Zu uns komme Dein Reich

Drei Gründe nennt uns der Doctor Angelicus, welche dieses Reich „höchst ersehnenswert“ machen: Zunächst wegen der „höchsten Gerechtigkeit, die in ihm herrscht“, gemäß dem Propheten Isaias: „Dein Volk werden lauter Gerechte sein“ (Is 60,21). „Hienieden sind die Guten mit den Bösen zusammen; dort aber wird es keine Bösen und keine Sünder geben.“ Der heilige Johannes prophezeit uns in seiner Offenbarung über die himmlische Stadt Jerusalem: „Nichts Unreines wird in sie eingehen und niemand, der Greuel begeht und Lüge, sondern nur jene, die eingeschrieben sind im Lebensbuch des Lammes“ (Off 21,27).

Außerdem ist es ersehnenswert wegen „der vollkommensten Freiheit“. Hienieden nämlich „gibt es keine volle Freiheit, obwohl alle naturgemäß nach ihr verlangen; dort aber werden alle jeder Knechtschaft vollkommen ledig sein, und es werden dort nicht nur alle freie, sondern auch alle Herrscher sein, denn alle werden mit Gott eines Willens sein, so daß Gott will, was die Heiligen wollen, und die Heiligen was immer Gott will; so geschieht mit dem Willen Gottes auch ihr Wille, und daher werden alle regieren, weil der Wille aller geschieht.“ „Die Schöpfung selbst wird von der Knechtschaft der Verderbnis erlöst werden und die herrliche Freiheit der Kinder Gottes erlangen“, sagt der heilige Paulus (Röm 8,21). „Du hast uns zu einem Königtum gemacht für unseren Gott“, heißt es in der Offenbarung des heiligen Johannes (Off 5,10), und er beschreibt: „Und ich sah Throne, und sie [die Gerechten] setzten sich darauf, und das Gericht wurde ihnen übergeben … Sie wurden lebendig und traten die Herrschaft an mit Christus für tausend Jahre“ (Off 20,4). „Und Gott wird die Krone aller sein“, fügt der Aquinate hinzu. „An jenem Tage wird der Herr der Heeresscharen die Krone der Herrlichkeit sein, ein Kranz der Freude dem Reste Seines Volkes“ (Is 28,5). Das ist die wahre Erfüllung dessen, was die liberalen Demokratien so vergeblich auf falschen Wegen zu erreichen suchen. Sie nämlich versuchen, sich der Herrschaft Gottes und Christi zu entziehen und meinen dadurch Freiheit und Herrschaft zu erlangen, während doch das Gegenteil zum Ziel führen würde.

Überdies ist das Paradies ersehnenswert wegen „dem wunderbaren Überfluß, den das Himmelreich bietet“. Denn in „Gott allein wird der Mensch alles in höherer und vollkommenerer Weise finden, wonach er in dieser Welt sucht“. Das ist eine sehr wichtige und erwägenswerte Wahrheit für uns Menschen, die wir stets auf diese oder jene Weise nach dem Glück haschen und es hier nicht finden. „Kein Auge hat es gesehen, außer Dir, o Gott, was Du denen bereitet hast, die auf Dich harren“, sagt schon der Prophet Isaias, und der heilige Paulus wiederholt es in seinem Brief an die Korinther: „Vielmehr ist es, wie geschrieben steht: Was kein Auge sah und kein Ohr vernahm und was in keines Menschen Herz drang, was Gott denen bereitet, die Ihn lieben“ (1 Kor 2,9). Der Heiland selbst verspricht Seinen Jüngern, sie würden für alles, was sie in dieser Welt zurücklassen, hundertfaches erhalten, was auf die alles übertreffenden Güter des Paradieses anspielt.

4. Als dritte Möglichkeit, so fährt der heilige Thomas fort, kann unter dem Himmelreich „die Herrschaft über die Sünde verstanden werden“. „In dieser Welt herrscht manchmal die Sünde, und zwar dann, wenn der Mensch so veranlagt ist, daß er dem Drang zur Sünde leicht folgt und nachgibt. In deinem Herzen herrsche aber Gott, und dies ist der Fall, wenn du bereit bist, Gott zu gehorchen und alle Seine Gebote zu befolgen.“ Wie der heilige Paulus an die Römer schreibt: „In Christus Jesus seid ihr tot für die Sünde und lebt für Gott. Darum soll die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe“ (Röm 6,11f). „Wenn wir also beten: ‚Zu uns komme Dein Reich‘, so bitten wir, daß in uns nicht die Sünde, sondern Gott herrschen möge.“ Dann gilt für uns das herrliche Wort: „Sion, dein Gott ist wieder König“ (Is 52,7).

5. Insgesamt, so lehrt uns der Aquinate, werden wir durch diese Bitte dann „zu jener Seligkeit gelangen, von der es heißt: ‚Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen‘ [Mt 5,4]“. Denn wenn „nun nach der ersten Auslegung der Mensch wünscht, daß Gott der Herr über alles sei, so rächt er ein ihm zugefügtes Unrecht nicht selbst, sondern behält Gott die Rache vor; denn wenn du dich selbst rächtest würdest du nicht bitten, daß Sein Reich komme“. Der heilige Paulus: „Rächet euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorngericht; denn es steht geschrieben: ‚Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr‘ (Dt 32,35)“ (Röm 12,19).

„Wenn du aber nach der zweiten Auslegung Sein Reich als die Herrlichkeit des Paradieses erwartest, so darf dich der Verlust irdischer Güter nicht bekümmern.“ Darum sagt der Heiland: „Sorgt euch nicht ängstlich um euer Leben, was ihr essen oder trinken, noch für euren Leib, was ihr anziehen werdet. … Macht euch nicht Sorge und sagt nicht: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns bekleiden? Denn nach all dem trachten die Heiden. Es weiß ja euer Vater im Himmel, daß ihr all dessen bedürft. Sucht zuerst Sein Reich und Seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch dazugegeben werden“ (Mt 6,25.31-33).

„Wenn du schließlich nach der dritten Auslegung darum bittest, daß Gott und Christus in dir herrschen mögen, so mußt du sanftmütig sein, da Christus überaus sanftmütig gewesen ist.“ Nach den Worten des Heilands: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir: denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen, und ihr werdet Erquickung finden für eure Seelen, denn mein Joch ist sanft, und meine Bürde leicht“ (Mt 29f). Eben dies ist das sanfte Joch und die leicht Bürde der Königsherrschaft Christi und Seines heiligsten und göttlichen Herzens.