, übte er eine unwiderstehliche Gewalt aus durch seine Persönlichkeit. Niemand widerstand ihm, und doch brauchte er keine heftigen Mittel, und alle Menschen, die doch Götzendiener waren, ließen gerne seine Entscheidung, seinen Rat gelten. Er hatte keinen seinesgleichen, keinen Genossen, er war ganz allein; manchmal hatte er zwei Boten, die er annahm; sie waren Läufer, weiß und kurz gekleidet, und pflegten irgendwo seine Ankunft zu verkünden; dann entließ er sie wieder… So sah ich ihn am Hofe der Semiramis zu Babylon. Sie hatte hier eine unbeschreibliche Pracht und Größe; sie ließ durch Sklaven die größten Bauwerke aufführen… Semiramis hatte den Melchisedech mit großer Ehrfurcht und mit geheimem Schrecken vor seiner Weisheit aufgenommen. Er erschien vor ihr als der König des Morgensterns… Sie bildete sich ein, er könnte sie zur Ehe begehren; er aber redete sehr streng mit ihr, verwies ihr ihre Greuel und verkündete ihr die Zerstörung der bei Memphis erbauten Pyramide…
Einmal sah ich ihn an einem Berg einen Brunnen bohren; es war die Quelle des Jordan. Er hatte einen langen feinen Bohrer, der wie ein Strahl in den Berg eindrang. So sah ich ihn an verschiedenen Orten der Erde Quellen öffnen…
Melchisedech nahm viele Orte des gelobten Landes durch Bezeichnung in Besitz. Er maß die Stelle des Teiches Bethesda aus. Er legte einen Stein, wohin der Tempel kommen sollte, eher als Jerusalem war…
Wo er wirkte und baute, war es, als lege er den Grundstein einer künftigen Gnade…
Melchisedech gehörte zu jenem Chor der Engel, welche über Länder und Völker gesetzt sind, die zu Abraham und den Patriarchen kamen und ihnen Botschaften brachten.“

Vielleicht hilft Ihnen dieser Text, die Gestalt des Priesterkönigs Melchisedech während seiner Nennung im Kanon zu verlebendigen, um umso ehrfürchtiger seiner zu gedenken.

Friedrich Ritter von Lama hat 1935 eine Auswahl aus dem Nachlaß einer vornehmen Ehefrau herausgegeben, die sich in ihren Schriften „Magdalena von Kreuz“ oder „Ancilla Domini – Magd des Herrn“ nennt. Mechthild Thaller-Schönwerth, wie sie mit bürgerlichem Namen hieß, war eine begnadete Mystikerin, die vertrautesten Umgang mit den heiligen Engeln pflegte. (Eine Sammlung von Briefen und eine Auswahl von Tagebuchaufzeichnungen wurden von Irmgard Hausmann im Miriam Verlag unter dem Titel „Vertraute der Engel“ herausgegeben.) Fast täglich sah sie ihren hl. Schutzengel und auch andere Engel. Sie sprach mit ihnen genauso vertraut, wie wir mit anderen Menschen sprechen. Hier eine Kostprobe davon:

„Da sah ich auch den Gabrielsgefährten. Er hatte eine grüne Stola und in seinem Diadem glänzten grüne Steine. Mein Schutzengel hat noch immer ein dunkelgrünes Gewand. Da überfiel mich eine große Trauer. Mein Engel aber sprach: ‚Nur durch geduldiges Leiden kommst Du dazu, Gott von ganzem Herzen zu lieben. Also fasse Mut!‘ Nun dachte ich der Sorge, die ich Deus dedit‘s wegen hatte, und fragte, ob er den ‚Gewaltigen‘ noch bei sich hätte. Der Gabrielsgefährte erwiderte: ‚Nein, vorläufig vertritt mein Bruder die Stelle des Gewaltigen, denn auch er braucht Stärke und unerschütterliche Geduld.‘ Da sah ich Deus dedit in seinem Zimmer stehen. Er war verstimmt und leidend. Neben ihm standen seine zwei Engel, der Erzengel hatte eine grüne Stola wie der meine und sein Antlitz war ernst. Ich bat meinen Engel, er möge mir helfen, daß ich bald wieder aufstehen und ausgehen könne. Er versprach es, wenn ich meine Schmerzen noch länger geduldig ertrage. Ich leide viel — und morgen ist Freitag.“