Die Revolution rollt

„Wikipedia“ bemerkt richtig zur Begründung, die Paul VI. in seiner Enzyklika für das Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung gibt: „Neu an der Begründung war, dass nunmehr nicht wie bislang das Verbot der Empfängnisverhütung aus einem Widerspruch im menschlichen Handeln hergeleitet wird, sondern seine Rechtfertigung im Eingriff in die biologische Gesetzmäßigkeit findet. Die biologischen Gesetze sind dabei Ausdruck des göttlichen Schöpfungsplans und verwirklichen eine personale Begegnung zwischen Mann und Frau als ganzheitliches Miteinander. Damit wird die bisherige Theorie, der primäre Zweck der Ehe sei die Fortpflanzung, relativiert. Vielmehr wird die eheliche Liebesgemeinschaft als sinnlich-geistige Lebenseinheit gesehen, die den durch die biologischen Gesetze vorgegebenen Fruchtbarkeitsauftrag erfüllen soll.“ Das ist in der Tat neu und eine Abweichung von der kirchlichen Lehre, die hier zur „bisherigen Theorie“ degradiert wird.

Der revolutionäre Impetus war jedoch allzu zaghaft. Entsprechend kühl und „relativierend“ fiel die Aufnahme der Enzyklika bei den „Auchkatholiken“ vor allem Europas und Nordamerikas aus. Die deutschen Bischöfe distanzierten sich in ihrer „Königsteiner Erklärung“, ebenso die österreichischen in ihrer „Mariatroster Erklärung“ und die schweizerischen in der „Solothurner Erklärung“. Das über weite Strecken liberal gewordene Kirchenvolk lachte ohnehin nur noch über den alten Mann in Rom und seine verschrobenen Ansichten. Doch den „Konservativen“ schien damit die eheliche Moral gerettet.

Unter Wojtyla alias Johannes Paul II. schritt die „Revolution der Sinnlichkeit“ vorwärts, wiederum von allen fast unbemerkt. Abermals waren es insbesondere die „Konservativen“, die sich von seiner „Theologie des Leibes“ angesprochen fühlten und diese bis heute in den höchsten Tönen loben, nicht ahnend, welche Sprengkraft in Wahrheit darin lag (vgl. Revolution der Sinnlichkeit). Es folgte der ohnehin als „erzkonservativ“ verschrieene Ratzinger mit seiner „Eros-Theologie“, von der seine erste Enzyklika „Deus caritas est“ ganz durchdrungen ist. Und wieder merkte niemand, wie tief die Ehemoral damit in ihren Grundlagen bereits getroffen war, denn nach wie vor schien man ja offiziell am Verbot von Ehescheidung, künstlichen Verhütungsmitteln etc. festzuhalten.

5. Nun war Bergoglio an der Reihe, die Revolution weiter voranzubringen und endlich die veränderte Ehelehre und -moral im Bewußtsein der „Konziliaren Kirche“ zu verankern. Er wählte dazu den „synodalen“ Weg (wobei „Synode“ ohnehin soviel wie „gemeinsamer Weg“ heißt). Dieser folgt bewährten „demokratischen“ Mustern. Revolutionäre benutzen ja gerne das Deckmäntelchen der „Demokratie“, um ihre Ziele durchzusetzen, während sie sich, ist der Umsturz erst gelungen, stets als Diktatoren reinsten Wassers entpuppen. Die Methode, „demokratisch“ die Gebote Gottes aufzulösen, umfaßt drei Schritte und sieht so aus: Zunächst wird frech und laut durch irgendeine prominente Stimme das Gebot in Frage gestellt und eine Änderung gefordert. Das löst natürlich zunächst Entrüstung und empörte Zurückweisung aus, aber auch Zustimmung und Resonanz. Die Sache ist damit bereits zur Sprache gebracht und das Gebot in Frage gestellt worden. Es entwickelt sich nun eine Debatte „pro und kontra“, die nicht zuletzt durch die Medien und weitere prominente Wortmelder angeheizt wird. Im wesentlichen schälen sich zwei Parteien heraus, die sich bekämpfen: „Rechte“ und „Linke“, „Konservative“ und „Progressive“ oder „Liberale“. Und meist merkt keiner mehr, daß man hier den entscheidenden Schritt schon längst getan hat, denn über Gottes Gebote gibt es nichts zu debattieren. Doch mit dem verpflichtenden Charakter dieser Gebote ist es in diesem Stadium längst vorbei, es gilt nun nur noch den demokratischen Konsens zu finden in Form einer Mehrheit. Das ist nun der letzte Schritt: das göttliche Gebot wird Gegenstand einer parlamentarischen Abstimmung. Nun braucht es nur noch eine Majorität, die meist leicht herzustellen ist, zumindest wenn man skrupellos genug ist, auch zu allen Mitteln der Demagogie und Manipulation zu greifen. Und damit ist Gott ganz demokratisch von seinem Thron gestürzt – zumindest in der Meinung der dummen Revolutionäre, denn tatsächlich kann niemand Gott vom Thron stoßen, aber das ist eine andere Sache.

Ebendies läßt sich im „synodalen“ Vorgang beobachten, den Bergoglio betrieb. Zunächst holte er, nachdem er selbst bereits mit der Presse plaudernd einschlägige Andeutungen gemacht hatte („Wer bin ich, um zu richten?“), den alten „Kardinal“ Kasper aus der Kiste, der lautstark freche Thesen aufstellte, die der „Heilige Vater“ auch noch lobte und bewunderte, was seine Wirkung gleichfalls nicht verfehlte und andere gewichtige Redner auf den Plan rief, die ihrerseits mit ähnlichen Forderungen auftraten. Ein paar andere Eminenzen, unter ihnen der „Glaubenspräfekt“ Müller, hielten dagegen, flankiert von einigen „konservativen“ Gruppierungen und Organen, und so entspann sich die öffentliche Debatte, die von den „linksliberalen“ Medien eifrig und in höchst einseitiger Weise geschürt wurde. Man verstand es schließlich, sie auf zwei sehr griffige Punkte zuzuspitzen: den Umgang mit den „wiederverheirateten Geschiedenen“ und den „Homosexuellen“, die beide bislang von der Kirche höchst unbarmherzig behandelt und ausgeschlossen worden seien. Durch die Verlagerung der Debatte von moralischen Prinzipien auf konkrete Personengruppen wurde sie geschickt mit Emotionen geladen, um so unsachlich wie nur möglich geführt zu werden, zumal man sich dabei zweier ohnehin bereits seit vielen Jahren in der Öffentlichkeit als „heiße Eisen“ geschmiedeter Hebel bedienen konnte.

6. Nun folgte der Akt der parlamentarischen Abstimmung. Bergoglio berief eine „Familiensynode“ ein bzw. den zweiten Teil einer solchen, denn bereits im Jahr 2013 hatte der erste Teil stattgefunden. Nun gäbe es sicher genug von kirchlicher Seite zum Thema Familie zu sagen. „Die klassische Familie wird zum Auslaufmodell“, titelte etwa „WELT online“ am 20. Oktober 2014. Die „klassische Familie mit Ehepaaren“ verliere „an Bedeutung“. „Viele Kinder leben nur noch allein mit Mutter oder Vater.“ Zwar dominiere „immer noch das klassische Modell“, so seien nach statistischen Erkenntnissen im Jahr 2013 immerhin noch „70 Prozent der insgesamt knapp 8,1 Millionen Familien mit mindestens einem minderjährigen Kind Ehepaare“, jedoch sei „der Anteil der Ehepaare mit Kind unter den Familien“ 1996 noch bei 81 Prozent gelegen. Bei 20 Prozent handelte es sich um alleinerziehende Väter oder Mütter, die „restlichen zehn Prozent entfielen auf nicht eheliche oder gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften“. „Nur noch weniger als die Hälfte der Menschen leben überhaupt noch in einer Familie.“ Das sind überaus beunruhigende Zahlen, wenn man bedenkt, daß der Schöpfer Ehe und Familie zur Grundlage der ganzen menschlichen Gesellschaft bestimmt hat.