Sprachspiele

Es ist beinahe schon bewundernswert, nach dieser Kostprobe eines exzellenten Sprachspiels übertrifft Bergoglio sich nochmals selbst, er setzt dem Gesagten noch ein „Geheimnis“ drauf, eine „dritte Gabe“ nämlich, die in einem „Blick“ liege. Denn „wenn wir wirklich unsere Schritte auf dem Boden der heutigen Herausforderungen überprüfen wollen“, so müßten wir den „Blick fest auf Jesus Christus gerichtet“ lassen. „Wenn wir uns seine Art zu denken, zu leben und mit Menschen umzugehen, zu eigen machen, werden wir uns nicht schwertun, die Arbeit der Synode in Hinweise und Wege für die Seelsorge der Person und der Familie zu gießen. Denn jedes Mal, wenn wir zum Ursprung der christlichen Erfahrung zurückkehren, öffnen sich neue und ungeahnte Möglichkeiten.“

Da muß man Bergoglio zweifelsohne Recht geben, seine Sprachspiele eröffnen „neue und ungeahnte Möglichkeiten“ – erschreckend antichristliche Möglichkeiten, nämlich ganz neue „Hinweise und Wege für die Seelsorge der Person und der Familie“. (Vielleicht ist das auch ein Grund, warum auf dieser Synode erstmals Latein nicht mehr die offizielle Sprache ist. Die lateinische Sprache ist zu präzise, um allzu viele Sprachspiele möglich zu machen.) Doch lassen wir dieses Thema beiseite und Jorge Mario Bergoglio sein Spiel zuende spielen, was sich so anhört: „Möge der Wind von Pfingsten über der Synodenarbeit wehen, über der Kirche, über der ganzen Menschheit. Möge er die Knoten lösen, die die Menschen daran hindern, sich zu begegnen. Möge er die blutenden Wunden heilen und die Hoffnung neu entfachen. Es gibt so viele Menschen ohne Hoffnung! Möge er uns jene kreative Liebe schenken, die es möglich macht zu lieben, wie Jesus geliebt hat. Und unsere Verkündigung wird die Lebendigkeit und die Dynamik der ersten Missionare des Evangeliums wiederfinden.“

Da kann man Gott nur darum bitten, all diese konfusen Wünsche nicht zu erfüllen, denn trotz der Sprachspiele kann man erahnen, welche Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes hier herbeigewünscht wird.

Bergoglio in den Augen der Liberalen

Während die halbkonservativen Auchkatholiken der Zeit hinterherhinken und sich verzweifelt damit abmühen herauszufinden, was Bergoglio mit seinen Sprachspielen wirklich meinen könnte, kommen die Liberalen zu echten, recht erstaunlichen Einsichten. Gleichzeitig mit oben erwähnten Artikel erschien unter Welt.de ein interessanter Beitrag mit dem Titel: „Der schwächste Papst aller Zeiten“. Der Autor, Lucas Wiegelmann, geht darin der Frage nach: „Der schwächste Papst aller Zeiten – Oder ist es ein Zeichen der Stärke, dass Franziskus die Bischöfe auf der vatikanischen Familiensynode über Sexualmoral der Kirche beraten lässt?“

Anders als die halbkonservativen Auchkatholiken bemüht sich der Autor, nicht kindisch die Sprachspiele Bergoglios mitzuspielen, sondern zentrale Aussagen herauszukristallisieren, anhand derer man erkennen kann, was nun eigentlich wirklich hinter diesen Sprachspielen steckt. Lucas Wiegelmann stellt fest: „Einer der bemerkenswertesten Sätze, die Papst Franziskus in seiner Schrift ‚Evangelii gaudium‘ formuliert hat, beschäftigt sich mit der Ohnmacht des Vatikans. Franziskus schreibt: ‚Ich weiß sehr wohl, dass heute die Dokumente nicht dasselbe Interesse wecken wie zu anderen Zeiten und schnell vergessen werden.’“

Es folgt eine Einsicht, die das Wesen der nachkonziliaren Kirche recht gut wiedergibt: „Das Oberhaupt einer der größten Religionsgemeinschaften der Welt hält fest, dass die Lehrdokumente seiner Behörde kaum noch Wirkung auf die Gläubigen besitzen. Als sei das ganz selbstverständlich.“ Diese Verwunderung ist nicht ganz zu verstehen, denn im Rahmen der Menschenmachwerkskirche des „2. Vatikanums“ ist gerade dies selbstverständlich, denn in der auf dem Konzil neu konstiuierten „Kirche“ gibt es im Grunde keine verbindlichen Lehrdokumente mehr, sondern nur noch Vorschläge, wie man dies oder jenes sehen könnte. Daß sich die Konzils- und Nachkonzils“päpste“ in der ersten Phase nach dem Konzil an diese Neuerung selbst nicht gehalten haben, gehört ganz einfach zum revolutionären Verwirrspiel. Heute kann Franziskus darüber ruhig offen sprechen, denn das Eigentliche ist schon geschehen und die meisten wissen gar nicht mehr, wie es eigentlich sein soll.

An diesem Punkt sieht man, daß den Liberalen genauso wie den halbkonservativen Auchkatholiken das geistige und dogmatische Rüstzeug fehlt, diese grundlegenden, wesentlichen Veränderungen richtig und treffend zu beurteilen. Das hindert sie jedoch nicht, anders als die Halbkonservativen Auchkatholiken, wenigstens das Phänomen der Wirklichkeit entsprechend wahrzunehmen und richtig zu deuten: „Kirchenhistorisch gesehen erlebt das alte Papsttum derzeit eine Krise. Und niemand scheint das mehr zu begrüßen als der Papst selbst.“

Darum geht es offensichtlich in dieser Phase des Umbruchs: das „alte Papsttum“ muß nun endgültig zu Grabe getragen werden, d.h. die letzten noch stehenden Fassadenteile dieses alten Papsttums werden jetzt auch noch eingerissen und beseitigt. Was unbegreiflicher Weise noch nicht ins Blickfeld unseres Autors gekommen ist, ist: Das alte Papsttum gibt es gar nicht mehr, weil schon auf dem „2. Vatikanum“ ganz gezielt und systematisch ein neues „Papsttum“ kreiert wurde, das man in der Folgezeit Schritt für Schritt in die Tat umsetzte. Der eigentliche Sinn des Petrusamtes, wie die moderne Sprachregelung hieß und z.T. noch heißt, war aber seit dem „2. Vatikanum“ grundsätzlich schon pervertiert, dieses war nicht mehr dazu da, die von Gott gestiftete Kirche durch die Wirrnisse der Zeit ohne Schaden am Glauben und den Sitten zu leiten, sondern im Gegenteil, sie der modernen Welt anzugleichen, also den modernen Irrtümern und dem moralischen Verfall gegenüber aufzuweichen und preiszugeben. Nur nicht verurteilen, so hieß es, nur nicht die Wahrheit sagen, nur nichts verlangen!

Seit dem Amtsantritt Jorge Mario Bergoglios wird es ganz und gar offenbar: „Das lehramtliche Machtvakuum an der Spitze der Kirche ist theologisch gewollt.“ Das ist eine Umschreibung dessen, was wir die papstlose Zeit zu nennen pflegen, denn dies ist doch wohl die notwendige und einzig mögliche Folge dieses theologischen Willens der Spitze der Kirche, keinerlei lehramtliche Macht mehr einzufordern, sie verliert damit ihr Amt. Letztlich wollen die Herren in Rom schon lange nicht mehr „Papst“ sein, wenn man mit diesem „Papst sein“ jemanden meint, der gemäß der katholischen Theologie des Papsttums sein Amt auszuüben bereit ist. Das neue „Papsttum“ hat mit dem alten nichts mehr zu tun, es ist nur eine Nachäffung desselben und diese Nachäffung degeneriert notwendigerweise im Laufe der Jahre immer mehr zur Karikatur. Das Ziel des lehramtlichen Machtvakuums ist: „Es soll dem Volk – den Priestern und Laien – einen größeren Handlungsspielraum öffnen.“ Mit „Handlungsspielraum“ ist hier nichts anderes gemeint als die Einforderung der modernen Freiheit, also der Freiheit zum Irrtum und zur Sünde.

Den kirchengeschichtlichen Vergleich, der an dieser Stelle im Sinne der modernistischen Interpretation einer Entwicklung hin zum Papsttum gemacht wird, übergehen wir hier einfach und leiten gleich zu den folgenden Gedanken über: „Damit der Spielraum noch besser genutzt werden kann, hat Papst Franziskus wichtige theologische und strukturelle Voraussetzungen geschaffen. Zu ersteren gehört seine Entscheidung, die vom Zweiten Vatikanischen Konzil formulierte ‚Hierarchie der Wahrheiten‘ zum Leitgedanken katholischer Verkündigung zu machen.“ Nochmals eine sehr treffende Feststellung. Das „2. Vatikanum“ hat mit diesem Sprachspiel von der „Hierarchie der Wahrheiten“ die Basis für den modernistischen Pluralismus der Meinungen innerhalb der neuen Kirche geschaffen. Gleichzeitig ist es damit möglich, diejenigen Katholiken hinters Licht zu führen, die dieses sprachliche Verwirrspiel nicht sofort durchschauen. Denn auf den ersten Blick scheint es doch unmittelbar einleuchtend zu sein, es gibt wichtigere und weniger wichtigere Wahrheiten. Das wird doch niemand bestreiten, oder etwa doch?