Sprachspiele

Damit man dieses Verwirrspiel der Modernisten durchschaut, muß man – wie könnte es anders sein, erkennen heißt immer unterscheiden – genauer hinschauen und unterscheiden. Natürlich kann es für das tägliche Leben wichtigere (= das Leben öfter und grundlegender betreffende) und unwichtigere (= im täglichen Leben kaum zu bemerkende) Wahrheiten geben. Das hat aber mit der Wahrheit als Wahrheit nichts zu tun und die Folge davon ist durchaus nicht, daß es eine Hierarchie der Wahrheiten gäbe, sondern die Folge davon ist nur, daß es fürs Leben wichtigere und weniger wichtigere Wahrheit gibt – was sich aber auch je nach Lebenssituation schlagartig ändern kann, denn Wahrheit bleibt immer Wahrheit und Irrtum immer Irrtum, ganz unabhängig vom Leben oder Umständen. Wahrheit verpflichtet immer ganz.

Lassen wir uns nach dieser Klärung des eigentlichen Sachverhalts das Ganze nochmals von unserem Autor erklären: „Die Idee besagt sinngemäß, dass es wichtige und nicht ganz so wichtige Lehren gibt. Die großen Versprechen des Christentums wie die Nähe Gottes, die Vergebung der Sünden oder die Auferstehung sind demnach für einen Katholiken vorrangig gegenüber moralischen Detailfragen wie dem Kondomverbot. Das eröffnet Diskussionsmöglichkeiten.“ Das muß man wirklich zugeben, bei einer solchen Sicht der Dinge kommt plötzlich Bewegung ins Spiel – Wahrheiten, die vorher unverrückbar schienen, werden plötzlich diskutierbar. Wir erinnern uns vielleicht noch an die zweite von Bergoglio genannte „Gabe“, die er den Teilnehmern der Synode wünscht, den Dialog. So ein Dialog eröffnet ungeahnte Möglichkeiten, Möglichkeiten, die es früher – zur Zeit des alten Papsttums – nicht gab. Denn der Dialog macht die „Wahrheit“ anpassungsfähig, weil er eine Wahrheit – diesmal ohne Anführungszeichen – nicht mehr kennt und anerkennt. Im Dialog gibt es nur noch Wahrheiten in der Mehrzahl, denn das Eigentliche der Wahrheit, ihre Einheit und absolute Geltung, wurde inzwischen stillschweigend eliminiert. Aus diesem Grunde kann man die Meinung des Autors, daß damit „die Unauflöslichkeit der Ehe unangetastet bleibt“, doch nur noch als ein bloßes Wunschdenken bezeichnen – oder als gutwillige liberale Fehlinterpretation.

Seine Schlußfolgerung ist aber dennoch nochmals völlig zutreffend: „So lässt sich Traditionalismus in Kernfragen mit Pragmatismus beim Kleingedruckten verbinden.“ Die sprachliche Formulierung der Schlußfolgerung beweist uns, wie ansteckend Sprachspiele sind, denn der Autor sagt mit seiner Wortwahl viel mehr als er womöglich sagen will. Er setzt nämlich nicht einfach Lehre und Praxis gegenüber, sondern „Traditionalismus“ und „Pragmatismus“ – was doch unwillkürlich gewisse Assoziationen wachruft, gibt es schließlich eine nicht gerade geringe Zahl von sog. Traditionalisten, die inzwischen ihren Glauben einem Pragmatismus geopfert haben, worauf wir noch zurückkommen werden.

Unser Autor kommt sodann nochmals auf Bergoglio zu sprechen, der in seinem Schreiben „Evangelii Gaudium“ meint: „Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen.“ Bisher waren wir immer der Ansicht, daß eine Zentralisierung (was daran übertrieben sein soll, das ist wieder eines der Geheimnisse des Bergoglio – oder auch einfach nur ein weiteres Sprachspiel) vereinfache das Leben der Kirche, weil nur eine lehrmäßige Zentralisierung es vereinheitlichen kann, also fähig ist, in dem allgemeinen Chaos Einheit zu schaffen. Bergoglio ist wieder einmal anderer Meinung, weshalb er alle einlädt, „wagemutig und kreativ zu sein in dieser Aufgabe, die Ziele, die Strukturen, den Stil und die Evangelisierungsmethoden der eigenen Gemeinden zu überdenken.“ Und genau das soll zur Zeit in Rom im Rahmen der Synode wagemutig und kreativ geschehen.

Lassen wir abschließend den Autor noch sein Resümee ziehen: „Im selbst gewählten Niedergang des päpstlichen Einflusses, der mehr Kollegialität, Mitbestimmung und Subsidiarität ermöglichen soll, spiegelt sich die Logik des Evangeliums: ‚Der Größte von euch soll euer Diener sein‘ (Mt 23,11). Geht der Prozess weiter, könnte sich der Heilige Stuhl aus bestimmten Diskussionen eines Tages ganz zurückziehen. Franziskus hat schon einmal angedeutet, dass nicht alle Details des Katholizismus von Rom geregelt werden müssten. Das hieße auf Dauer wohl: weniger Dokumente aus Rom. Aber die werden ja sowieso rasch vergessen, sagt der Papst.“ Dieser leider verfehlte Schluß dokumentiert uns, daß einem Liberalen das Wesen der Kirche und des Papsttums verborgen ist und bleibt. Die entscheidende Einsicht, in der Kirche Gottes geht es nicht um Diskussionen, sondern es geht um die göttliche Wahrheit und daraus folgend das Heil der Seelen, bleibt dem Liberalen unzugänglich.

Daß der Autor des Artikels aus „Die Welt“ zu dieser Einsicht keinen Zugang mehr hat, liegt jedoch nicht an ihm, sondern an der modernen „Kirche“. Wenn etwa ein Dogmatiker wie Jan-Heiner Tück im Gespräch mit „religion.ORF.at“ sagen kann: „Das Lehramt erwartet natürlich eine gewisse wohlwollende Aufnahme seiner Aussagen, Dissens ist aber durchaus möglich und heute angesichts des Pluralismus in der Kirche fast unumgänglich.“ Und: Pluralismus sei durchaus legitim „so lange die Grundfesten des Glaubens nicht berührt werden. Rom kann zwar mit ‚ex cathedra‘-Entscheidungen eine Art hermeneutische Punktsetzung vornehmen, angesichts der Pluralität, die heute in der Kirche herrscht, muss man aber damit rechnen, dass es in der Theologie immer auch andere Meinungen geben kann“ – dann ist Lucas Wiegelmann durchaus entschuldbar, denn dasselbe sagen nicht nur viele andere moderne Theologen, sondern ebenso viele Würdenträger in dieser Menschenmachwerkskirche auch.

Wir Antimodernisten dagegen wissen noch, beides, die göttliche Wahrheit und daraus folgend das Heil der Seelen, hat Gott dem Lehramt der Kirche unverbrüchlich anvertraut, also zunächst und vor allem dem Stellvertreter Jesu Christi, dem Papst. Darum ist „Die Geschichte einer bewussten Selbstentmachtung“ wie Lucas Wiegelmann in seiner Überschrift anmerkt, keine Geschichte von Päpsten der katholischen Kirche, sondern die Geschichte von Okkupanten und Pseudopäpsten.

Nachtrag

Daß auch Traditionalisten sich mehr und mehr in Sprachspielen verwirren, das wird wohl nur den aufmerksameren Lesern aufgefallen sein. Dennoch ist dies eine leider kaum beachtete und ernst genommene Tatsache. Der Generalobere der „Piusbrüder“ etwa, Mgr. Fellay, hat nach seinem Treffen mit Kardinal Müller in einem Interview Rede und Antwort gestanden und folgenden ganz und gar beachtlichen Satz formuliert, der gekonnt alles, was Exzellenz in den letzten 15 Jahren gesagt hat, zusammenfaßt und eindeutig auf den Punkt bringt: „Ja und nein, je nach Gesichts- oder Standpunkt.“ Diese luzide Aussage durchspielt Mgr. Fellay nun schon ein und ein halbes Jahrzehnt in zahlreichen Variationen, in unzähligen, langatmigen, endlos widersprüchlichen Vorträgen und Predigen – und ein Großteil seiner Anhänger hört ihm immer noch andächtig zu, oder tut wenigstens so als ob. Dabei könnte er, anstatt etwa zwei und eine viertel Stunde quälend langweilig zu reden, was so manchem Priester aus dem deutschsprachigen Raum noch leidvoll in Erinnerung sein dürfte, alles so griffig in einem einzigen Satz sagen: „Ja und nein, je nach Gesichts- oder Standpunkt.“ Wenn das kein Kuriosum ist!

Eines muß dem der Vollständigkeit halber noch hinzugefügt werden: Verglichen mit dem immer noch mit einem kanonischen Mangel behafteten Chef der „Piusbrüder“ aus Menzingen ist Bergoglio doch um einiges spielfreudiger, spielfündiger und spielgewandter. Da sind ganz einfach Welten dazwischen – und der Mann in Rom weiß das auch, so ist wenigstens mit nicht gerade geringer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, und er wird dementsprechend sein Spiel spielen.