Der hl. Alfons Maria von Liguori

Nach dieser Widmung an den göttlichen Sohn wendet er sich an Maria und bezeugt die Erfahrung seines nun schon langen Lebens, alles hat er durch sie erhalten! Diese Erfahrung durchzieht wie ein Grundtenor seine Predigten, und deswegen bekennt er in seinem Werk, daß die Muttergottes die Mittlerin aller Gnaden ist:

„Nun wende ich mich an dich, o Maria, meine milde Mutter und Herrscherin. Du weißt, daß ich nach Jesus in Dich alle Hoffnung auf mein ewiges Heil gesetzt habe; denn alles, was gut in mir ist, meine Bekehrung, meine Berufung, die Welt zu verlassen, und alle anderen Gnaden, die ich von Gott erhalten habe, wurden mir, wie ich anerkenne, durch deine Vermittlung gewährt. Du weißt auch, daß ich stets bemüht war, dein Lob öffentlich und privat zu verkünden und daher überall die süße und heilsame Ausübung deiner Verehrung verbreitet habe, damit du so geliebt werdest, wie du es verdienst, sowie auch als Zeichen meiner Dankbarkeit für alle Wohltaten, mit denen du mich überhäuft hast. Ich möchte damit bis zum letzten Atemzug meines Lebens fortfahren; aber mein fortgeschrittenes Alter und meine angegriffene Gesundheit künden mir das Ende meiner Pilgerschaft und meinen Eintritt in die Ewigkeit an: daher wollte ich vor meinem Tod der Welt noch dieses Buch hinterlassen, das an meiner statt fortfahren wird, dich zu loben und die anderen anzuregen, ebenfalls deine Herrlichkeiten und deine überaus große Güte denen gegenüber, die dir dienen, zu verkünden.“

In seiner Einleitung wendet sich der Heilige sodann noch liebevoll an seine Lesern: „Mein lieber Leser und Bruder in Maria, die Verehrung, die mich dazu getrieben hat, dieses Buch zu schreiben, und die Dich nun zu dessen Lektüre führt, macht uns beide zu glücklichen Kindern dieser guten Mutter.“ Und er erklärt seine Methode: „Ich habe zahllose Bücher über die Herrlichkeiten Mariens genauestens studiert, kleine und große. Aber da sie entweder zu dünn oder zu dick waren, oder einfach nicht meinen Vorstellungen entsprachen, begann ich, aus allen mir vorliegenden Autoren die bedeutendsten und inspiriertesten Gedanken der heiligen Väter und Theologen zu sammeln, um sie in diesem Werk zusammenzufassen.“

Man muß es wohl so formulieren: Der hl. Alfons hat sechzehn Jahre lang mit der Neugier einer brennenden Liebe, der Aufrichtigkeit eines Heiligen, der Erfahrung eines Mystikers, dem seelsorglichen Empfinden eines außergewöhnlichen Missionars und nicht zuletzt mit der Kraft eines Theologen, dem Pius IX. den Titel eines Kirchenlehrers verleihen wird, die ungeheure Vielfalt der Tradition — Väter und Theologen, Heilige Schrift und Liturgien, Altertum, Mittelalter und Moderne — aufgenommen und durchforscht: „Ich wollte, daß die Gläubigen ohne besondere Mühe und große Anstrengungen diese Seiten lesen können, die sie in der Liebe zu Maria entflammen sollen; vor allem aber wollte ich den Priestern Material liefern, damit sie in ihren Predigten die Verehrung dieser göttlichen Mutter fördern können.“ Die Herrlichkeiten Mariens erschienen in zwei Bänden von jeweils 360 bzw. 408 Seiten und boten damit eine „nicht lange und nicht teure“ Lektüre.

Die Absicht und der Aufbau des Werks sind nach dem hl. Alfons: „Die Beschreibung weiterer Vorzüge Mariens habe ich anderen Autoren überlassen und es vorgezogen, in meinem Büchlein von ihrer großen Barmherzigkeit und ihrem machtvollen Eingreifen zu sprechen … Es ist das Thema des Salve Regina, jenes herrlichen und bewegenden Gebets, das die Kirche anerkannt und … in das Stundengebet eingeführt hat: Ich habe dieses Gebet zunächst Punkt für Punkt erläutert. Im zweiten Teil werden die Marienverehrer, wie ich hoffe, mit Freude Lesungen oder Abhandlungen über ihre wichtigsten Feste und ihre Tugenden finden, und abschließend die bei ihren Dienern üblichsten und von der Kirche anerkanntesten Frömmigkeitsübungen …“ Nach dieser Einführung verabschiedet sich der hl. Alfons von seinen Lesern freundlich: „Lebt wohl und mögen wir uns eines Tages im Paradies wiedersehen!“

Don Giuseppe De Lucas (1898—1962), ein Meister der Geschichte der Spiritualität, Gründer einer bekannten Zeitschrift meint: „Die Herrlichkeiten Mariens ist das letzte große europäische Buch, das zu Ehren Mariens geschrieben wurde.“ Weiter schreibt er: „Der hl. Alfons hatte keine Angst, die Muttergottes zu lieben. Er liebte sie mit einer Hingabe, einem Ungestüm, einem Feuer, die den Lauen zum Ärgernis wurden. Er hat in unseren Herzen die Schlacht gewonnen, die zuerst die Protestanten und dann die Jansenisten entfesselt hatten. Sowohl die einen wie auch die anderen hatten uns tausend Skrupel und Zweifel eingeflößt, die wir einfach nicht überwinden konnten … Der hl. Alfons aber mit seiner Gelehrsamkeit eines Theologen, und eines hervorragenden Theologen, mit seiner flammenden und glühenden Seele eines unvergleichlich frommen Menschen, mit seiner Fähigkeit, allgemeinverständlich zu schreiben, hat einen Großteil dieser Zurückhaltung einfach weggefegt und die christliche Seele zu Maria und zu jener glücklichen Freiheit der Liebe zurückgeführt, die unsere Glaubensbrüder im Mittelalter besaßen. Natürlich glaubten viele angeblich Intellektuelle, die zutiefst von Protestantismus und Jansenismus geprägt waren, in Alfons selbst einen Vorwand für ihre Kritiken zu finden. Wie sind sie über dieses wunderbare Buch hergefallen! Sie warfen ihm Übertreibung vor und haben nicht begriffen, daß dieser Eindruck der Übertreibung von der Armut ihrer eigenen Liebe und ihrer eigenen Kälte herrührte. Nicht eine einzige Aussage des Heiligen kann im strengen theologischen Sinn angegriffen werden. Die Übertreibung liegt also nicht in der Lehre. Sie liegt im Ton, antworten unsere Zensoren; und der Ton macht die Musik. — Ganz richtig: Der Ton des Buches ist brennend, seine Flamme unerträglich. Aber es ist das Feuer der Liebe, nicht mehr und nicht weniger. Seit wann aber darf die Liebe von dem beurteilt werden, der nicht liebt?“

Für viele Katholiken aber — einfache Menschen genauso wie Gelehrte — wird es zum Licht, und der Eifer, für die Herrlichkeiten Mariens einzutreten, erfüllt von neuem ihre Herzen. Und welch ein unerwarteter Erfolg, sie erreichen „die stärkste Auflage der Marienliteratur aller Zeiten: rund eine Million Auflagen seit 1750“!

Für den Heiligen verlief jedoch die Geburt dieses Buches nicht schmerzlos. Am 12. Oktober 1750 schrieb er an Kanonikus Fontana: „Ich sende Euch mein armseliges umstrittenes Buch über die Muttergottes, das nun nach vielen Widrigkeiten und nach vielen Jahren großer Mühe um die Zusammenfassung des Materials endlich erscheint.“ Alfons‘ Buch paßte nicht mehr so recht in die aufkommende Geisteskälte der Aufklärungszeit. Zudem entstand ein theologischer Streit wegen der von Alfons vertretenen Lehre der Unbefleckten Empfängnis und der universalen Mittlerschaft Mariens. Aufgrund seiner großen Kenntnis der Tradition hatte der hl. Alfons schon 1748 in seinen Anmerkungen zu dem Jesuiten Busenbaum zwei Abhandlungen einfügen lassen, in denen er die Unbefleckte Empfängnis der Allerseligsten Jungfrau und die Unfehlbarkeit des Papstes, sofern dieser in Glaubens- oder Sittenfragen ex cathedra spricht, beweist: die beiden Dogmen also, die erst Pius IX. und das I. Vatikanum mehr als ein Jahrhundert später festlegen werden.

Sein Gegner Ludovico Antonio Muratori glaubte zwar persönlich an die Unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter, hielt diese jedoch nur für eine fromme Meinung, nicht aber für eine Glaubenswahrheit. Seine Schlußfolgerung daraus: Das „Blutgelübde“, d. h., das Gelübde, gegebenenfalls sein Leben für diesen Glauben hinzugeben, ist daher ungültig, abergläubisch und selbstmörderisch, denn man gibt sein Leben nicht für eine bloße Meinung hin! Alfons entgegnete: Aber die Kirche feiert doch nicht ein liturgisches Fest, das auf einer bloßen Meinung beruht. Das Gesetz des Betens ist das Gesetz des Glaubens: „Ihr offizielles Gebet drückt ihren Glauben aus.“

Dies ist Alfons von Liguoris letztes Argument am Ende einer langen Argumentation, in der er den Glauben der Kirche seit dem Konzil von Ephesus (431) darlegt. Der Redemptorist Alfons von Liguori sieht in diesem Glauben ein lebenswichtiges Dogma für die erlöste Welt. Durch die Kraft der heilswirksamen Gnade in Jesus Christus wird die vollkommene Unschuld Mariens Zeichen und Verheißung der neuen Schöpfung aus der Erlösungsgnade. Die erlöste Menschheit erhebt sich aus der Sünde, und es wird der Tag kommen, da sie, sofern sie sich nicht beharrlich widersetzt, ganz ohne Makel sein wird. Dieser Glaube an die Immakulata ist der lichtvolle Gegenpunkt zum Glauben an die Erbsünde und ihre Folgen. Er ist eine Milderung der Düsternis, mit der Protestanten und Jansenisten auf diesen letzten sehen. Nein, die menschliche Natur ist nicht so verdorben, daß Gott nicht diese Blume völliger Unschuld aus ihr hervorsprießen lassen könnte! Dies ist eine erste Bedeutung des „Spes nostra, salve“ – „Wir grüßen dich als unsere Hoffnung“, das Alfons auf das Titelblatt seiner „Herrlichkeiten Mariens“ gleich unter den ausdrucksvollen Stich gesetzt hat, den er selbst von ihr, die zugleich die Allerschönste und die Allerbeste ist, gezeichnet hat. Gerade aufgrund dieser lehrmäßigen Sicht der Erlösungsordnung hat der hl. Alfons seinen „Redemptoristen“ die Immakulata zur Schutzpatronin gegeben. Denn diese Hoffnung auf Maria, die Immakulata, ist mehr als ein bloßes Versprechen: Die Immakulata ist eine aktive Kraft im Herzen der sündigen Welt. Seit ihrem „Ja“ zur Menschwerdung, und vor allem seit ihrem Mitleiden am Kalvarienberg ist die Unbefleckte Empfängnis unsere Mutter, unser Leben. Sie ist tagtäglich für alle und jeden Mittlerin der Vergebung, der Gnade, ja aller Gnaden.