Vom Ultramontanismus und von der dritten Partei

von antimodernist2014

1. Ein Schlagwort oder Spottwort, mit welchem man die treuen Katholiken im 19. und frühen 20. Jahrhundert belegte, war der Ausdruck „Ultramontanismus“. „Ultramontan“, aus dem Lateinischen abgeleitet (ultra = über hinaus, jenseits; montes = Berge), bedeutet solche, die sich „jenseits der Berge“, nämlich der Alpen, orientieren. Meyers Großes Konversationslexikon erklärt: „Ultramontanismus (lat.), diejenige Auffassung des Katholizismus, die dessen ganzen Schwerpunkt nach Rom, also jenseits der Berge (ultra montes), verlegen möchte; ultramontan ist somit das ganze Kurial- oder Papalsystem (s. d.).“ Das Lexikalische Deutsche Wörterbuch definiert den „Ultramontanismus“ als „päpstlichen Absolutismus, streng katholische, streng päpstliche Einstellung“. „Kathpedia“ schreibt: „Ultramontanismus oder ultramontan (= die jenseits der Berge, d. h. der Alpen, Wohnenden oder Orientierten) wurde vor allem im Kulturkampf ein Schlagwort zur Bezeichnung der Rom treuen Katholiken…“

Zur Entstehung des Begriffs und seiner Verwendung weiß „Kathpedia“ folgendes: „Ultramontan kam als negativ geprägte Richtungs-Bezeichnung zuerst zur Zeit von Johann Nikolaus von Hontheim (1763) für die Vertreter der römisch-päpstlichen Ekklesiologie auf und setzte sich im 19. Jahrhundert als Negativbegriff bei liberalen Katholiken besonders in Deutschland (Johannes Döllinger, Franz Xaver Kraus) durch, seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit des Nationalsozialismus auch generell für die Katholiken (im Sinn von undeutsch, national unzuverlässig).“ Heute werde der Begriff „von Historikern und Soziologen zunächst wertneutral für jene geschichtliche Richtung und Sozialform des modernen Katholizismus gebraucht, die sich im 19. Jahrhundert durchsetzte, im I. Vatikanum triumphierte, die Katholische Kirche bis zum II. Vatikanum prägte“ und durch einige Elemente gekennzeichnet ist, die wir gleich sehen werden.

Die Rede von einer geschichtlichen „Richtung und Sozialform des modernen Katholizismus“ und der Gebrauch des „Ultramontanismus“ gerade von „liberalen Katholiken“ als Negativbegriff zur Abwertung der „Gegenrichtung“ zeigt, daß wir es bei den „Ultramontanen“ offensichtlich mit den wahren und eigentlichen Katholiken zu tun haben, neben denen es bereits im 19. Jahrhundert eine breite Strömung verschiedener Richtungen und Sozialformen der „Auchkatholiken“ gab, wie Matthias Joseph Scheeben sie nennt, eben die „liberalen Katholiken“ – an sich ein Widerspruch in sich – , die Vorläufer der Modernisten. So wundert es uns nicht, daß „der Antimodernismus … und Integralismus unter Pius X. einen weiteren Gipfel“ des „Ultramontanismus“ bildeten, wie „Kathpedia“ schreibt. Es führt eine direkte Linie vom „Ultramontanismus“ zum „Antimodernismus“ und darüber hinaus. Doch dazu später.

2. Zunächst die von „Kathpedia“ genannten Elemente, welche den „Ultramontanismus“ kennzeichnen:

„a) römisch-päpstliche Orientierung in Lehre und Praxis (Ubi Petrus ibi ecclesia – wo Petrus ist, dort ist die Kirche); Ultramontanes Anliegen war eine Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit.
b) Fortschritt der Denk – und Frömmigkeitsformen des nachtridentinischen, speziell jesuitischen (gegen Jansenismus und Gallikanismus gerichteten) Katholizismus und der damit zusammenhängenden antiaufklärerischen und antirevolutionären Haltung;
c) theologische neuscholastische Basis seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, …;
d) Kampf gegen Staatskirchentum und für die volle Freiheit der Kirche.“

Zu a): Die strikt „römisch-päpstliche Orientierung“ hat den „Ultramontanen“ ihren Spottnamen eingetragen. Dabei sollte es eine schlichte Selbstverständlichkeit sein für jeden Katholiken, sich an Rom und am Papst auszurichten. Die römische Kirche ist Mutter und Haupt aller Kirchen, der Papst zu Rom ist unser „Heiliger Vater“. Als römische Katholiken sind wir alle im Grunde Römer. Daher auch die lateinische Kirchensprache. Wie seltsam, daß jene, die ganz normal römisch-katholisch sind, plötzlich eine Sonderrichtung bilden sollen und als „Ultramontane“ beschimpft werden!

Zu b): Es war immer schon ein Kennzeichen schismatischer und häretischer Strömungen, daß sie gewisse legitime Entwicklungen, die in der Kirche unter Leitung des Heiligen Geistes und der kirchlichen Autoritäten vor sich gegangen sind, als „Fehlentwicklungen“ ablehnten und sich in ein imaginäres „Urchristentum“ zurückträumten. So meinte man vor allem, daß das Papsttum früher ein ganz anderes gewesen sei, und daß die Kirche schon im Mittelalter und dann namentlich mit dem Konzil von Trient eine falsche Richtung eingeschlagen habe, indem sie sich allzusehr in gesellschaftliche und staatliche Belange einmischte und dabei bockbeinig den Bestrebungen um notwendige Reformen und Anpassungen eine sture Absage erteilte. Am schlimmsten zeigte sich diese Haltung für jene Kreise im Jesuiten-Orden, der in der Tat am tapfersten gegen Aufklärung und Revolution stritt und den sie daher auch am meisten bekämpften. Mit welchen Kräften wir es hier in Wahrheit zu tun haben, sehen wir daran, daß es die Freimaurer waren, welche vor allem hinter der Auflösung des Jesuiten-Ordens her waren und diese – wenigstens für eine kurze Zeit – sogar erreichten (bis heute die Modernisten diesen Orden von innen her völlig aufgelöst haben).

Zu c): Ein besonderer Dorn im Auge der liberalen „Erneuerer“ der Kirche war stets die scholastische Philosophie und Theologie, da diese zu klar und eindeutig die Wahrheit lehrt und insbesondere den Hirngespinsten der modernen Philosophie, namentlich denen Kants und seiner Nachfolger, eine klare Absage entgegenstellen. Nicht umsonst sagt der heilige Papst Pius X. in seiner Enzyklika „Pascendi“, daß der Modernismus in erster Linie ein philosophisches Problem ist und nicht anders zu lösen als durch die Rückkehr zur soliden scholastischen Methode. Er nennt es geradezu ein Kennzeichen für einen zum Modernismus geneigten Geist, wenn dieser eine Abneigung gegen die Scholastik hegt.

Zu d): Es war zu allen Zeiten Lehre der Kirche, daß sie eine „societas perfecta“, eine „vollkommene Gesellschaft“ ist gleich dem Staat, allerdings einen höheren Status hat als dieser, da ihr eine geistliche und übernatürliche Bestimmung eignet. Somit gehört die Freiheit der Kirche von jeder staatlichen Bevormundung zu ihren unverzichtbaren Grundrechten, um welche sie in ihrer Geschichte immer und immer wieder kämpfen mußte, da die weltlichen Machthaber selten der Versuchung widerstehen konnten, sich auch der Kirche zu bemächtigen. A fortiori gilt das für unsere heutigen „freiheitlich demokratischen“ Staaten, die gemäß ihrer Auffassung von „Religionsfreiheit“ der Religion nur noch einen privaten Status zubilligen wollen und daher die Religionsausübung und somit auch die Kirche ihren bürgerlichen Gesetzen unterwerfen.

3. Wir stellen einmal mehr fest, daß es sich bei den „Ultramontanen“ um ganz normale, gute Katholiken handelte, die nichts anderes vertraten als was die Kirche immer vertreten hat. Wieso hat man sie also bekämpft und ihnen diesen Spottnamen verpaßt, wenn nicht deshalb, weil jene, die so handelten, eben keine wahren Katholiken mehr waren, sondern Feinde der Kirche? Albert Maria Weiß OP schreibt in seinen Erinnerungen „Lebensweg und Lebenswerk“: „Bisher hatte ich die Prophetentätigkeit fast ausschließlich im Hinblick auf die Feinde des Christentums ausgeübt, entsprechend der herkömmlichen Ansicht, daß die Apologetik keinen andern Zweck habe, als diese zu bekämpfen und wenn möglich zu gewinnen. Allmählich sah ich jetzt ein, daß die Gefahren der Zeit auch im Schoße der Christenheit selber ihre Wirkungen äußern und daß der Apologet noch weit mehr die Aufgabe hat, ihr Eindringen in die Kreise der Treugebliebenen zu verhindern und diese selbst so zu belehren und zu unterrichten, saß sie ihre übernatürlichen Besitzes froh und gegen alle Verwirrung gefestigt werden. Von dieser Einsicht Gebrauch zu machen, ergab sich jetzt überreich Gelegenheit. Jene rückläufigen Regungen … hatten sich allmählich zu einer gemeinsamen Strömung vereinigt, die im Gefühle ihrer Stärke und mit dem Feuer jugendlicher Begeisterung seit dem Anfang der neunziger Jahre [des 19. Jhdt.] voranzudringen begann, entschlossen, eine neue Zeit herbeizuführen. Ihre Losung hieß modern. Daher der Name Modernismus, der ihr schließlich verblieb.“ So wurde er vom „Ultramontanen“ zum „Antimodernisten“.

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