Der heilige Alfons Maria von Liguori II

von antimodernist2014

Die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts war ein seltsames Gemisch von neu aufkommender, moderner Skepsis und altem Glauben. Wobei der Glaube, im Gegensatz zu heute, immer noch im Volk tief verwurzelt, wenn auch teilweise etwas verwahrlost war. Verantwortlich dafür war großteils die Geistlichkeit. Im Neapel des hl. Alfons lebten etwa 4500 Mönche, Kleriker und Laienbrüder in 104 Klöstern. Ein Teil davon versinkt in ihren Reichtümern und gerät deswegen in einen Strudel zunehmenden Verfalls, weshalb sie sich einer wachsenden Verachtung ausgesetzt sehen. Andererseits erweist sich ein rundes Dutzend junger oder reformierter, armer und von heiligem Eifer beseelter Orden oder Kongregationen als die beste Hilfe der Bischöfe und Jesu Christi in der Verkündigung des hl. Evangeliums, der Leitung von Laiengruppen, der Seelenführung, sowie der Kinder- und Jugenderziehung. Der hl. Alfons wirkt bei den Frommen Arbeitern, den Lazaristen und den Oratorianern mit, und all diese Werke bringen herrliche Früchte der Heiligung der Seelen hervor.

Zwischen diesen beiden Extremen gibt es noch einen „dritten Stand“, der unschlüssig zwischen Gott und dem Mammon, zwischen dem Dienst an den Armen und dem Verlangen, sich die führenden Klassen dienstbar zu machen, steht. Vielleicht war es der Ehrgeiz der Theatiner im Wettstreit um gesellschaftlichen Einfluß mit den Jesuiten, der Alfons von seinem ersten Entschluß abgebracht hat, sich im benachbarten Kloster von S. Paolo Maggiore seinen Vettern Domenico und Emmanuele von Liguori anzuschließen. Dem hl. Alfons lag besonders daran, sich um die Armen und Ärmsten anzunehmen, denen er den Weg zu einem ernsthaften, konsequenten Leben aus dem hl. Glauben lehren und zeigen wollte.

In Neapel erreichte vor allem Kardinal Caracciolo bei seinem Diözesanklerus einen geistlichen und kulturellen Aufschwung, der ihn in den Jahren 1700—1740 gewissermaßen in ein goldenes Zeitalter der Kirche führte. „Der Geist des neapolitanischen Klerus war damals beispielgebend für das ganze Königreich, um nicht zu sagen, für die ganze Welt.“ So schrieb P. von Liguori dreißig Jahre später über die Blütezeit seines Seminars. Der hl. Alfons wird durch die Gründung seiner Redemptoristen wesentlich dazu beitragen, daß die Erneuerung des Glaubenslebens auch die armen Gegenden auf dem Land erreicht, um die sich kaum jemand kümmerte. Durch unzählige Missionen bemühen er und seine Missionare sich, der Unwissenheit abzuhelfen und den Eifer im Glauben neu zu entfachen. Die Redemptoristen sind so richtige Menschenfischer nach dem Herzen Jesu, des göttlichen Erlösers, dessen Name sie tragen dürften.

Folgen wir dem Lebensweg dieses großen hl. Missionars ein wenig weiter.

Aus dem Leben des hl. Alfons Maria von Liguori – Teil 2

Nachdem der hl. Alfons seine Karriere als Rechtsanwalt so überraschend und schnell abgebrochen hatte, stellte sich für ihn die Frage, in welcher Weise er fortan Gott dienen sollte? Zunächst ging es darum, sich auf das Priestertum vorzubereiten. Im Seminar wurde der bekannte Ex-Anwalt mit allem ihm gebührenden Respekt behandelt. Er widmete sich hier nur den Fächern, die ihm in seiner Ausbildung zum Priestertum noch fehlten: Dogmatik, Moral und Studium der Heiligen Schrift, und er konnte sie, unter Anleitung eines Lehrers, dessen Wahl man ihm freigestellt hatte, für sich allein studieren. In Theologie — Dogma und Moral — „nahm er“ den besten: Giulio Torni. Dieser hervorragende Gelehrte, dem nach seinen eigenen Worten „der Thomismus auf den Nägeln brannte“, führte ihn in jene einzigartige Kathedrale ein, wie sie das Werk des Thomas von Aquin darstellt. Über diesen entscheidenden Punkt berichtet uns sein Biograph Tannoia: „Alfons wählte in Dogmatik und Moral als Professor Kanonikus Don Giulio Torni, den späteren (Titular-) Bischof von Arcadiopolis. Wie seine beachtenswerten Veröffentlichungen zeigen, war er in diesen Fächern der bedeutendste Mann seiner Fakultät. Alfons bewahrte ihm eine besondere Verehrung. Wenn er ihn in seinen theologischen Werken zitiert, so spricht er von ihm nur als von ’seinem Lehrer‘.“

Weit über allen noch so gelehrten Büchern steht das Buch der Bücher, die Heilige Schrift, das Wortes Gottes. Diesem wendet sich Alfons mit allem Fleiß zu und in diesen Worten begegnet er immer mehr dem einen Wort, das ewig im Schoß des Vaters ruht, das aber auch Fleisch geworden und unter uns gewohnt hat. Ein anderer Biograph des Heiligen schreibt: „Die Hl. Schrift war für Alfons das Buch schlechthin: sein Schatz, seine Freude. Es verging kein Tag, an dem er nicht ein Kapitel daraus las, meditierte und betrachtend durchdrang.“ Das Studium der Heiligen Schrift führte ihn im menschgewordenen Wort Gottes zurück in den Schoß des Vaters, in dem alle Geheimnisse Gottes geborgen sind. Er warf sich gleichsam in den unermeßlichen Ozean der Hl. Schrift, in dieses Meer der Gotteserkenntnis. „Er suchte Klarheit“, fährt der Biograph fort, „durch den Vergleich der gelehrtesten Kommentatoren, um so die genauesten und erhabensten Bedeutungen des göttlichen Wortes zu erfassen, d. h. um zu erkennen, wo Gottes Absichten sich am deutlichsten offenbaren.“

In diesen Worten wird eine Eigenart des hl. Alfons angesprochen, für ihn ist das Wissen keine trockene Theorie, sondern all sein Wissen zeugt bei ihm immer auch die entsprechende Tat. Denn wer könnte den Gott, der die Liebe ist, erkennen, ohne diesen wiederzulieben? Wenn man das Leben dieses Heiligen erwägt, ist man voller Staunen über die vielfältigen Möglichkeiten, diesen Gott zu lieben. Alfons ist ein großer Beter, er ist ein hervorragender Gelehrter, begnadeter Erzieher, er ist Ordensgründer und Ordensleiter, Schriftsteller und Missionar und Bischof und er ist immer alles ganz, sodaß man den Eindruck gewinnt, eine einzige dieser Tätigkeiten würde allein ausreichen, ein normales Menschenleben mehr als auszufüllen. Eines der dauernden Wunder dieses Heiligenleben ist die unglaubliche Schaffenskraft. Nicht umsonst hat der hl. Alfons den Vorsatz gefaßt, niemals Zeit zu vergeuden, auch keine Minute!

Der Dominikaner Francisco Marin-Sola schreibt über den hl. Alfons: „Wir übergehen andere Namen (von Theologen des 18. Jahrhunderts) und schließen mit dem Größten, der zum Kirchenlehrer wurde. Alfons wird zwar vor allem als Moraltheologe zitiert, ist aber auch in allen anderen Fragen eine Autorität nicht nur aufgrund seines Titels als Kirchenlehrer, sondern wegen der außergewöhnlichen Unparteilichkeit seines theologischen Urteils, das in solchem Maß frei ist von jeglicher schulischer oder gruppenspezifischer Bindung, daß es schwerfällt, in diesem Punkt seinesgleichen zu finden, es sei denn Thomas und Bonaventura.“ Alfons blieb auch als Gelehrter der unparteiische Rechtsanwalt, er gehörte keiner Partei an, keiner bestimmten Schule, ihm ging es einzig um die Wahrheit.

In diesem mit Arbeit überfüllten Leben fällt eines besonders auf: Arbeit und Gebet schließen sich nicht aus, sondern bedingen sich gegenseitig. Der hl. Alfons erlernte diese hohe Kunst besonders durch seine Heiligenverehrung. Besonders zwei Heilige begleiten treu sein ganzes Leben und prägen seine eigene Art von Heiligkeit durch ihr Vorbild ganz tief. Dies sind die hl. Teresa von Avila und der hl. Franz von Sales.

Der hl. Teresa von Avila „begegnet“ Alfons schon bei seinem Eintritt ins Seminar, und er bleibt sein ganzes Leben hindurch von ihr hingerissen. Nicht, daß sie dem Kind oder dem Rechtsanwalt von gestern eine Unbekannte gewesen wäre. Er atmete sozusagen die hl. Teresa mit seinem ersten Schrei ein: Seine Mutter Donna Anna ist durch die Markgrafen von Avenia spanischer Herkunft; mindestens vier Teresas gibt es in der Familie: eine Tante, eine Schwester, eine Nichte und seine Cousine und „Verlobte“, die im Karmel vom Allerheiligsten Sakrament freudig dem Himmel entgegeneilt (30. Oktober 1724). Noch aber handelt es sich nur um eine oberflächliche Nachbarschaft.

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