Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt

Die Römer haben also durchaus erkannt, daß die Formulierung der Piusbrüder zweideutig war, und zwar im Sinne ihrer Lehre vom imaginären ewigen Rom, wodurch die entfernte Norm des Glaubens (=Tradition) über die nächste Norm des Glaubens (=Lehramt) gestellt wird. Sie erreichen dies, indem sie einfach das (I. und einzige) Vatikanum verkürzt zitieren, d.h. den zweiten Teil des zitierten Textes unterschlugen, daß nämlich „alle ehrwürdigen Väter“ die Lehre der Nachfolger des hl. Petrus angenommen haben, „denn sie wussten voll und ganz, dass dieser Stuhl des heiligen Petrus von jedem Irrtum immer unberührt bleibt, gemäß dem an den Fürsten seiner Jünger ergangenen göttlichen Versprechen unseres Herrn und Erlösers: ,Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht versage: und du, wenn du einmal bekehrt wirst, stärke deine Brüder‘ [Lk 22 ,32)“. Das wissen zwar „alle ehrwürdigen Väter“, die Piusbrüder jedoch wissen es nicht mehr und wollen es auch gar nicht mehr wissen, weil dieses Wissen ihre Ideologie zerstören würde, was aber unter keinen Umständen geschehen darf, denn sonst müßten sie ja – nun ja, Sie wissen schon, was sie dann werden müßten, aber unter keinen Umständen wollen. Lieber wollen sie Modernisten werden als…

In einem weiteren Abschnitt ihrer lehrmäßigen Erklärung schreibt die Piusbruderschaft: „5. Die Aussagen des 2. Vatikanischen Konzils und des nachfolgenden päpstlichen Lehramtes bezüglich der Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und den christlichen nichtkatholischen Konfessionen, wie auch hinsichtlich der sozialen Pflicht zur Religion und des Rechtes auf Religionsfreiheit, deren Formulierung schwierig vereinbar ist mit den früheren lehramtlichen Äußerungen, müssen verstanden werden im Lichte der gesamten und ununterbrochenen Tradition, in Kohärenz mit den früher vom Lehramt der Kirche gelehrten Wahrheiten, ohne irgendeine Interpretation dieser Äußerungen zuzulassen, die dazu führen könnte, die katholische Lehre im Widerspruch oder im Bruch mit der Tradition und diesem Lehramt auszulegen.“

Man ist schon recht erstaunt, wie weit sich die Piusbrüder hier aufgrund ihres alles tragenden Grundsatzes, „alles ist gut, was der Bruderschaft nützt“, aus dem lehrmäßigen Fenster lehnen, heißt es da doch wirklich: „Die Aussagen des 2. Vatikanischen Konzils… hinsichtlich der sozialen Pflicht zur Religion und des Rechtes auf Religionsfreiheit, deren Formulierung schwierig vereinbar ist mit den früheren lehramtlichen Äußerungen“ – schwierig vereinbar, heißt dann wohl doch vereinbar, vereinbar, wenn sie nämlich „im Lichte der gesamten und ununterbrochenen Tradition, in Kohärenz mit den früher vom Lehramt der Kirche gelehrten Wahrheiten“ interpretiert wird. Also nach dieser „lehrmäßigen Erklärung“ der Piusbruderschaft ist die Häresie der sog. Religionsfreiheit durchaus, wenn auch schwer, „im Licht der gesamten und ununterbrochenen Tradition“ zu interpretieren und steht somit in keinem Widerspruch oder Bruch mit der Tradition!

Auch an diesem doch schon sehr weit entgegenkommenden Text haben die Römer noch etwas zu korrigieren gefunden, aus „deren Formulierung schwierig vereinbar ist“ wird ein „deren Formulierung gewissen schwierig vereinbar scheinen“, und der Schlußsatz lautet in römischer Diktion: „In diesem Kontext ist es legitim, Ausdrücke und Formulierungen des II. Vat. Konzils und des darauf folgenden Lehramtes zu diskutieren, zu studieren und theologisch zu erklären, besonders um zu helfen, ihre Kontinuität mit dem vorangehenden Lehramt der Kirche zu verstehen.“

Da kann man nur sagen, recht haben sie, die Römer! Sie haben recht, wenn das „2. Vatikanum“ ein Konzil der katholischen Kirche war, dann muß es in Kontinuität mit dem vorangehenden Lehramt stehen. Doch wollen wir den verehrten Leser mit diesem mühseligen Unterfangen, die Ungereimtheiten in der Lehre der Piusbruderschaft aufzuzeigen, nicht weiter quälen und uns wieder Rom zuwenden, also auf den Hund schauen.

Zweifelsohne hat sich auch Rom verändert, denn in früherer, also noch katholischer Zeit, hätte sich Rom das, was sich die Piusbrüder diese letzten Jahre Rom gegenüber geleistet haben, niemals gefallen lassen – und man muß hinzufügen, niemals gefallen lassen dürfen, wenn nämlich der Hund mit dem Schwanz wedelt und nicht umgekehrt! Mit anderen Worten ausgedrückt: Die Piusbrüder profitieren, welch eine Ironie des Schicksals, allein von der Tatsache, daß Rom nicht mehr Rom ist, d.h. daß Rom nicht mehr katholisch, sondern liberal, modernistisch, ja postmodern und postmodernistisch geworden ist und handelt. Das alte Rom hätte der Feststellung von Kardinal Levada – „Dies zieht den Bruch der Gemeinschaft mit dem römischen Pontifex nach sich“ – die notwendigen Taten folgen lassen und die Piusbrüder aufgrund des klar dokumentierten Schismas samt und sonders abermals exkommuniziert.

Das moderne Rom ist da freilich flexibler, denn ein Modernist bleibt immer anpassungsfähig – genauso wie der Irrtum. Aus diesem Grund kann Rom – hierbei ist jetzt dieses modernistische Rom, das Zentrum der Menschenmachwerkskirche gemeint – natürlich selbst mit den „erzkonservativen Piusbrüdern“ flexibel umgehen. Dies umso mehr, als die Römer inzwischen großteils gar keine Modernisten alten Stils mehr sind, sondern Postmodernisten, worauf wir schon mehrmals hingewiesen haben, was aber nicht oft genug in Erinnerung gerufen werden kann. Als Postmodernisten sind die Römer nicht nur flexibel und anpassungsfähig, sie haben zudem selbst gegenüber den „erzkonservativen Piusbrüdern“ keinerlei Berührungsängste mehr, denn ein wenig Vergangenheit kann in dem modernen Durcheinander auch nicht schaden. Man muß diese Vergangenheit nur richtig ins System einbinden, damit sie nicht zu stark wird und ihren Zweck richtig erfüllt, nämlich den ganz linken Flügel der Revolution ein wenig auszubremsen. So etwa hat Josef Ratzinger alias Benedikt XVI. die Sache gesehen und entsprechend ins Laufen gebracht. Warum er dann plötzlich auf dem Weg der Wiedervereinigung stehen blieb, ist aus den greifbaren Tatschen nicht ganz ersichtlich, womöglich war er mit der Arbeit der Piusbrüder nicht mehr zufrieden.

Wenn man also genau hinsieht, erkennt man, es fand auf beiden Seiten fast unbemerkt eine grundlegende Umformung des katholischen Denkens statt. Dieses Umdenken wurde ermöglicht durch einen semantischen Betrug – also durch einen Mißbrauch der Sprache. Durch diesen Sprachmißbrauch wurden Begriffe wie Kirche, Lehramt, Papst, Konzil, Tradition auf beiden Seiten sinnentleert. Die Folge davon ist, es kann sich jeder darunter das vorstellen, was ihm beliebt. Solange nicht eine Seite in ihrer Sprache wieder erstarrt – also etwas genau Umschriebenes, Erkennbares und darum Einforderbares versteht – kann man endlos Dialog miteinander führen. Die Länge der Zeit hängt ganz davon ab, was die einzelnen wann mit ihrer Politik erreichen wollen.

Kommen wir abschließend nochmals zurück zu unserem Bild. Was geschieht eigentlich, wenn man das Bild zuende denkt? Was geschieht, sobald der Hund es sich nicht mehr gefallen läßt, daß der Schwanz mit ihm wackelt, wie sich das ja für einen Hund eigentlich gehört? Nun, dann kann man sich lebhaft vorstellen, wie der Hund mit dem Schwanz freudig hin und her wedelt. So ist es auch geschehen bzw. war es womöglich schon immer in unserem Fall. Sie erinnern sich: „Ja und nein, je nach Gesichts-oder Standpunkt.“ Und in der Tat haut es den Generaloberen der Piusbrüder zwischen diesem Ja und Nein seit nunmehr 15 Jahren hin und her – und nicht Rom! – denn der Hund wedelt ja mit dem Schwanz und nicht umgekehrt.