Unsere Liebe Frau von La Salette

von antimodernist2014

Gleichsam zum Ausklang des Festes von den Sieben Schmerzen Mariens und zur Einstimmung auf das Fest der Erscheinungen Unserer Lieben Frau von La Salette am kommenden 19. September geben wir hier die Beschreibung der Muttergottes wieder, die Melanie, die Seherin von La Salette, am 21. November 1878 in Castellamare gab, als sie eine Niederschrift über das Geheimnis der großen Botschaft anfertigte:

„Die Allerseligste Jungfrau war groß und wohlgestaltet. Sie wirkte gewichtslos, so daß man glauben konnte, sie durch einen Hauch in Bewegung versetzen zu können. Indessen war sie unbeweglich, in fester Haltung stehend. Ihre Gesichtszüge waren würdevoll und Ehrfurcht einflößend, jedoch nicht in der gleichen Weise, wie man es bei den großen Herren dieser Welt beobachten kann. Sie flößte eine ehrfurchtsvolle Angst ein. Ihre Würde forderte eine mit Liebe vermischte Ehrfurcht und wirkte anziehend. Ihr Blick war sanft und durchdringend zugleich. Ihre Augen schienen mit den meinen im Gespräch zu sein, aber dieses Gespräch entstand aus einem tiefen und lebhaften Glücksgefühl gegenüber dieser entzückenden Schönheit heraus, die mich hinschmelzen ließ. Die Freundlichkeit ihres Blickes, ihr Ausdruck einer unbegreiflichen Güte, ließen verstehen und fühlen, daß sie anziehen und sich verschenken wollte. Es war ein Ausdruck von Liebe, der sich weder mit der Zunge noch mit den Buchstaben des Alphabets ausdrücken läßt.

Das Kleid der Allerseligsten Jungfrau war silbrig-weiß und ganz strahlend. Es hatte nichts Stoffliches an sich. Es war ganz aus Licht und Glanz zusammengesetzt, ganz lebendig und schimmernd. Nirgendwo auf dieser Erde findet man einen passenden Ausdruck oder eine passende Vergleichsmöglichkeit.

Die Heilige Jungfrau war ganz aus Schönheit und Liebe geformt. Wenn ich sie ansah, sehnte ich mich danach, in ihr zu verschmelzen. Alles an und in ihr atmete Würde, die Pracht und Herrlichkeit einer unvergleichlichen Königin. Sie erschien weiß, makellos, kristallen, blendend, himmlisch, frisch, neu, wie eine Jungfrau. Es schien, als ob das Wort Liebe ihren silbrigen und so reinen Lippen entschlüpfen würde. Sie sah aus, wie eine gute Mutter, voll Güte, Liebenswürdigkeit und voll Liebe zu uns, voll Mitleid und Barmherzigkeit.

Die Krone aus Rosen, die sie auf dem Kopf trug, war so schön und leuchtend, daß man sich davon keine Vorstellung machen kann. Diese verschiedenfarbigen Rosen waren nicht irdisch. Es war ein Blumenstrauß, der das Haupt der Allerseligsten Jungfrau in Form einer Krone umgab, doch diese Rosen waren lebendig, kamen und gingen. Aus dem Inneren jeder Rose drang ein solch schönes Licht hervor, das entzückte und die Rosen in unerhörtem Glanz erstrahlen ließ. Aus der Rosenkrone leuchteten Zweige, als ob diese aus Gold gewirkt wären, und eine Reihe anderer Blumen, geschmückt mit Brillanten. Es erinnerte an ein funkelndes Diadem, das ganz von alleine stärker als unsere irdische Sonne erstrahlte.

Die Heilige Jungfrau trug an ihrem Hals ein sehr schönes Kreuz. Dieses Kreuz schien vergoldet zu sein – ich sage vergoldet, also nicht aus massivem Gold, denn ich hatte manchmal vergoldete Gegenstände mit verschiedenen Tönungen gesehen, die auf mich einen viel schöneren Eindruck machten, als etwa ein einfaches Stück Gold. Auf diesem schönen Kreuz, das in hellem Licht erstrahlte, war Christus abgebildet, Unser Herr mit ausgebreiteten Armen am Kreuz. Auf jeder Seite des Kreuzes, beinahe am Ende, befand sich auf der einen Seite ein Hammer und auf der anderen Seite eine Zange. Die Körperfarbe des Gekreuzigten war natürlich, leuchtete aber mit großer Kraft. Das Licht, das aus seinem ganzen Körper erstrahlte, hatte die Form von stark leuchtenden Dolchen, die mir das Herz zerstachen, in dem Wunsch, mich in ihm zu verlieren. Manchmal schien es, daß Christus tot ist. Sein Haupt war geneigt und der Körper wirkte wie zusammengesunken, als ob er abzufallen drohte, wenn er nicht von den Nägeln am Kreuz gehalten worden wäre.

Mich überfiel ein tiefes Mitleid. Gerne hätte ich der ganzen Welt seine unbekannte Liebe mitgeteilt und in die Seelen der Sterblichen die zarteste Zuneigung und die lebhafteste Dankbarkeit für einen Gott eingeflößt, der unserer keineswegs bedurfte, um all das zu sein, was er ist, was er war und immer sein wird. Und trotzdem, oh du dem Menschen unbegreifliche Liebe, er ist Mensch geworden und wollte sterben, um in unsere Seelen und in unser Gedächtnis die ungeheure Liebe einzuprägen, die er uns entgegenbringt! Oh, ich Unglückliche, daß ich so arm an Ausdrucksmöglichkeiten bin, um die Liebe, die unser gütiger Erlöser für uns hegt, zu beschreiben. Was sind wir doch andererseits in der glücklichen Lage, tiefer fühlen zu können, als wir auszudrücken vermögen!

Dann schien der Gekreuzigte wieder lebendig zu sein. Er hielt das Haupt aufgerichtet, mit geöffneten Augen. Er hinterließ den Eindruck, aus eigenem Willen am Kreuz zu haften. Manchmal schien es, als würde er sprechen. Er wollte anscheinend zeigen, daß er für uns am Kreuz hing, aus Liebe zu uns, um uns zu sich zu ziehen, immer neu Liebe für uns empfindend, und daß seine Liebe zu Beginn des Jahres 33 die gleiche war, wie heute, die immer dauern wird.

Die Heilige Jungfrau weinte beinahe ununterbrochen, während sie mit mir sprach. Ihre Tränen fielen, eine nach der anderen, langsam herunter, bis zu ihren Knien, und verschwanden dann wie Lichtfunken. Sie waren leuchtend und von Liebe getränkt. Ich hätte sie gerne getröstet, damit sie nicht mehr weine. Aber es schien mir, daß sie ihre Tränen zeigen mußte, um ihre von den Menschen vergessene Liebe besser zu beweisen. Ich hätte mich in ihre Arme werfen wollen, um ihr zu sagen: ‚Meine gute Mutter, weine nicht! Ich möchte Dich für alle Menschen der Erde lieben.’ Aber es schien mir, als ob sie zu mir sagte: ‚Es gibt so viele, die mich nicht kennen!’

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