Der hl. Alfons Maria von Liguori

Für andere mag das eine bloße Formalität gewesen sein, nicht für unseren Heiligen. 37 Jahre später wird er eine Predigt mit den Worten beenden: „Kommen wir zum Schluß. Ich habe über dieses Thema ausführlicher gesprochen als über die anderen, weil unsere kleine Kongregation der Redemptoristen die Allerseligste Jungfrau eben unter ihrem Titel als Unbefleckt Empfangene zur Hauptpatronin hat.“ Den Schwur, den er mit sechzehn Jahren ablegte, wird er später mit folgenden Worten erneuern: „Unbefleckte Königin, unendlich groß ist meine Freude, Dich mit so großer Reinheit geschmückt zu sehen! Ich danke unserem gemeinsamen Schöpfer jetzt und immerdar, daß er Dich von jedem Makel der Sünde bewahrt hat! Dies glaube ich mit Gewißheit, und um dieses große, dieses einmalige Privileg Deiner unbefleckten Empfängnis zu verteidigen, bin ich bereit und schwöre, auch mein Leben hinzugeben, wenn es verlangt würde.“

Bis zum Jahr 1723 arbeitete Alfons als Rechtsanwalt und bemühte sich, mit täglicher Kommunion, betrachtendem Gebet, Anbetung vor dem Allerheiligsten und einer besonderen Liebe zu Muttergottes seine Seele vor den Versuchungen der Welt zu bewahren. Doch: „Als alter Mann gesteht er, daß sich sein Eifer merklich abgekühlt hatte, als er etwa zwanzig Jahre alt war, und daß er damals beinahe seine Seele und Gott verloren hätte. Der Vater nahm ihn immer wieder zu den Salons mit und wollte, daß er häufig ins Theater gehe. Alfons liebte es, sich an Spieltischen zu zerstreuen, und suchte sie oft aus eigenem Antrieb auf. So wurde sein Herz allmählich leichtsinnig; sein Eifer für das Gute flaute ab; das Brot des Gebetes, das einst seine Wonne war, schmeckte schal. Dazu kam der Beifall, der ihm überall entgegenschlug, die Heiratsanträge, die schmeichlerischen Botschaften, die ihm durch Diener übermittelt wurden, die Komplimente der jungen Damen und ihrer Eltern, die natürlich nicht ausblieben. Seinen Leidenschaften wurde auf diese Weise derart geschmeichelt, daß sein Herz sich verwirrte und sein Eifer erlahmte. Aus dieser spirituellen Erkaltung heraus genügt ihm schon das unscheinbarste Motiv, um das eine oder andere seiner Werke der Frömmigkeit zu unterlassen. Er selbst hat es zugegeben: hätte er länger in dieser Lauheit verharrt, dann wäre er gewiß eines Tages tief gefallen.“ Und in der Einleitung zu seinen Besuchungen des allerheiligsten Altarssakraments (geschrieben 1745) bekennt er: „Zu meinem Unglück lebte ich bis zum Alter von 26 Jahren in der Welt… Glaubt mir, alles in ihr ist Torheit. Bankette, Theater, Salons, Vergnügungen, das sind die Güter dieser Welt. Aber sie sind nur Dornen und Bitterkeit. Glaubt dem, der es selbst erfahren hat und der darüber weint.“

Im Jahr 1722 macht Alfons Exerzitien, die sein Biograph Tannoia mit folgender Bemerkung kommentiert: „Die Gnade, die Alfons verfolgte, die ihn nicht loslassen wollte und die nicht aufhörte, an die Pforte seines Herzens zu pochen, sie ließ ihn erkennen, wie weit er von seiner ersten Liebe abgefallen war; es wurde ihm klar, daß die Welt ihn nicht einmal mit den Eicheln des Gleichnisses (vom verlorenen Sohn, der die Schweine hütet) sättigte; daß seine erste Zuneigung nicht mehr Gott galt, daß er am Heiligen Tisch nur noch ohne Verlangen und gesättigt von anderen Dingen Platz nahm. Es war der abendliche Regen auf einen ausgetrockneten, aber nicht verbrannten Boden. Sogleich gewannen die Keime der Frömmigkeit, die von den Dornen der Leidenschaft schon erstickt zu werden drohten, neue Kraft. Alfons wird vom Lichte Gottes erfüllt; er weint über seine Verirrung und gelobt Gott in einem festen Entschluß, den Weg zu verlassen, auf den er sich leichtfertig begeben hat. Diese eineinhalb Jahre, die er damals zu Füßen des Gekreuzigten verwünscht und beweint, wird er bis in sein Alter unter Tränen anklagen.“

Ein knappes Jahr darauf übernahm Alfons die Verteidigung einer Rechtssache, die sein weiteres Leben vollkommen verändern wird. Ohne es zu wissen, geriet Alfons in diesem Prozeß zwischen die Interessen der Mächtigen, weshalb er seinen Prozeß verlieren mußte. Es war für ihn eine öffentliche Blamage und zugleich die Erfahrung, wie die Welt mit Recht und Unrecht umgeht. „Welt ich kenne dich. Adieu, ihr Tribunale!“ mit diesen Worten verläßt er rot vor Zorn, mit gesenktem Kopf den Gerichtssaal und den Palazzo. Er schließt sich zuhause in sein Zimmer ein und öffnet drei Tage lang nicht die Türe. Seine Mutter ist zutiefst besorgt, sein Vater zornig und besorgt zugleich. Alles Bitten und Drohen der Eltern hilft nichts. Am 29. August verläßt Alfons nach einem Streit mit dem Vater das Haus und versucht, seinen Schmerz bei seinen armen Unheilbaren im Hospital, das er zu besuchen pflegte, zu vergessen. Hier war er weit weg von der eleganten Welt, von den Fürsten und von Kardinal von Althann. Während er die unheilbar Kranken pflegte, sah er sich plötzlich inmitten eines großen Lichts, das Gebäude schien von unten bis oben zu erbeben, und sein Herz vernahm ganz deutlich eine Stimme, die ihn aufforderte: „Verlaß die Welt und schenk dich mir!“

Nach einem Augenblick der Verwirrung fand der Rechtsanwalt zu sich selbst und seinen Kranken zurück. Als er jedoch nach Beendigung seines Samariterdienstes das Spital verließ und sich gerade auf der großen Freitreppe befand, schien das ganze Haus von neuem zu wanken, und er vernahm diesselbe Stimme: „Verlaß die Welt und schenk dich mir!“ Alfons bleibt stehen, in seinem Innersten erschüttert: „Mein Gott“, sagt er weinend, „ich habe mich Deiner Gnade zu sehr widersetzt. Hier bin ich: mache mit mir, was Du willst!“ Aufgewühlt eilt er in seine geliebte Kirche vom Loskauf der Gefangenen und wirft sich Unserer Lieben Frau von der Barmherzigkeit zu Füßen. Noch einmal wird er in Licht gehüllt, und eine innere Kraft drängt ihn zu dem Entschluß: „Fahr hin, Welt, mit deinen Eitelkeiten! Dir, Herr, soll mein Leben gehören! Titel und Güter meines Hauses mögen ein Brandopfer für meinen Gott und Maria sein!“ Er erhebt sich, und mit der Geste eines sich ergebenden Cavaliere entledigt er sich für immer seines Degens und damit von allem, was er symbolisiert, und legt ihn auf den Altar zu Füßen seiner Herrscherin und ihres göttlichen Kindes nieder: „Ich verspreche, mich zu den Oratorianer-Patres zurückzuziehen!“

Dieser 29. August 1723 bleibt für ihn sein Leben lang „der Tag seiner Bekehrung“. Dieses Marienheiligtum vom „Loskauf der Gefangenen“ wird ihm deswegen bis zum Tod, sooft er nach Neapel kommt, ein Ort dankbarer Erinnerung bleiben. Wenn er später als Missionar oder Bischof in die Hauptstadt zurückkehrte, dann unterließ er es nie, bei Unserer Lieben Frau von der Barmherzigkeit und, hundert Meter weiter, in der Kapelle der Bruderschaft von der Heimsuchung bei den Oratorianern zu langem Gebet einzukehren.

Wir wollen hier die Lebensbeschreibung zunächst einmal abbrechen, um noch auf seine Werke zu sprechen zu kommen.

Seine Werke

Die Herrlichkeiten Mariens

Aus der Feder des hl. Alfons stammen insgesamt 111 geistliche und theologische Werke. Ca. 21.500 Ausgaben und Übersetzungen in 72 Sprachen zeigen, daß er zu den viel und häufig gelesenen Autoren gehört. Seine bekanntesten Werke sind: „Das große Mittel des Gebetes“, „Die Praxis der Liebe zu Jesus Christus“, „Die Herrlichkeiten Mariens“, „Die Besuchungen des allerheiligsten Altarsakramentes und der Gottesmutter“, „Vorbereitung zum Tode“ und nicht zu vergessen seine Moraltheologie, die zu der Moraltheologie der katholischen Kirche wurde.

Wie wir schon gesehen haben, war der hl. Alfons von einer großen Liebe zur Gottesmutter erfüllt. Die Verehrung der allerseligsten Jungfrau Maria, ihrer Unbefleckten Empfängnis, ihrer Gnadenmittlerschaft waren ihm ein tiefes Anliegen, das er auch seinen Ordensbrüdern ans Herz legte. 1749 schrieb der Gründer für seine Redemptoristennovizen die fünfzehnte Betrachtung für diejenigen, welche zum Ordensstande berufen sind, worin es unter anderem heißt:

„Die Gottesmutter Maria liebt alle Menschen mit solcher Innigkeit, daß ihr außer Gott niemand in dieser Liebe gleichkommt. Wie sehr muß diese große Königin daher die Ordensleute lieben, die ihre Freiheit, ihr Leben, ja alles der Liebe Jesu Christi geopfert haben? … Sie sieht sie häufig zu ihren Füßen, hört ihr inständiges Flehen und ihre Bitten um Gnaden, Gnaden, die ganz mit ihren heiligen Wünschen übereinstimmen: Beharrlichkeit im Dienste Gottes, Standhaftigkeit gegen jede Versuchung, Losschälung von der Welt und liebende Hinwendung zu Gott! Wie könnten wir daher zweifeln, daß sie nicht alle ihre Macht einsetzt und ihre ganze Barmherzigkeit verströmt, um den Ordensleuten und vor allem uns zu helfen, die wir uns in dieser heiligen Kongregation vom Allerheiligsten Erlöser befinden, in der ein besonderes Versprechen abgelegt wird, die jungfräuliche Mutter durch Besuchungen, Fasten am Samstag und besondere Kasteiungen zu ihren Novenen, usw. und nicht zuletzt dadurch zu ehren, daß wir ihre Verehrung durch Predigten überall verbreiten?“

Der hl. Alfons pflegte jeden Samstag über die Herrlichkeiten Mariens zu predigen, also über die besonderen Gnadenvorzüge der Gottesmutter. In erster Linie predigte er über ihre Barmherzigkeit, denn besteht nicht die Herrlichkeit der Liebe besonders darin zu lieben, d.h. heißt vor allem, sich liebend zu erbarmen? Damit er sich nicht ständig wiederholen würde, las er viel über Maria und betrachtete das Gelesene in langem Gebet. Denn wollte er beständig lebendig und mitreißend über die Gottesmutter sprechen, mußten seine Gedanken gleichsam unerschöpflich sein. Darum begann er 1734 in Villa an einem Buch zu schreiben, in dem er das Beste der theologischen und geistlichen Tradition der Marienlehre zusammenfassen wollte. Nach sechzehn Jahren, in denen er, wie es im Gleichnis heißt, kostbare Perlen suchte und auswählte, bearbeitete und sortierte er das Gelesene, um Anfang Oktober 1750 „Die Herrlichkeiten Mariens“ in Druck zu geben. Sie sind ihrem göttlichen Sohn gewidmet: „Mein geliebtester Erlöser und Herr Jesus Christus, … Nimm diese kleine Huldigung meiner Liebe für dich und deine geliebte Mutter an. Schütze dieses Buch: damit seine Leser von Vertrauen und brennender Liebe zu dieser Unbefleckten Jungfrau erfüllt werden, in die du die Hoffnung und Zuflucht aller Erlösten gesetzt hast. Und zur Belohnung dieser bescheidenen Frucht meiner Mühen gewähre mir, ich bitte dich, genausoviel Liebe zu Maria, wie ich sie durch dieses kleine Werk in alle jene ausgießen wollte, die es lesen.“