Engel

Engel oder Teufel?

Es ist jetzt nochmals nötig, auf etwas anfangs Angesprochenes zurückzukommen. Wenn wir einen Engel sehen würden – wir, die wir keinerlei Erfahrung im Engel-Sehen haben – wüßten wir wirklich, ob diese erscheinende Gestalt überhaupt ein Engel ist? In dem Tagebuch der Mechthild Thaller-Schönwerth findet sich folgende Aufzeichnung:

„Heute fühle ich mich wieder so schrecklich verlassen und sterbensmüde. Und alles Leid meines ganzen Lebens fiel mit erdrückender Schwere auf mein Herz, auch die vielen, vielen Unterlassungen des Guten. Da sah ich plötzlich eine sonderbare Gestalt vor mir stehen. Sie war in ein lichtes Gewand von blauer Seide — mit Gold gestickt — gehüllt. Die ganze Erscheinung war ‚schön‘ zu nennen; aber es war doch im Ganzen ein undefinierbares Etwas, das mir wehe tat und mich abstieß. Mit leiser Stimme fing die Gestalt zu sprechen an und hielt mir alle Sünden meines Lebens vor und beklagte bitterlich, daß es unmöglich sei, so viel Versäumtes an Gutem nachzuholen. Das durchfuhr meine Seele wie ein Schwert. Aber ich war doch etwas beruhigt, weil ich mir dachte: ,Wenn ich diesen Ausführungen noch länger zuhöre, muß ich verzweifeln. Es ist unmöglich, daß ein guter Geist so spricht.‘ Ich blickte schärfer hin zur sprechenden Erscheinung. Wieder wurde es mir so unheimlich zumute wie anfangs, und ihre Augen waren noch immer gesenkt. Da unterbrach ich plötzlich die endlose Aufzählung meiner Versäumnisse — es war erst mein 15. Lebensjahr daran — indem ich sagte: ‚Im Namen Jesu des Gekreuzigten befehle ich Dir, Deine Augen zu erheben und mich anzuschauen!‘ Da verzerrte sich das Antlitz zu einer schrecklichen Grimasse und zwei furchtbare, haßerfüllte Augen — die Augen des Teufels — blickten mich an. Jetzt wußte ich, woran ich war.
Ich befahl dem Teufel, noch vor mir stehen zu bleiben, und sagte zu ihm: ‚Alle Sünden, die Du mir aufgezählt hast, habe ich begangen, und noch tausendmal mehr. Aber auch wenn meine Sünden unbegrenzt sind an Zahl und Schwere, so ist auch unbegrenzt mein Vertrauen auf die Verdienste Jesu.‘ Und ich fügte ganz unbedachterweise den Segensspruch an, den ich mir im ständigen Umgang mit den leidenden Seelen des Fegfeuers angewöhnt habe: ‚Die Barmherzigkeit Gottes tröste Dich und gebe Dir den Frieden!‘ — Da verschwand der Teufel mit furchtbarem Geheul, aber ich sah meinen geliebten Vater Johannes zürnend vor mir stehen. Er sagte: ‚Wie kannst Du dem Teufel diesen Friedenswunsch geben, ihm, der den Menschen den Frieden raubt und stets danach trachtet, den Frieden zu stören. Wie unbedacht bist Du doch, demjenigen den Frieden zu wünschen, der ihn durch das Urteil der göttlichen Gerechtigkeit auf ewig verloren hat!‘ — Das war mir dann sehr leid und ich betete das Te Deum zu Ehren der göttlichen Gerechtigkeit.“

In diesem Bericht der Mystikerin begegnet uns ein anderer Engel, einer von den gefallenen, die wir Dämonen oder Teufel nennen. Aus der göttlichen Offenbarung wissen wir nämlich – und wie könnte man anders etwas wissen aus der verborgenen, uns unsichtbaren Welt der Engel als durch göttliche Offenbarung –, ein Teil der Engel hat die göttliche Prüfung nicht bestanden, sich gegen Gottes absolute Souveränität und Herrlichkeit aufgelehnt:

„Da erhob sich ein großer Kampf im Himmel. Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen, und der Drache und seine Engel kämpften. Aber sie vermochten nicht standzuhalten, und ihr Platz im Himmel ging verloren. So wurde der große Drache gestürzt: die alte Schlange, die Teufel und Satan heißt und die die ganze Welt verführt.
Er wurde auf die Erde gestürzt, und mit ihm wurden seine Engel gestürzt. Da hörte ich eine gewaltige Stimme im Himmel rufen: ‚Nun ist gekommen das Heil, die Macht und die Herrschaft unseres Gottes und die Macht seines Gesalbten. Gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserem Gott verklagte. Sie haben ihn durch das Blut des Lammes und durch das Wort ihres Zeugnisses besiegt und haben ihr Leben so wenig geliebt, daß sie lieber den Tod erlitten. Darum freut euch, ihr Himmel und ihr Himmelsbürger! Doch wehe der Erde und dem Meere! Denn der Teufel ist zu euch mit gewaltigem Grimm hinabgestiegen. Er weiß, wie kurz seine Frist ist‘“ (Geh. Offb. 12,7-12).

Der Teufel ist mit gewaltigem Grimm herabgestiegen auf unsere Menschenwelt, um den Menschen den Seelenfrieden, der aus der Gnade Gottes strömt, und schließlich, wenn irgend möglich, das ewige Leben zu rauben, da sie beides selbst auf ewig verloren haben und deswegen voller Haß und Neid auf uns Menschen schauen. Hören wir dazu noch einmal eine Begebenheit aus dem Leben des hl. Franz von Assisi, die uns über die Kampfesart des Versuchers belehrt:

„Als der Heilige in der Einsiedelei der Brüder von Sarteano eines Nachts in seiner Zelle dem Gebet oblag, rief ihn der Teufel dreimal bei seinem Namen: Franziskus, Franziskus, Franziskus! Dieser gab zur Antwort: Was willst du? Darauf jener: Es gibt keinen Sünder auf der Welt, dem der Herr nicht Verzeihung schenkte, wenn er sich bekehrt; aber jeder, der sich durch harte Buße selbst zugrunde richtet, wird in Ewigkeit keine Barmherzigkeit finden. Sogleich erkannte der Heilige durch eine Offenbarung die Arglist des Feindes, wie er sich anstrengte, ihn zur Lauheit zu verführen. Da brachte der böse Feind unverzüglich eine andere Kampfesart zur Anwendung. Weil er sah, daß er die Schlinge nicht verbergen könne, legte er eine andere, nämlich den Zunder des Fleisches. Doch vergebens. Denn der die List des Geistes durchschaute, konnte auch nicht vom Fleische betrogen werden.“

Was ist ein Engel genau und auf den Punkt gebracht?

Wie wir schon aus dem römischen Katechismus gehört haben, hat Gott eine geistige Natur und unzählige Engel aus nichts geschaffen. Was man sich jedoch unter einer geistigen Natur genau vorstellen soll, das wird wohl den wenigsten von uns klar sein. Wir verstehen die Engel so schwer, weil es von ihnen keine Anschauung gibt, wir jedoch bei unserem Denken wesentlich anschauungsgebunden sind. Anders ausgedrückt: Wir können uns die heiligen Engel nicht vorstellen, weil jede Vorstellung am Wesen der heiligen Engel vorbeigeht. Engel sind rein geistige Wesen. Die geistige Wirklichkeit erkennen wir entweder mit unserem Verstand oder mit Hilfe des Glaubens. Es gibt einen Vergleich, der uns das Wesen der heiligen Engel aufschließen und nahebringen kann: Der Gedanke. Ein menschlicher Gedanke hat Sein nur in unserem Geist, unserer Geistseele. Wenn wir aufhören, den Gedanken zu denken, dann hört er auf zu sein. Entsprechend – der Fachbegriff hierfür ist „in Analogie dazu“, wobei die hl. Gotteswissenschaft (=Theologie) darauf verweist, daß diese Entsprechung eher unähnlich als ähnlich ist – also entsprechend unseren Gedanken, sind die heiligen Engel Gottesgedanken.

Um aber wirklichkeitsgetreu abschätzen zu können, was ein Gottesgedanken im Gegensatz zu unseren Menschengedanken sein kann, bzw. alles sein kann, müßte man selbst Gott sein! Die kirchliche Tradition beschreibt die heiligen Engel mit dem hl. Dionysius als „göttliche Gedanken“. Diese göttlichen Gedanken haben im Gegensatz zu unseren menschlichen Gedanken Selbststand. Wir Menschen haben Gedanken, Geist – mancher mehr, mancher weniger – die Engel aber sind Gedanken, göttliche Gedanken, von Gott ins Dasein gerufene Geister. Als Gedanken Gottes sind sie naturgemäß nicht flüchtige, blasse, unbewußte, kraftlose oder gar ohnmächtige Gedanken, sondern mit Macht ausgerüstete Gedanken. Die hll. Engel sind Gedanken, die leben, Gedanken-Lebewesen, wie der hl. Paulus schreibt: „dienende Geister, denen zum Dienste bestellt, die das Heil erben sollen.“

Die heiligen Engel sind lebendig gewordene Gottesgedanken, sich regende, bewegende und wirkende göttliche Ideen, in denen die Weisheit und alle anderen Eigenschaften Gottes zum Ausdruck gelangen, weshalb der hl. Johannes von Damaskus von ihnen schreiben kann: „Rasch von Natur, finden sie sich überall schnell ein, wo der göttliche Wink es befiehlt, und bewachen die Erdteile; sie stehen Völkern und Ortschaften vor, wie es ihnen vom Schöpfer befohlen wird.“ Die heiligen Engel falten den unendlichen Reichtum und Tatendrang des einen Gottes – der Geist ist! – in unendlich vielfältiger Weise aus. Darum gibt es unzählig viele Engel, in denen sich die alles menschliche Denken übersteigende unendliche Fülle des Einen Gottes widerspiegelt, oder wie es der hl. Thomas von Aquin in dem überraschenden Satz zum Ausdruck bringt: „Der katholische Glaube hält fest, die Zahl der Geistwesen, welche wir Engel nennen, sei für Gott eine begrenzte, für uns aber eine unbegrenzte Zahl.“ Es gibt somit unüberschaubar viele Engel, in denen sich die unerschöpfliche göttliche Wesenheit wunderbar vielgestaltig abbildet. Wir möchten diese Gedanken mit einem Text des hl. Dionysius abschließen, der aus dem überaus gedankenreichen und -freudigen Buch von Gerd-Klaus Kaltenbrunner „Dionysius vom Areopag, Das Unergründliche, die Engel und das Eine“ genommen ist, dem wir auch vielfältige Anregungen zu diesem Thema verdanken.

„Zuvörderst ist nun vor allem die Wahrheit auszusprechen, daß die überwesentliche Urgottheit (oder das selbst über allem Sein stehende Gottesprinzip oder der überseiende Gottheitsurgrund, die Dionysius thearchia nennt. K.) aus Gutheit das Sein all dessen, was ist, begründet und zum Dasein gebracht hat. Dies nämlich ist dem All-Ursprung und der über alles erhabenen Gutheit eigentümlich, daß sie alles, was ist, zur Gemeinschaft mit sich selbst ruft, wie dies einem jeden Seienden entsprechend seiner jeweiligen Seinsweise eben angemessen ist. Alles, was ist, hat Anteil an der schöpferischen Vorsehung (pronoia), die der überwesentlichen, allverursachenden und über Sein und Denken erhabenen Gottheit entspringt. Es gäbe nämlich überhaupt kein Ding, wenn es nicht Anteil am Urgrund von allem erlangt hätte. Die unbelebten Wesen haben durch ihr schieres Vorhandensein an ihm Anteil, denn die überseiende Gottheit ist der Seinsgrund aller Wesen. Die belebten Wesen haben an ihrer überlebendigen lebenspendenden Kraft Anteil. Die vernünftigen und sinnbegabten Wesen haben Anteil an ihrer über alle Vernunft und Sinnigkeit erhabenen, in sich vollkommenen und übervollkommenen Weisheit. Es ist jedoch klar, daß jene Wesen der Gottheit zunächst sind, welche in vielfacher Weise an ihr unmittelbar Anteil erlangt haben.
Also haben die heiligen Chöre der himmlischen Wesen in höherem Grade als die bloß daseienden, in höherem Grade als die vernunftlosen Lebewesen, in höherem Grade als die mit unserer Art von Verstand ausgestatteten Wesen Anteil an den Gaben des Gottesurgrunds. Sie bilden sich in der Art von Gedankenwesen zu nachahmenden Bildern Gottes um und schauen in einer den weltlichen Verstand übertreffenden Weise auf ihr urgöttliches Vorbild und trachten, ihm entsprechend die eigene Denkungsgestalt zu formen. Infolgedessen genießen sie, wie sich von selbst versteht, reichlichere Gemeinschaft mit der Gottheit, da sie ihr beharrlich zugewandt sind, immerdar nach Hohem strebend, soweit es ihnen zubestimmt ist, in der Spannkraft ihres göttlich-unablenkbaren, aufwärtsstrebenden Liebesdranges die vom Lichturquell entströmenden Erleuchtungen rein und ungetrübt von stofflicher Beimischung aufnehmend und sich nach diesen ausbildend. Ihr ganzes Leben ist Denken.“

Womöglich muß man diesen Text zwei- oder dreimal lesen, um seinen tiefen Gehalt herauszuhören und zu verstehen, was es wirklich heißt, was damit wirklich ausgesagt, benannt und in einen Menschenbegriff gebracht wurde: Ihr ganzes Leben ist Denken. Diese Einsicht ist aber wohl auch die einzig richtige Erklärung dafür, daß der moderne Mensch nicht mehr an heiligen Engel glauben kann: „Denn viele wandeln – ich habe von ihnen oft zu euch gesprochen und sage es jetzt unter Tränen – als Feinde des Kreuzes Christi. Ihr Ende ist das Verderben, ihr Gott ist der Bauch, ihr Ruhm liegt in ihrer Schande, ihr Trachten richtet sich auf das Irdische. Unsere Heimat aber ist im Himmel. Von dort erwarten wir auch als Retter den Herrn Jesus Christus“ (Phil. 3,18-20), wie der hl. Paulus in seinem Brief an die Philipper schreibt.

Ist nicht deswegen für viele heutige Menschen die Welt bar aller Geheimnisse, nicht weil man diese Geheimnisse aufgelöst hätte, sondern weil man den Blick, das Herz und die Sinne für das Wunderbare, Erstaunliche und Unerklärliche abgestumpft, verkümmert und sich dafür fast völlig unempfänglich gemacht hat, sodaß das wahre Geheimnis meist irgendwelchen esoterischen Schwärmern überlassen und damit nochmals der Lächerlichkeit preisgegeben wird? Es kann ja durchaus sein, ja es muß so sein, daß der moderne Mensch heute so wenig und so selten Engel wahrnimmt, weil er sie in seiner Geisteskühle und Blasiertheit gar nicht sehen will – und wenn er einmal einen Engel zu Gesicht bekommen sollte, dann kann er ihn ganz sicher nicht von einem Teufel unterscheiden!

Der Katholik jedoch weiß um die sichtbare und die unsichtbare Welt, darum kennt er auch die ganze Weite der irdischen Lebensmöglichkeiten. Der Glaube vergegenwärtigt ihm, gestützt auf die göttliche Offenbarung, die verborgene Welt der himmlischen Geister genauso wie die Welt der gefallenen Engel. Allein aufgrund dieses Glaubenswissens wird er befähigt, vernünftig mit dieser unsichtbaren Welt umzugehen und die Geister voneinander zu unterscheiden. Wer diese Unterscheidungsfähigkeit verloren hat, der wird dem geistigen Verwirrspiel des gefallenen Engels sicher nicht gewachsen sein und sich in vielerlei Irrtümer verfangen, die ihn schlimmstenfalls das ewige Leben kosten können. Darum ist die Welt der Engel nichts für Schwarmgeister, sondern nur für nüchterne gottliebende Seelen, denen sich diese Welt im göttlichen Glauben erschließt.

Wir wollen nun diese stammelnden Gedanken über die Lichtwelt der heiligen Engel mit zwei Versen aus den Briefen des hl. Paulus schließen, in denen der innerste Grund aller Schöpfung besungen wird, welcher ist Christus der Herr, dem alle heiligen Engel dienen:

„In Ihm ist alles erschaffen worden in den Himmeln und auf der Erde, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Fürstlichkeiten oder Gewalten; alles ist durch Ihn und zu Ihm hin erschaffen; und Er ist vor allem, und das All besteht in Ihm“ (Kol. 1,16f), weshalb auch „im Namen Jesu jedes Knie sich beuge im Himmel, auf Erden und unter der Erde und jede Zunge zur Ehre Gottes des Vaters bekenne: Jesus Christus ist der Herr“ (Phil. 2,10f).