Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt

In dem Interview vom 3. Oktober gesteht der Generalobere der Piusbruderschaft auch ganz offen ein: „Mit seinem (Mgr. Marcel Lefebvres) übernatürlichen Realismus, der so charakteristisch für ihn war, fügte er hinzu, dass die konkreten Verwirklichungen der Tradition: die Seminare, die Schulen, die Anzahl der Priester und Ordensleute, der Seminaristen und Gläubigen… auch einen großen demonstrativen Wert in sich tragen. Gegen diese greifbaren Tatsachen gibt es keine Scheinargumente, die sich halten können: contra factum non fit argumentum [gegen eine Tatsache gibt es keine Argumente]. Im gegenwärtigen Fall könnte man diese lateinische Lebensweisheit durch das Wort Jesu Christi übersetzen: ‚Man erkennt den Baum an seinen Fürchten.’“

Also: Die Macht des Faktischen ist für den Generaloberen besser als alle Scheinargumente, er sieht darin einen übernatürlichen Realismus – wofür wieder einmal ein Wort aus der Heiligen Schrift herhalten muß: „Man erkennt den Baum an seinen Fürchten.“ Aber stimmt das wirklich? Ist die Macht des Faktischen einfachhin gleichzusetzen mit den guten Früchten des hl. Evangeliums? Ganz sicher nicht! Erfolg ist ganz sicher kein Garant für Wahrheit! Die entscheidende Frage, ob und warum die Früchte seiner Gemeinschaft wirklich gut sind oder nicht, scheint dem Generaloberen so nebensächlich, daß er gar nicht darauf eingeht. Aber woher und aufgrund welcher Erwägungen weiß der Generalobere der Piusbrüder so genau und sicher, daß „die Seminare, die Schulen, die Anzahl der Priester und Ordensleute, der Seminaristen und Gläubigen“ seiner Gemeinschaft gute Früchte sind – und die etwa der mindestens genauso erfolgreichen „Legionäre Christi“, die niemals den Schoß der „Kirche“ verlassen haben, nicht? Woher er das so genau weiß? Weil nämlich bei ihm der Schwanz mit dem Hund wedelt! Nur dann ist nämlich die demonstrative Macht des Faktischen wirklich besser als Argumente – denn um Scheinargumente handelt es sich nur in den Köpfen der Piusbrüder, in Wirklichkeit gibt es eine ganze Menge an echten Argumenten gegen sie vorzubringen. Für die Piusbrüder aber steht immer schon vorneweg fest, „dass wir unser Zeugnis einbringen wollen: Wenn die Kirche diese tragische Krise, die sie durchmacht, überwinden will: Die Tradition ist die Antwort auf diese Krise! So bezeugen wir unsere kindliche Gesinnung gegenüber dem Ewigen Rom, gegenüber der Kirche, Mutter und Lehrerin der Wahrheit, welcher wir tief verbunden sind.“

In diesen Worten gibt Mgr. Fellay das entscheidende Stichwort: Das ewige Rom! Dieses ewige Rom Fellays ist zwar keine greifbare Realität, sondern ein imaginäres Wunschdenken, der das konkrete Rom entgegensteht, aber wen stört das schon? So hat er es von Mgr. Lefebvre gelernt, der dies seiner Bruderschaft mit auf den Weg gegeben hat. Durch das seltsame Konstrukt seines doppelten Roms hat er sich ungewollt in das dialektische Spiel der Modernisten eingeklinkt und zudem, so nebenbei, möchte man fast sagen, zum letzten Richter über die Tradition erhoben, gegen das aktuelle, greifbare, wirklich existierende Lehramt in Rom. Während man dem ewigen Rom immer gehorsam sein muß – also einer imaginären, selbsterdachten Wirklichkeit! – muß man dem konkreten Rom mit seinen modernistischen Lehren Widerstand leisten. Man muß die Tradition der Kirche gegen die moderne „Kirche“ in Rom verteidigen. Wobei, das darf man nicht vergessen zu erwähnen, der „Papst“ der Piusbrüder beiden „Kirchen“ vorsteht, also zugleich Christus und Antichrist in einer Person ist.

In der Formulierung des Generaloberen der Piusbrüder vom ewigen Rom klingen all diese Gedanken mit, die sich inzwischen so sehr verselbständigt haben, daß sie nicht mehr hinterfragt werden, ja werden dürfen! Jedenfalls bildet sich der Generalobere der Piusbrüder, und mit ihm all seine Anhänger, wirklich ein, dadurch mit „der Kirche, der Mutter und Lehrerin der Wahrheit, tief verbunden“ zu sein, was schon eine enorme Leistung, richtiger gesagt, Fehlleistung ist.

Diese tiefe Verbundenheit mit dem ewigen Rom zeigt sich wohl dann konkret wieder in seiner Dialogbereitschaft gegenüber dem konkreten, modernistischen Rom, also dem für ihn momentan wirklich existenten Lehramt, wobei der Generalobere und seine Bruderschaft bei den Gesprächen von diesem Lehramt gar nichts lernen möchten, sondern vielmehr ihrerseits dieses Lehramt belehren und mit der Tradition der Piusbrüder beschenken wollen, von der sie sich allen Ernstes einbilden, diese sei die Tradition der Kirche. Der geschätzte Leser wird wohl an dem Satz gemerkt haben, es wird alles ganz schön kompliziert, wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt – und zudem absurd!

Der Hund

Die Römer, die in unserem Bild der Hund sind, haben das diplomatische Spiel der Piusbrüder frühzeitig durchschaut und es ihrerseits verstanden, ihre Vorstellung von der Integrierung der Gemeinschaft in die Weltkirche in die Reihen der Piusbrüder hineinzutragen. Deswegen gab es immer wieder Vorstöße von seiten Roms, um die Spaltung zu beenden. Nachdem der Generalobere unüberhörbar in seiner zuweilen recht infantilen Sprache laut verkündet hatte: „Wenn Rom ruft, komme ich gelaufen!“, ließen es sich die Römer natürlich nicht nehmen zu rufen – und siehe, der Generalobere kam tatsächlich gelaufen! Gekonnt stießen die Römer durch ihre Verhandlungen innerhalb der Piusbruderschaft eine rege Diskussion darüber an, ob es auf die Dauer möglich sei, außerhalb der Kirche im Ghetto zu leben und zu überleben. Kardinal Darío Castrillón Hoyos, als Partisanenunterhändler bestens bewährter Diplomat, hat sich posthum, als er schon in den wohlverdienten Ruhestand gegangen war, einem der Priester gegenüber dahingegen geäußert, daß es in der ersten Verhandlungsphase gar nicht darum gegangen sei, zu einem konkreten Ergebnis zu kommen. Das Ziel dieser ersten Verhandlungen, die der Kardinal selbst führte, war vielmehr, die eigenen Gedanken und Sichtweise der Dinge in die Gemeinschaft der Piusbrüder hineinzutragen. Oder mit anderen Worten ausgedrückt: diese in zwei Lager aufzuspalten – was dem Kardinal auch prompt und reibungslos gelang.

In den weiteren Verhandlungsphasen konnte also Rom sodann schon darauf bauen, daß es in der Piusbruderschaft eine wachsende Anzahl von Priestern gab, die unbedingt eine Einigung mit Rom wollten und ihnen daher, wissentlich oder unwissentlich, das ist ganz gleichgültig, in die Hände arbeiten würden. Zudem erreichte Rom mit dieser Spaltung, daß die Gemeinschaft von sich aus begann, diejenigen Priester auszuscheiden, die in keiner Weise bereit waren, mit dem postmodernen Rom zusammenzuarbeiten. Der noch übrig bleibende anschließungsbreite Rest (der die Mehrheit sein würde) wäre dann liberal genug, um problem- und schadlos in die postkonziliare Einheit in der Vielheit eingebunden zu werden. Soweit in aller Kürze die Phänomenologie des Geschehens der letzten Jahre von der Seite Roms aus gesehen.

Anders als die Piusbrüder wissen die Römer, wenn es darauf ankommt, immer noch, wie es eigentlich sein sollte, d.h. wie vom katholischen Standpunkt aus zu urteilen ist. Nachdem die Piusbrüder sich weigerten, die von Rom geforderte lehrmäßige Präambel zu unterschreiben, schrieb der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Levada: „Die doktrinelle Präambel, die ausdrücklich vom Heiligen Vater approbiert worden ist, zurückzuweisen, bedeutet de facto auch, die Treue gegenüber dem römischen Pontifex und dem gegenwärtigen Lehramt der Kirche zurückzuweisen (vgl. Nr. I und II der lehrmäßigen Präambel). Dies zieht den Bruch der Gemeinschaft mit dem römischen Pontifex nach sich und die kirchenrechtlichen Konsequenzen, die daraus fließen, gemäß dem, was die Canones 751 und 1364 des Kirchenrechtes bestimmen.“

Auch in seinen Korrekturen der lehrmäßigen Erklärung, die von Menzingen anstelle der lehrmäßigen Präambel nach Rom zurückgesandt wurde, versteht es der Kardinal gekonnt, die Finger auf die lehrmäßige Wunde zu legen. Dazu zwei Beispiele aus dieser lehrmäßigen Erklärung.

Während die Piusbrüder schrieben: „2. Wir erkennen die Autorität des Lehramtes an, dem allein die Aufgabe anvertraut ist, das Wort Gottes – sei es geschrieben oder mündlich tradiert – in der Treue zur Tradition authentisch zu interpretieren, eingedenk, daß ‚der Heilige Geist den Nachfolgern des Petrus nicht verheißen wurde, damit sie durch seine Offenbarung eine neue Lehre ans Licht brächten, sondern damit sie mit seinem Beistand die durch die Apostel überlieferte Offenbarung bzw. die Hinterlassenschaft des Glaubens heilig bewahrten und getreu ausgelegten’“, korrigierte das moderne Rom folgendermaßen: „2. Wir erkennen die Autorität des Lehramtes an, dem allein die Aufgabe anvertraut ist, das Wort Gottes – sei es geschrieben oder mündlich tradiert – authentisch zu interpretieren. «Den Nachfolgern des Petrus wurde der Heilige Geist nämlich nicht verheißen, damit sie durch seine Offenbarung eine neue Lehre ans Licht brächten, sondern damit sie mit seinem Beistand die durch die Apostel überlieferte Offenbarung bzw. die Hinterlassenschaft des Glaubens heilig bewahrten und getreu ausgelegten. Ihre apostolische Lehre haben ja alle ehrwürdigen Väter angenommen und die heiligen rechtgläubigen Lehrer verehrt und befolgt; denn sie wussten voll und ganz, dass dieser Stuhl des heiligen Petrus von jedem Irrtum immer unberührt bleibt, gemäß dem an den Fürsten seiner Jünger ergangenen göttlichen Versprechen unseres Herrn und Erlösers: ,Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht versage: und du, wenn du einmal bekehrt wirst, stärke deine Brüder‘ [Lk 22 ,32)».“