Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt

von antimodernist2014

Die Sprache ist doch eine wunderbare Gabe. Sie ermöglicht uns nicht nur, uns auszudrücken und zu verständigen, sie birgt auch einen reichen Erfahrungsschatz in sich, den sie etwa in Sprichwörtern eingängig zu formulieren weiß. Jede Sprache hat hierbei ihren eigenen Genius, also eine außergewöhnliche Fähigkeit, Erfahrenes unübertrefflich auszudrücken. Unsere deutsche Sprache braucht sich hierbei gegenüber anderen Sprachen sicherlich nicht zu verstecken, ihre Möglichkeit, erfahrene Wahrheiten in klare Worte, unmittelbar einleuchtende Bilder zu gießen, ist direkt bewundernswert. Eine solche Erfahrung ist etwa in jenem Bild eingefangen, das die Überschrift dieses Artikels beschreibt: „Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt.“

Es geschieht im Leben offensichtlich recht häufig, daß die objektive Werteordnung durcheinanderpurzelt, daß das Obere zuunterst, das erste zuletzt, das wichtigste zuhinterst kommt, wenn unsere Sprache diesen Sachverhalt in einem solch eingängigen Bild zu formulieren genötigt wird. Und heutzutage wird der Eindruck, daß dieses Phänomen in allen Bereichen des Lebens überhandnimmt, immer erdrückender. Wenn es aber schon im alltäglichen Leben mit nicht geringen Schwierigkeiten verbunden ist, sobald der Schwanz mit dem Hund wedelt, wie wird es dann erst im Bereich des Geistes und des kirchlichen Lebens sein? Nachdem sämtliche Bastionen geschliffen wurden und jeglicher katholische Wahrheitsanspruch eingeebnet wurde, ist es mit einer recht großen Mühe verbunden, sich als Katholik noch einigermaßen zurechtzufinden und sich seelisch unbeschadet durch die geistigen Trümmerfelder zu bewegen. Angesichts des überall herrschenden Chaos entwickelt zwar jeder seine eigene Überlebensstrategie, ob diese Überlebensstrategie jedoch etwas taugt, das weiß man leider oft erst im nachhinein, also dann,wenn es meist schon zu spät ist. Da solche Täuschungen nicht ohne Gefahr für das eigene Seelenheil sind, sollte man sie natürlich, soweit möglich, rechtzeitig zu meiden suchen.

Der Fall

Wir wollen aus diesem Grund einmal beispielhaft einen konkreten Fall analysieren und anhand desselben aufzeigen, wie viele Selbstverständlichkeiten sich stillheimlich in ihr Gegenteil verkehren können und müssen, damit der Schwanz mit dem Hund wedelt. Und in unserem Fall handelt es sich nicht um irgendwelche, sondern um katholische Selbstverständlichkeiten. Aber alles der Reihe nach…

Am 23. September dieses Jahres wurde der Generalobere der „Piusbruderschaft“ (wir übernehmen hier die Selbstbezeichnung dieser Gemeinschaft, mit der sie sich vor einigen Jahren dem Sprachgebrauch der Medien angepaßt hat), Bernard Fellay, von Kardinal Gerhard Ludwig Müller empfangen, wodurch eine neue Phase der Verhandlungen zwischen dem postmodernen Rom und der Piusbruderschaft eingeläutet werden sollte. Die meisten Leser werden sich wohl noch daran erinnern können, daß die Hoffnungen dieser Gemeinschaft, unter Benedikt XVI. mit dem postmodernen Rom zu einer gütlichen Übereinkunft zu kommen, sich letztlich nicht erfüllten, ja sich urplötzlich in Luft auflösten. Offensichtlich änderte Benedikt XVI. im letzten Augenblick seine Meinung und ließ die Piusbrüder mit all ihren Hoffnungen auf Wiedervereinigung mit seinem postmodernen Rom auf Sand laufen. Die Befürchtung, mit dem Nachfolger Benedikts werde eine Einigung nicht mehr möglich sein, hat sich jedoch inzwischen als falsch erwiesen. Beide Seiten ließen verlautbaren, man habe sich in herzlicher Atmosphäre ausgetauscht und festgelegt, daß man aufgrund eines schrittweisen Vorgehens innerhalb einer vernünftigen Frist hoffe, zu einer vollkommenen Einheit zu kommen, sodaß eine vollständige Versöhnung eintrete.

Dies sei hier nur erinnernd angefügt, denn uns geht es eigentlich nicht um diese unendliche Geschichte der Verhandlungen zwischen Rom und den Piusbrüdern, uns geht es nicht um diplomatische Floskeln, kirchenpolitisches Geschwätz, verantwortungsloses Gemunkel aus der Hintertreppengerüchteküche, sondern um ganz Grundsätzliches, nämlich um den dem Ganzen zugrundeliegenden theologischen Sachverhalt. Was bedeutet es theologisch, wenn der Generalobere der Piusbruderschaft in seinem Interview (Quelle: FSSPX/MG –DICI vom 03/10/14) vom 3. Oktober sagt: „Es gibt nichts Neues, insofern wir und unsere Gesprächspartner festgestellt haben, dass die lehrmäßigen Differenzen, welche im Zug der theologischen Gespräche von 2009 –2011 klar zu Tage traten, bestehen blieben, und dass wir aus dieser Tatsache heraus die doktrinelle Präambel, welche die Glaubenskongregation uns 2011 unterbreitete, nicht unterschreiben können“?

Das bedeutet: Der Generalobere, Mgr. Fellay, sieht im Präfekten der Glaubenskongregation einen gleichberechtigten Gesprächspartner, wobei bei dem Gespräch so schwerwiegende lehrmäßige Differenzen klar zu Tage treten, daß er ein von der Glaubenskongregation vorgelegtes Glaubensbekenntnis (Präambel) meint, nicht unterschreiben zu können, denn: „Das Gespräch zeigte, dass weder sie noch wir einen Abbruch der Beziehungen wünschen: Beide Parteien beharren auf der Tatsache, dass die doktrinellen Fragen vor einer kanonischen Anerkennung gelöst werden müssen. Deshalb verlangen die römischen Behörden ihrerseits die Unterschrift der lehrmäßigen Präambel, während wir unsererseits wegen der Zweideutigkeiten nicht unterschreiben können.“

Es sei hier einmal übergangen, daß auch die vom Generaloberen nach Rom zurückgesandte Erklärung gleichfalls nicht ohne Zweideutigkeiten bzw. schwere doktrinelle Mängel war, weshalb sie vom Präfekten der Glaubenskongregation ganz zurecht korrigiert wurde, um was es uns hier geht, ist folgendes: Der Generalobere der Piusbruderschaft (und mit ihm seine Anhänger) findet offensichtlich gar nichts dabei, wenn er mit dem Lehramt der Kirche lehrmäßige Gespräche führt und sodann feststellt, daß beide Seiten in ihrer Lehre nicht übereinstimmen. Und er findet zudem nichts dabei, wenn er eine ihm vom höchsten Lehramt der Kirche vorgelegte lehrmäßige Präambel einfach zurückweist, weil er damit nicht einverstanden ist. Was soll man dazu sagen? Hier wedelt offensichtlich der Schwanz mit dem Hund!

Und zwar wedelt hier der Schwanz schon so selbstverständlich mit dem Hund, daß derselbe Generalobere, weit davon entfernt darüber, daß er mit dem Lehramt der Kirche lehrmäßig nicht übereinstimmt, in Erstaunen, ja Entsetzen zu fallen, einfach auf dem Weg des Gesprächs (das Fremdwort dafür ist übrigens „Dialog“) fortfahren will, wie man in dem Interview weiter liest. Auf die Frage „Was soll man unter dem Ausdruck der Vatikanischen Pressemitteilung über ein ’schrittweises Vorgehen‘ verstehen?“ antwortet nämlich dieser: „Den gegenseitigen Wunsch in Rom und in der Priesterbruderschaft St. Pius X., die doktrinellen Gespräche in einem erweiterten und weniger formellen Rahmen als bei den vorherigen Unterredungen aufrechtzuerhalten.“

Versuchen wir den Werdegang dieser inzwischen eingefahrenen Fehlhaltung etwas genauer nachzuzeichnen, um zu verstehen, was da genau geschehen ist.

Der Schwanz

Die FSSPX ist aufgrund der konziliaren und nachkonziliaren Entwicklung im Vatikan in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts ins Abseits geraten. Die Ablehnung des Konzils und vor allem der in der Folge des Konzils erfolgten liturgischen Reformen hatten de facto eine Spaltung zur Folge, die man freilich von seiten der FSSPX niemals recht zugeben wollte bzw. meinte, diese ständig schönreden zu sollen. Die FSSPX versuchte zwar, kirchenpolitisch den Kontakt mit Rom nicht ganz zu verlieren, doch kam es im Laufe der Jahre immer wieder zu schweren Konfrontationen – die zunächst zur Suspendierung (wegen unerlaubter Priesterweihen) und schließlich zur Exkommunikation (wegen unerlaubter Bischofsweihen) führten.

Der Grund für das endgültige Zerwürfnis der Piusbrüder mit Rom waren also nicht so sehr theologische Streitereien, sondern, wie in den Klammern angemerkt, jeweils konkrete Überlebensmaßnahmen der Piusbrüder, die spätestens seit den unerlaubten Bischofsweihen im Jahre 1988 trotz gegenteiliger Beteuerungen in der Errichtung einer Parallelhierarchie endeten. Die Piusbrüder bemühten sich eifrig, ihr Werk allseits gegen Rom abzusichern, und wo immer möglich eine gewisse Unabhängigkeit und Selbständigkeit aufzubauen, um diese sodann jeweils in den Phasen des auf Rom-wieder-zugehens als Stärke ausspielen zu können.

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