Unfehlbar?

von antimodernist2014

Als wäre die Verwirrung unter den armen Rest-Katholiken unserer finsteren Epoche nicht bereits groß genug, da werden diese stets weiter bombardiert mit den immer wieder neu aufgekochten und daher zunehmend fader werdenden Suden aus der anti-infallibilistischen Küche alter Tage. Von der „Fehlbarkeit der Päpste“ ist dann die Rede, von der „Übertreibung der Unfehlbarkeit“ durch die früheren Theologen, von den wichtigen Unterscheidungen, die zu treffen seien zwischen dem unfehlbaren außerordentlichen und dem nicht unfehlbaren ordentlichen Lehramt usw. Das alles geschieht, um den Katholiken eine Irrtümer lehrende „Konzilskirche“ als ihre katholische Kirche zu verkaufen.

Als Erben der „Infallibilisten“ und Antimodernisten sehen wir uns gerufen, hier einige Dinge klarzustellen, um wieder Licht und Ordnung in das katholische Denken zu bringen. Man möge uns verzeihen, daß wir dabei festhalten an jenen „klassischen katholischen Handbüchern der Theologie“ wie den Dogmatiken von Heinrich oder Scheeben, die zwar angeblich – so unlängst ein „Traditionalisten“-Bischof – „auf ihre Weise wunderbar“ sind, jedoch „alle vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil geschrieben“ wurden und daher dazu neigen, „dem Papst eine Unfehlbarkeit zuzugestehen, welche der Kirche gehört“. Uns erinnert solches beängstigend an die abfällige und verächtliche Rede der Modernisten vom „älteren Lehrbuchwissen“, von der „Durchschnitts-Theologie der lateinischen Lehrbücher“, die zwar „als solche durchaus ihr Recht und ihre Bedeutung hat“, die man jedoch nicht „dogmatisch verbindlich“ machen dürfe (Ratzinger). Hat sich denn mit dem „Zweiten Vatikanischen Konzil“ tatsächlich die Theologie geändert oder gar gebessert, sodaß wir „heute“ selbstverständlich viel mehr verstehen und wissen als jene alten Theologen und diese, immerhin gestandene katholische Professoren mit kirchlicher Approbation, einfach auf den Abfallhaufen der Geschichte werfen können? Und klingt es nicht allzu beunruhigend nach der „Neuen Theologie“ der Herren Küng und Congar, wenn derselbe „Traditionalisten“-Bischof behauptet, in Wahrheit finde sich die Unfehlbarkeit der Kirche nicht bei Personen, sondern nur bei der Institution – als ob Papst und Bischöfe einfach „Personen“ wären und nicht gerade das institutionelle Lehramt der Institution Kirche –, sodaß Papst und Bischöfe auch in ihrer Quasi-Gesamtheit irren könnten, unbeschadet der Unfehlbarkeit, solange nur noch ein paar Katholiken und möglicherweise auch ein Bischof am Glauben festhält usw. Ganz in diesem Sinn schreibt Hans Küng: „Unfehlbarkeit, Untäuschbarkeit in diesem radikalen Sinn, meint also ein fundamentales Verbleiben der Kirche in der Wahrheit, das von individuellen Irrtümern nicht ausgelöscht wird. Aber die Wahrhaftigkeit der Kirche ist nicht absolut abhängig von explizit unfehlbaren Propositionen, sondern von ihrem Verbleiben in der Wahrheit durch alle – sogar irrige – Sätze hindurch.“ Und Yves Congar: „Ein Teil oder ein anderer der Kirche kann irren, sogar die Bischöfe, sogar der Papst. Die Kirche kann sturmgeschüttelt werden, aber am Ende bleibt sie gläubig.“

Wir also sind der Überzeugung, uns auf sicherem katholischen Boden zu befinden, wenn wir jenen „klassischen katholischen Handbüchern der Theologie“ folgen, zumal ihre Autoren aufgrund der damaligen Zeitumstände wahre Experten in Fragen der Unfehlbarkeit waren und bereits alle Argumente der „Anti-Infallibilisten“ kannten und widerlegt haben. Daran ändern auch neue Ereignisse wie das „II. Vatikanum“ nichts, denn, wie Papst Pius IX. damals gegenüber den Unfehlbarkeitsgegnern betonte, die ebenfalls vorwiegend historisch argumentierten und Beispiele „fehlbarer Päpste“ beibringen zu können glaubten, dogmatische Wahrheiten lassen sich nicht durch geschichtliche Fakten widerlegen, egal ob diese in Vergangenheit oder Zukunft liegen. Somit stellen wir fest, daß sich in diesen „Handbüchern“ keinerlei Anhaltspunkte dafür finden, daß wir als Katholiken dem kirchlichen Lehramt nur zu gehorchen hätten, wo es unfehlbar spricht, daß dieses nur in seltenen und außergewöhnlichen Fällen überhaupt vorkomme und im übrigen das Lehramt genauso fehlbar sei wie jedermann, und schon gar nicht dafür, daß die Unfehlbarkeit der Kirche jemals irgendwo anders zu finden sei als in ihrem Lehramt, dessen Haupt, Garant und Säule niemand ist als der Papst. Das Lehramt der Bischöfe kann nur teilhaben an der Unfehlbarkeit des Papstes, stellt aber nie ein unfehlbares Lehramt neben, außer oder gar gegen das des Papstes. Im einzelnen dazu die folgenden Punkte.

1. Wir haben der kirchlichen Autorität, vor allem dem Papst, nicht nur dort zu gehorchen, wo sie unfehlbar spricht.

Papst Leo XIII. führt in seiner Enzyklika „Sapientiae Christianae“ dazu aus: „Was nun die Reichweite dieses Gehorsams angeht, so soll sich niemand einreden, man brauche den Oberhirten der Kirche und besonders dem Römischen Papst nur bezüglich jener Glaubenslehren zu gehorchen, deren hartnäckige Verwerfung das Vergehen des Irrglaubens ausmacht. Ebenso wenig genügt die aufrichtige und feste Zustimmung zu jenen Lehren, die, wenngleich von der Kirche nicht durch feierliches Urteil entschieden, doch von ihrem ordentlichen und allgemeinen Lehramt als göttlich offenbart zu glauben vorgestellt werden, Wahrheiten, von denen das Vatikanische Konzil sagt, man müsse sie mit ‚katholischem und göttlichem Glauben‘ festhalten. Die Christenpflicht geht weiter und fordert überdies, daß man sich durch die Autorität der Bischöfe und besonders des Apostolischen Stuhles leiten lasse. Die Zweckmäßigkeit eines solchen Verhaltens ist leicht einzusehen. Der Inhalt der göttlichen Offenbarung betrifft nämlich teils Gott, teils den Menschen selbst und die zu seinem ewigen Heil notwendigen Mittel. Nun ist es aber, wie oben erklärt, nach göttlichem Recht Sache der Kirche und innerhalb derselben des Papstes, darüber Vorschriften zu geben, was uns nach beiden Beziehungen hin obliegt, was wir nämlich zu glauben und was wir zu tun haben.”

2. Es ist keineswegs so, daß die unfehlbaren Akte des Lehramts äußerst selten wären, und insbesondere ist es nicht so, daß nur dessen außerordentliche Akte unfehlbar wären, die ordentlichen nicht.

Heinrich schreibt in seiner Dogmatik (Bd. 2 S. 215), daß es zwei Arten von Akten des Magisteriums (Lehramtes) gibt: „gewöhnliche und ordentliche Akte des allgemeinen Magisteriums“ einerseits und „außerordentliche und förmliche Lehrentscheidungen oder Lehrdeklarationen“ andererseits. Er fährt fort: „Mag nun das kirchliche Lehramt in jener oder in dieser Weise eine Wahrheit als eine von Gott geoffenbarte und im kirchlichen Depositum enthaltene uns zu glauben vorstellen, in beiden Fällen ist es unfehlbar und sind wir zum Glauben verpflichtet.“

Der Dogmatiker Reginald M. Schultes O.P. erklärt: „Von katholischer Seite wird vielfach der dem Papst resp. der Kirche verheißene Beistand des Hl. Geistes als nur in außergewöhnlichen, seltenen Fällen eintretend gedeutet, während er doch ein dauernder, mit dem Amt gegebener ist. Außergewöhnlich sind nur die Formen, in denen sich die Unfehlbarkeit des Papstes zuweilen äußert“ (R.M. Schultes, Was beschwören wir im Antimodernisteneid? Mainz 1911, S. 5). Anton Straub S.J., ebenfalls Dogmatiker, legt dasselbe noch etwas ausführlicher so dar: „Man muß beachten, daß dem kirchlichen Lehramt nicht eine zweifach geartete Unfehlbarkeit verheißen ist, eine für seine feierlichen Entscheidungen, eine andere für seine gewöhnliche, alltägliche Betätigung. Eine solche Unterscheidung ist in der Offenbarung nicht begründet; vielmehr wird durch sie die Unfehlbarkeit einfach zugesagt für ‚alle Tage bis ans Ende der Welt‘ (Matth 28,20). Und in der Tat, wesentlich ist der Kirche das unfehlbare Lehren, nichtwesentlich ist ihr eine gewisse Feierlichkeit des Lehrens; die Konzilien, von denen die feierlichen Lehrdekrete des Gesamtepiskopates herrühren, sind der Kirche überhaupt nicht schlechtweg notwendig, geschweige denn wesentlich, und auch das sonstige Lehren ist in keinem Fall an eine feierliche Form gebunden. Erfordert zum unfehlbaren Lehren ist nur das selbstverständlich Eine, daß etwas zu glauben, d.h. nicht zu einem vorläufigen und bedingten, sondern einem unwiderruflichen und unbedingten Fürwahrhalten vorgelegt werde, und darauf weist das Vaticanum (I) hin…“ (Anton Straub, a.a.O., S. 290).

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