Die Revolution rollt

In Wahrheit verhält sich die Sache ganz anders, worauf „Radio Vatikan“ aufmerksam macht. Nicht umsonst, heißt es dort, habe „Papst Franziskus“ in seiner Schlußansprache das Wort „Lineamenta“ eingearbeitet, womit er deutlich gemacht habe, „dass auch dies ein Arbeitsdokument ist, in Vorbereitung auf die Debatte in den Ortskirchen und Bischofskonferenzen und besonders auch in Vorbereitung auf die nächste Synode im Oktober 2015“. Auch vielen anderen Beobachtern ist aufgefallen, daß Bergoglio die ganze Synode über schwieg. Er redete am Anfang und am Schluß, wo er von den fünf „Versuchungen“ sprach, denen die Synode ausgesetzt gewesen sei. Deren erste sah er darin, „sich feindselig zu versteifen, das heißt, sich in der Schrift (dem Buchstaben) zu verschließen und sich nicht von Gott, vom Gott der Überraschungen (dem Geist), überraschen lassen zu wollen; sich im Gesetz zu verschließen, in der Gewissheit dessen, was wir kennen und nicht dessen, was wir noch lernen und erreichen müssen“; dies sei seit der Zeit Jesu „die Versuchung der Eiferer, der Bedenkenträger, der Besorgten und der – heute – sogenannten ‚Traditionalisten‘ und auch der Intellektualisten“. Die zweite Versuchung sei die „eines zerstörerischen Gutmenschentums, das im Namen einer falschen Barmherzigkeit die Wunden verbindet, ohne sie vorher zu heilen und zu verarzten; das die Symptome und nicht die Gründe und die Ursachen behandelt“, und dies sei „die Versuchung der ‚Gutmenschen‘, der Furchtsamen und auch der sogenannten ‚Progressiven und Liberalen’“. So verstand er es geschickt, die beiden „Parteien“ wieder aufeinanderzuhetzen und die Debatte am Kochen zu halten. Weshalb denn auch andere „Konservative“, wie Schönborn beklagt, den „Heiligen Vater“ ganz massiv angriffen, ja die Gültigkeit seiner Wahl in Frage stellten und „apokalyptische Szenarien“ zeichneten, „in denen dem Papst vorgeworfen werde, die Kirche in den Untergang zu führen“ (Die Tagespost vom 21. Oktober 2014).

8. Im allgemeinen jedoch reagierte man auf „konservativer“ Seite eher ratlos. Ein Kommentator schreibt: „Womit wir beim entscheidenden Punkt angekommen wären: Roma hat locuta, aber offensichtlich ist die causa damit nun plötzlich wieder keineswegs finita. Und das ist kein Spaß, sondern von allem nur denkbarem Ernst. Was bedeutet das genannte Prinzip denn noch, wenn Rom heute das und morgen jenes lehrt? Wie geht man mit solchen Entscheiden in Zukunft um? Befolgen? Sie den eigenen Kindern als den authentischen Glauben der Kirche vermitteln? Oder besser auf den nächsten Papst warten und mal schauen wie die Dinge sich so entwickeln? Nichts Genaues weiß man ja nicht?“ Zwar könne man „nun einwenden, es ginge gar nicht um eine Änderung der Lehre, sondern nur um eine (Weiter-)Entwicklung“. Dieses Argument sei „grundsätzlich valide, denn solche Entwicklungen hat es in der Kirche auch in jüngerer Zeit gegeben. Vergleicht man etwa Äußerungen Pius IX. zu den Menschenrechten mit jenen des 2. Vatikanischen Konzils, so meint man in der Tat, völlige widersprüchliche Aussagen vor sich zu haben.“ In Wahrheit sei es jedoch nicht so, vielmehr habe sich das „zugrundeliegende Verständnis von ‚Menschenrechten’“ in der „dazwischen liegenden Zeit ebenso grundlegend gewandelt“. „Während Pius IX. in ihnen vor allem die Forderung des Menschen sah, nicht mehr den unbedingten Ansprüchen des göttlichen Gebotes zu unterliegen, interpretiert das Konzil sie – in Übereinstimmung mit der theologischen Tradition – als Entfaltung der aus der Schöpfungswürde entspringenden Freiheit der Person.“ Mit den moralischen Grundsätzen verhalte es sich jedoch ganz anders, denn: „…kann ein ähnlicher Prozess auch in den hier zur Debatte stehenden Fragen von Ehe, Familie und Sexualität nachgewiesen werden? Konkret: Sind Wiederverheiratete Geschiedene, ist Homosexualität heute etwas anderes als 1980?“ Unsere Gegenfrage: Warum denn nicht? Wenn sich grundlegende dogmatische Wahrheiten ändern können, sodaß man meint „völlig widersprüchliche Aussagen vor sich zu haben“, warum dann nicht auf dem Gebiet der Moral? Warum soll sich nicht auch hier das „zugrundeliegende Verständnis“ inzwischen „grundlegend gewandelt“ haben? Darin offenbart sich die ganze Crux der „Konservativen“, die zwar die dogmatische Revolution des „II. Vatikanums“ folgsam mitvollzogen haben und sich in den revolutionären Prozeß eingliedern ließen, aber nicht verstanden haben, daß die damals angestoßene Revolution naturgemäß unaufhaltsam weiterrollt und über kurz oder lang auch notwendig die moralischen Barrieren wegreißt, welche die „Konservativen“ um jeden Preis aufrechterhalten wollen. Ja mehr noch: daß sie selbst dabei eine wichtige Rolle spielen als scheinbarer Kontrapart in der Konsensfindung. Einerseits braucht man sie als Prügelknaben, ähnlich wie in einer Fernseh-„Talkshow“, in welche auch gerne ein „konservativer“ Punchingball eingebaut wird, auf den von „linker“ Seite eingeschlagen werden kann, um seine „rechte“ Position desto trefflicher zu vernichten; andererseits dienen sie als Rechtfertigung, daß man ganz legitim auf demokratischem Weg zum Konsens gelangt sei, da alle ihre Meinungen haben einbringen können, auch die „Konservativen“.

Ein anderer treuherzig „konservativer“ Kommentator ruft daher die „kirchentreuen Katholiken“ zum Gebet auf und ermahnt sie, „ihr Vertrauen in den göttlichen Beistand zu vertiefen“. Gemäß der Verheißung Christi, Er sei bei uns „alle Tage bis ans Ende der Welt“, dürften wir hoffen, daß auch diesmal die Kirche die Krise glorreich überwinden werde. „Denn, so sagt G.K. Chesterton, ‚mindestens fünf Mal, mit dem Arianer und dem Albigenser, mit dem humanistischen Skeptiker, nach Voltaire und nach Darwin, schien der Glaube vor die Hunde zu gehen. In jedem dieser fünf Fälle war es der Hund, der starb.’“ Nur ist der „Hund“ diesmal das „konziliare Rom“, was unser Kommentator geflissentlich übersieht (vgl. Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt).

9. Bergoglio kann ganz zufrieden sein. Er hat sein Ziel erreicht. Noch einmal Sandro Magister: „Was die Homosexualität betrifft ebenso wie Scheidung und Wiederheirat, so hat das reformatorische Wort, das auf jeden Fall im weltweiten Netz der Medien in Umlauf gebracht wurde, mehr Wert als der tatsächlich bei den Synodenvätern durch die Vorschläge von Kasper oder Spadaro erzielte Erfolg“ – und dieser war auch bereits beträchtlich, was Magister hier vielleicht vergißt. Immerhin stimmten sie in überwiegender Mehrheit für eine „Reform“. „Die Partie wird noch lange dauern“, meint Magister, „aber der Papst Franziskus ist geduldig. In ‚Evangelii gaudium‘ hat er geschrieben, daß ‚die Zeit über dem Raum‘ ist.“ Und gar so lange wird die Partie nach unserer Einschätzung nicht mehr dauern, allzuviel Geduld wird es nicht mehr brauchen. Die „konziliare“ Revolution wird vor gewissen Punkten der Ehe- und Geschlechtsmoral nicht haltmachen. Wir werden uns daran gewöhnen müssen.