Zu uns komme Dein Reich

von antimodernist2014

1. „Zu uns komme Dein Reich“, so beten wir täglich viele Male im „Vaterunser“. Was aber ist eigentlich genau damit gemeint? Zum heutigen Christkönigsfest kann es sicher nicht schaden, sich darüber ein wenig tiefere Gedanken zu machen und deshalb beim heiligen Thomas von Aquin anzuklopfen.

2. Dieser stellt in seiner Auslegung des „Vaterunser“ die Frage: „Da das Reich Gottes von jeher bestand, warum bitten wir denn, daß es kommen möge?“ Eine berechtigte Frage, denn schließlich ist es ja undenkbar und ganz unmöglich, daß Gott als der Schöpfer, Erhalter und Lenker der Welt nicht dauernd in ihr herrscht. „Dazu ist zu sagen, daß jene Worte in dreifachem Sinn ausgelegt werden können“, antwortet unser Aquinate.

Erstens nämlich kann es geschehen, „daß ein König das Herrschaftsrecht über ein Reich zwar besitzt, daß diese Herrschaft im Reiche aber nicht allgemein offenbar ist, weil sich noch nicht alle Bewohner des Reiches ihr unterworfen haben; erst dann also wird sein Herrschaftsrecht offenbar werden, wenn alle Bewohner des Reiches sich ihm unterworfen haben.“ Hier geht es also um jene Geschöpfe, die einen freien Willen haben und sich daher der Unterwerfung widersetzen können. „Gott aber ist aus sich selbst und Seiner Natur nach Herr über alles, und Christus hat von Gott die Herrschaft über alles empfangen; deshalb muß Ihm alles untertan sein.“ Eben das proklamieren wir am Christkönigsfest. „Ihm wurde die Herrschaft, die Ehre und das Reich gegeben“ (Dan 7,14). Der Heiland selbst bekennt: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden“ (Mt 28,18). Das aber „ist jetzt noch nicht Wirklichkeit“, sagt der engelgleiche Lehrer, „sondern wird es erst am Ende der Zeiten sein. Deshalb beten wir: ‚Zu uns komme Dein Reich’…“

Konkret bitten wir damit um drei Dinge, wie der heilige Thomas sagt: „um die volle Unterwerfung der Gerechten, um die Bestrafung der Sünder und um die Vernichtung des Todes“. Er erklärt dazu: „Die Menschen werden Christus entweder freiwillig oder unfreiwillig unterworfen. Da aber der Wille Gottes so wirksam ist, daß er sich unbedingt erfüllt, und da Gott will, daß alles Christus unterworfen werde, muß von jenen zwei Möglichkeiten eine notwendig Wirklichkeit werden: entweder erfüllt der Mensch den Willen Gottes, indem er sich Seinen Geboten unterwirft – und das tun die Gerechten; oder Gott bringt Seinen Willen zur Geltung, indem Er die Ungehorsam bestraft – dies geschieht an Seinen Feinden und den Sündern am Ende der Zeiten.“ Davon spricht der heilige Paulus in 1 Kor 15,25: „Er muß ja herrschen, bis Er alle Feinde unter Seine Füße gelegt hat“ (vgl. Ps. 109,1).

Viele Menschen, Gläubige wie Ungläubige, erliegen hier einer Fehlsicht. Sie meinen, Gott würde den Sündern und Frevlern alles durchgehen lassen. In Wahrheit übt Er nur Langmut, da Er weiß, daß sie Ihm nicht entgehen werden. Er will aber, daß alle Menschen gerettet werden und dazu sich freiwillig Seinen Geboten unterwerfen. Darum gibt Er auch den Sündern viele Gelegenheiten, umzukehren und die Unterwerfung zu vollziehen, da Er ja nicht will, daß jemand verlorengehe. Am Ende jedoch wird Seine Gerechtigkeit den vollen Sieg davontragen.

„Den Gerechten ist es daher gegeben, zu bitten, daß das Reich Gottes komme, nämlich, daß sie Gott ganz untertan seien. Für die Sünder enthält die Bitte aber etwas Schreckliches, da sie nichts anderes besagt, als daß sie nach dem Willen Gottes gerichtet werden mögen.“ Das gilt natürlich nur für die unbußfertigen Sünder, die sich bis zum Ende allen Anrufungen der Gnade hartnäckig widersetzen; bevorzugt bitten wir jedoch um die Bekehrung der Sünder, damit auch sie zu den Gerechten gehören und „Gott ganz untertan“ seien.

„Schließlich wird der Tod als der Feind des Lebens vernichtet werden“, fährt der heilige Thomas fort, auch hier dem heiligen Paulus folgend, der in 1 Kor 15,26 schreibt: „Als letzter Feind wird vernichtet werden der Tod.“ „Dies wird bei der Auferstehung geschehen“, sagt der Aquinate, gemäß dem Brief des heiligen Paulus an die Philipper: „Er wird unseren armseligen Leib zur Gleichgestalt mit dem Leibe Seiner Herrlichkeit verwandeln“ ( Phil 3,21). Diese volle Herstellung der Herrschaft Christi am Ende der Zeiten ist also der eine Sinn unserer Bitte.

3. Zweitens kann unter dem Himmelreich auch „die Herrlichkeit des Paradieses verstanden werden“. Der heilige Lehrer erläutert: „’Reich‘ bedeutet nämlich nichts anderes als ‚Regierung‘. Die beste Regierung ist nun da, wo nichts gegen den Willen des Regenten geschieht. Der Wille Gottes ist aber das Heil der Menschen, denn ‚Er will, daß alle Menschen gerettet werden‘ [1 Tim 2,4], und dies wird vor allem im Paradies der Fall sein, wo nichts mehr dem Heil der Menschen entgegenstehen wird.“ Denn so heißt es im Evangelium: „Die Engel werden alle Ärgernisse und die Übeltäter aus Seinem Reiche zusammenlesen und sie in den Feuerofen werfen“ (Mt 13,41). „In dieser Welt aber ist vieles, was dem Heil der Menschen entgegensteht“, wie der Aquinate bemerkt. „Wenn wir also beten: ‚Zu uns komme Dein Reich‘, so bitten wir um Teilhabe am Himmelreich und an der Herrlichkeit des Paradieses.“

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