Die Revolution rollt

Doch die „Familiensynode“ hatte Wichtigeres zu tun. Sie sollte ja gerade die Revolution auf diesem Gebiet weiter fördern, nicht ihr entgegentreten. So wählte „Franziskus“ schlau seine Protagonisten aus. Zum Generalsekretär der Synode machte er „Kardinal“ Lorenzo Baldisseri, einen Neuling mit keinerlei Erfahrung oder speziellen Kenntnissen in Fragen von Ehe und Familie, dafür aber ein enger Vertrauter Bergoglios. Der Bischof und Theologe Bruno Forte wurde Sondersekretär. Über ihn wußte der Vatikanist Andro Magister zu berichten, daß er bereits bekannt sei als Repräsentant einer theologischen und pastoralen Linie, die als Galionsfigur den bekannten Erzmodernisten und Jesuiten „Kardinal“ Carlo Maria Martini und als große Gegner zuerst Johannes Paul II. und dann Benedikt XVI. betrachteten, „eine Linie, deren Befürworter sich offen für eine Änderung der Lehre der Kirche auf dem Gebiet der Geschlechtlichkeit aussprechen“. Eine weltweit vom Vatikan zur Vorbereitung der Synode durchgeführte Fragebogenaktion hatte den Eindruck verstärkt, daß hier die kirchliche Morallehre zur Disposition gestellt wurde, ein übriges tat die Aufforderung des „Heiligen Vaters“, ohne Scheu und Hemmungen alles zu diskutieren. Was in der Synodenaula be- und gesprochen wurde, wurde nicht veröffentlicht, hingegen konnte jeder Synodenteilnehmer sich frei in Interviews äußern, was denn auch lebhaft genutzt wurde.

Die als Zwischenbericht am 13. Oktober vom ungarischen Kardinal Péter Erdö vorgelegte „Relatio“ stammte, so weiß der Vatikanist, aus der Feder von Baldisseri und Forte, die beide der „’Partei‘ der Änderung“ angehörten, an deren Spitze sich der „Ghostwriter“ und Vertraute des „Papstes“, Víctor Manuel Fernández befinde, seines Zeichens Erzbischof und Rektor der Katholischen Universität von Buenos Aires, sowie als drittem im Bunde dem Jesuiten Antonio Spadaro, Leiter der „Civiltà Cattolica“, der von „Franziskus“ persönlich als Synodenmitglied ernannt worden war. Erwartungsgemäß erregte diese „Relatio“ große Aufregung und Proteste seitens der „konservativen“ Synodenteilnehmer, deren Zorn sich zunehmend auch gegen Bergoglio selbst richtete, den ein Kardinal gar der „Manipulation“ beschuldigt haben soll. Es kam zu weiteren heftigen Diskussionen in den zehn „Sprachgruppen“ der Synode, bis nach einigem Hin und Her für den Abschlußbericht auch einige „konservative“ Teilnehmer hinzugezogen wurden, unter ihnen der südafrikanische „Kardinal“ Napier. Letzterer hatte freilich laut Magister „richtig gesehen“, daß, „was immer das Resultat dieser Synode sein würde, deren Programm nicht vorsah, zu einem Beschluß zu kommen, die Wirkung, welche diejenigen zu erzielen suchten, die sie in Szene setzten, zum größten Teil erreicht wurde“.

7. Bergoglio bestand darauf, daß das Schlußdokument veröffentlicht würde, auch jene Abschnitte, die nicht die an sich erforderliche Zweidrittelmehrheit erlangt hatten, samt den jeweiligen Abstimmungsergebnissen. Diese Ergebnisse sind in der Tat sehr aufschlußreich, denn sie zeigen, wie weit die Revolution in der „konziliaren Kirche“ bereits vorangeschritten ist. Selbst die umstrittensten Paragraphen, in welchen es um die oben genannten „heißen Eisen“ ging, erlangten immer noch eine absolute Mehrheit bei den Synodenteilnehmern. Bei den beiden Fragen der Zulassung von „wiederverheirateten Geschiedenen“ zur Kommunion fand diese einmal mit 104 zu 74 und das andere Mal mit 112 zu 64 Gegenstimmen eine klare Zustimmung. Im Abschnitt über die „Homosexuellen“ lag die Zustimmung bei 118 zu 62 Stimmen. Dabei wurde von der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ kolportiert, daß es sich bei den ablehnenden Stimmen keineswegs nur um solche „konservativer“ Synodenteilnehmer gehandelt habe, sondern auch um die derjenigen, denen der Textentwurf nicht weit genug ging.

„Kardinal“ Schönborn von Wien beispielsweise zeigte sich enttäuscht, daß man seine Idee von der Anwendung des „Subsistit in“ nicht aufgenommen hatte. Analog zur Lehre des „II. Vatikanums“, wonach man auch in anderen Religionen Spuren „des Wahren und Guten“ finden könne, nur eben nicht deren Fülle, meinte er, könne man auch in anderen Lebensformen als dem „Ideal“ der Ehe „Spuren Christi“ entdecken. Andere bedauerten, daß man den schönen Gedanken der „Gradualität“ beiseitegelassen habe, der ganz ähnlich verschiedene Stufen der Vollkommenheit in den verschiedenen Lebensformen findet. Auf „konservativer“ Seite war die Beurteilung ebenfalls recht zwiespältig. Einerseits freute man sich in völliger Verkennung der Sachlage, daß Rom den revolutionären Bestrebungen ein klares „Nein“ entgegengeschleudert habe. So titelte etwa eine „konservative“ Seite im Internet „Roma locuta – Die Synode sagt Nein!“ Auf dem Blog „Rorate Caeli“ war gar zu lesen, daß es sich um ein „Wunder“ handle, das dem „heiligen Johannes Paul II.“ zu verdanken sei. Der „Pius-Distriktobere“ von Österreich, P. Stephan Frey, äußerte sich in einem Interview mit religion.ORF.at erfreut, „dass ein beträchtlicher Teil der Bischöfe sich energisch gegen die von Papst Franziskus begünstigte ‚pastorale Öffnung‘ stemmte, die nichts anderes als eine echte Revolution innerhalb der Kirche lostreten wollte“. Und gleich sieht er auch wieder einen Hoffnungsstrahl für die eigene Gemeinschaft: „Wenn nun zahlreiche hochrangige Prälaten ebenfalls dem Kurs einer exzessiven Liberalisierung die Stirn bieten, finden wir uns natürlich in guter Gesellschaft. Das wird unserer Argumentation in den Gesprächen mit dem Vatikan gewiss mehr Kraft verleihen.“