Der hl. Alfons Maria von Liguori

Dies ist auch schon der zweite Hauptpunkt, in dem Muratori dem hl. Alfons widerspricht. Indiskrete Frömmigkeit, so sagt er, ist jene Frömmigkeit, die vergißt, daß „Maria nicht Gott ist“ und zu behaupten wagt, „sie befehle im Himmel“. Indiskret auch jene Frömmigkeit, die behauptet, daß uns „alle Gnaden, die wir von Gott empfangen, nur durch die Hände Mariens zuteil werden“. Indiskret schließlich die Frömmigkeit, die die Bedeutung der vertrauensvollen Hinwendung zur Allerheiligsten Jungfrau so überzeichnet, daß sie behauptet, „ein Diener Mariens könne nicht verdammt werden“. Mit Paulus (1 Tim 2,5) gilt: Einer ist Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich Christus Jesus.

Alfons erwidert ihm Punkt für Punkt. Streng gesprochen, „kann Maria im Himmel ihrem Sohn zwar nicht befehlen, doch sind ihre Bitten die Bitten einer Mutter“. Was den alleinigen Mittler Jesus Christus betrifft, so „ist die Vermittlung der Gerechtigkeit durch das Verdienst etwas anderes als die Vermittlung der Gnade durch Bitten; ist es etwas anderes zu sagen, Gott könne nicht als Gott wollen“, als zu sagen Er könne „nicht seine Gnaden ohne das Eingreifen Mariens gewähren“. Es gibt durchaus Gnaden der Protektion, Gnaden der Heiligkeit, aber in erster Linie Gnaden der Barmherzigkeit: „Muß ein Sünder fürchten unterzugehen, wenn sich ihm die Mutter des Richters selbst als Verteidiger anbietet? … Wende dich an Maria, und du wirst gerettet.“

Eines sei noch angemerkt: In späterer Zeit hat man dem Autor der Herrlichkeiten Mariens mangelndes kritisches Bewußtsein bei der Auswahl der etwa einhundertdreißig „Beispiele“ vorgeworfen, die seine Ausführungen abschließen bzw. in einem Anhang beigefügt sind. Die Verwendung von Beispielen war etwa auch bei Philipp Neri die bevorzugte Vorgangsweise, und er entwickelte sie mit der barocken Überschwenglichkeit seiner Zeit. Alfons weiß ebenfalls um den Wert der Beispiele, und er glaubt an die Echtheit all jener Beispiele, die er aufgenommen hat, auch wenn sie für den modernen Geschmack allzu Wunderbares berichten: „Es ist eine Schwäche des Geistes, alles unbesehen anzunehmen; aber ebenso, Wunder zurückzuweisen, die von ernsthaften und frommen Männern bezeugt sind; beweist dies doch entweder mangelnden Glauben — als könne Gott keine Wunder wirken — oder Verwegenheit, da hervorragenden Autoren jede Glaubwürdigkeit abgesprochen wird. Können wir einem Tacitus oder einem Sueton Glauben schenken, ihn aber gelehrten und aufrichtigen christlichen Schriftstellern ohne Tollkühnheit versagen?“ Letztlich verbirgt sich hinter Zweifel an der Echtheit solcher sicher bezeugten Wunder die Krankheit des modernen Unglaubens, der an gar keine Wunder mehr glauben möchte. Von diesem Zweifel war der hl. Alfons natürlich Welten entfernt.

Alfons’ Liebe zur Allerseligsten Jungfrau Maria hat ihn dazu geführt, in seinen Reden über die sieben Hauptfeste Mariens die damals verbreiteten Thesen eifrig zu unterstützen, die in der Frage zum Ausdruck kommt: War die Unbefleckt Empfangene vom ersten Augenblick an heiliger als alle Menschen und Engel zusammen? Dieses „zusammen“ macht einen, sobald man es wirklich ernst nimmt, schwindeln. Heute dürfen wir uns bei der Antwort auf diese Frage an den Wortlaut halten, den Pius IX. in der Bulle Ineffabilis verwendet: „Maria voll der Gnaden übertraf von ihrer Empfängnis an selbst die Engel und Seraphine an Heiligkeit.“ Eine weitere Frage ist: Hat die Jungfrau diese übernatürlichen Reichtümer mit einem schon bei ihrer Empfängnis voll bewußten Geist erhalten? Im 13. Jahrhundert macht Thomas dieses Privileg zum Erbteil — und zwar zum ausschließlichen Erbteil — Christi. Seit dem 14. Jahrhundert verbreitet sich diese Meinung auch zugunsten Mariens und gewinnt schließlich die Oberhand. In seiner Rede „Von der Geburt Mariens“ hebt Alfons die entsprechenden Angemessenheitsgründe dafür hervor.

Ein Wunder

Beenden wir unsere Gedanken für dieses Mal – denn das Leben des hl. Alfons wird uns noch weiter beschäftigen – noch mit dem Bericht von einem Wunder, einem Wunder, das die Gottesmutter an einem jungen Novizen der Redemptoristen gewirkt hat.

Der junge Alessandro Di Meo war ein wahrer Wunderknabe. Seine Intelligenz und sein Gedächtnis verblüfften die Professoren im Seminar, wohingegen seine tollen Streiche sie zur Verzweiflung trieben. Eine Tages wurde es dem Bischof von Montemarano dann doch zu bunt und er drohte: „Ich schicke ihn weg! Aus ihm wird nie ein Priester, nicht einmal ein guter Christ!“ Den Professoren ist es immer noch leid um den jungen, hochbegabten Studenten, weshalb der Generalvikar sich als Fürsprecher einsetzt und einwendet: „Wenn Ihr ihn entlaßt, wird er übel enden, und wir berauben uns eines außergewöhnlichen Talents. Sein Ungestüm wird sich mit den Jahren legen.“

Eines Tages kommt der hl. Alfons von Liguori zu einem kurzen Besuch zum Bischof. Als er wieder in den Sattel steigt, läßt es sich Mgr. Innocenzo nicht nehmen, ihm trotz seiner Proteste den Steigbügel zu halten. Diese Szene ist für den ehrgeizigen Alessandro eine Erleuchtung: „Ein Heiliger ist größer als ein Bischof!“ — und er tritt in Ciorani, bei den Redemptoristen ein.

Er hatte geglaubt, im Noviziat der Redemptoristen den Frieden zu finden, und steht nun mitten in einem seelischen Krieg. In aufschäumenden Wellen überfällt ihn die Reue: „Hier bist du fern von deinen Eltern, deinen Freunden, von jeder Freude. Du wirst nie etwas anderes als ein Nichts sein. In der Welt würdest du eine Berühmtheit werden…“ Ein grausamer Kampf. Die Allerheiligste Jungfrau, zu der er sich flehentlich um Hilfe wendet, unterstützt ihn … und verliert. Alessandro schreibt hastig an seine Familie, um seine baldige Rückkehr anzukündigen. Eines schönen Abends ist er soweit: „Leb wohl, Zelle!“ Er steigt die Treppe des Noviziats hinunter, wirft im Vorübergehen einen innigen Blick auf das kleine Bild der Schmerzensmutter, das noch heute auf dem Treppenabsatz gezeigt wird: „Mutter, ich halte es hier nicht mehr aus; aber ich werde dich immer lieben!“ Hierauf hört er ganz deutlich: „Wenn du gehst, läufst du in dein Verderben.“ Kaum daß er diese Worte vernommen hat, fällt er auf die Knie und verspricht: „Mutter, ich bleibe. Ich werde dir bis zu meinem letzten Atemzug dienen und dich in alle Ewigkeit lieben.“ – Und so war es auch mit der Hilfe Mariens, denn ein Kind Mariens wird nicht verloren gehen.