Knick in der Optik

von antimodernist2014

Es ist nicht gerade einfach, im Leben immer objektiv zu sein, immer rein sachlich zu urteilen, also eine Sache genau so zu sehen, wie sie in Wirklichkeit auch ist und nicht so oder nur so, wie sie mir bloß scheint oder vielleicht sogar nur so, wie ich sie mir wünsche. Nur allzu leicht mischen sich unter die persönlichen, rationalen Urteile irrationale Vor-Urteile, die den eigenen Vor-Lieben entspringen und den nüchternen Blick des Geistes trüben. Man bekommt einen „Knick in der Optik“, wie es die Alltagssprache ausdrückt. In der Schule lernt man, ein ins Wasser gehaltener Stock erscheint nicht mehr gerade, sondern geknickt, weil Wasser und Luft unterschiedliche Dichten haben, weshalb das Licht an der Übergangsfläche „gebrochen“ wird. Der Stock erscheint deshalb, sobald man ihn ins Wasser hält, als wäre er abgeknickt, obwohl er ganz gerade ist. Ebenso kann es auch beim Urteil des Menschen geschehen, daß der Blick unseres Geistes einen Knick erhält, weil die eigenen Vorstellungen nicht mit der Wirklichkeit im Einklang stehen. Wenn jemand sodann nicht mehr bereit ist, sich von Sachgründen korrigieren zu lassen, hat er einen dauernden Knick in seiner geistigen Optik und wird zum Ideologen, d.h. er ist fortan gewohnt, sich alles gemäß seinem eigenen Vorurteil zurechtzubiegen.

Aufgrund des im amtskirchlichen Bereich überall herrschenden Modernismus und des Fehlens von lehramtlichen, also von sachlich korrigierenden, der Wahrheit entsprechenden, wiederherstellenden Urteilen, sind die Katholiken heute in der ständigen Gefahr, sich selbst, also ihre eigene, subjektive, beschränkte und darum oft ungenügende Einsicht zur letzten Richtschnur ihres Glaubens zu erheben. In dem Augenblick, in dem dies geschieht, degeneriert ihr Glaube zum Irrglauben. Mit anderen Worten: sie bekommen einen Knick in ihrer Glaubens-Optik. Wobei die wenigsten von ihnen dies noch wahrnehmen, weshalb sie nur allzu schnell unkorrigierbar werden und sich in ihrer Ideologie verhärten.

Das in Traditionskreisen recht verbreitete Blättchen „Mysterium Fidei“ greift in fast regelmäßigen Abständen das Thema der hl. Messe des hl. Pius V. auf und argumentiert gegen jene, die sich auf den Ritus von 1962 fixiert haben. Der Herausgeber von „Mysterium Fidei“, Herr Hans Suess, beruft sich in seiner Argumentation grundsätzlich auf die Bulle Quo Primum des hl. Pius V., in der dieser betont: „Überhaupt keinem Menschen also sei es erlaubt, dieses Blatt, auf dem Erlaubnis, Beschluß, Anordnung, Auftrag, Vorschrift, Bewilligung, Indult, Erklärung, Wille, Festsetzung und Verbot von Uns aufgezeichnet sind, zu verletzen oder ihm im unbesonnenem Wagnis zuwiderzuhandeln. Wenn aber jemand sich herausnehmen sollte, dies anzutasten, so soll er wissen, daß er den Zorn des Allmächtigen Gottes und Seiner Heiligen Apostel Petrus und Paulus auf sich ziehen wird.“

Da auch viele Anhänger der Piusbruderschaft das Blättchen von Herrn Suess beziehen, fühlte sich die FSSPX-Führung schon öfter genötigt, zu dem Thema Stellung zu nehmen. Wir beziehen uns im Folgenden vornehmlich auf den „Wochenbrief des Priesterseminars Herz Jesu“ vom 18. März 2011, in dem die geläufigsten, von dieser Seite meist vorgebrachten Argumente leicht überschaubar zusammengefaßt werden. Im Vorwort zu dem eigentlichen Text, der „im Wesentlichen dem Schweizer Rundbrief der Priesterbruderschaft vom Dezember 2003 entnommen“ ist, heißt es: „Eigentlich sollte man den Aussagen von Herrn Suess keine Bedeutung beimessen, zumal er sich ein theologisches und liturgiegeschichtliches Urteil anmaßt, das er ganz offensichtlich nicht besitzt. Aber durch sein ständiges Wiederholen (ohne dass er je theologische Argumente liefert!) stiftet er bei gewissen Gläubigen Unruhe und verunsichert sie.“ Gehen wir diesem Vor-Urteil einmal nach, indem wir die Argumente der FSSPX, die hier gegen Herrn Suess angeführt werden, überprüfen.

In einem ersten Punkt geht der Wochenbrief auf die „Möglichkeit einer liturgischen Entwicklung“ ein und zitiert sodann Pius XII. mit seiner Enzyklika „Mediator Dei“: „Die kirchliche Hierarchie hat jederzeit von ihrem Recht in liturgischen Dingen Gebrauch gemacht; sie hat den Gottesdienst eingeführt, geregelt und mit immer neuer Pracht und Würde zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Gläubigen bereichert. Sie hat auch kein Bedenken getragen – immer unter strenger Wahrung der wesentlichen Eigenart des eucharistischen Opfers und der Sakramente – zu ändern, was sie nicht für angebracht hielt; hinzuzufügen, was geeignet schien zur größeren Verherrlichung Jesu Christi und der Heiligsten Dreifaltigkeit, wie zur Belehrung und heilsamen Ansporn des christlichen Volkes.“

Pius XII. weist also darauf hin, daß die Kirche zu jeder Zeit das Recht und die Pflicht hat, den Gottesdienst – immer unter strenger Wahrung der wesentlichen Eigenart des eucharistischen Opfers und der Sakramente – zu regeln. Man muß wohl zugestehen, daß Herr Suess im Eifer des Gefechts in seiner Argumentation für das Meßbuch des hl. Pius V. und gegen das Meßbuch Johannes XXIII. den Bogen zuweilen überspannt und zu viel behauptet. Dennoch stellt sich uns die Frage, ob dementgegen die Darstellung der FSSPX die eigentliche Sache trifft, um die es hierbei geht? Kann der Papst ganz willkürlich die Liturgie ändern – solange er nicht das Wesen des Sakramentes antastet? So könnte man doch wohl die These der FSSPX formulieren. Um zu zeigen, um was es in der Frage nach dem 62er Ritus eigentlich geht, wollen wir dem von der FSSPX zitierten Text aus der Enzyklika Mediator Dei einen weiteren Text aus derselben Enzyklika entgegenstellen: „Denn wie kein vernünftiger Katholik in der Absicht, zu den alten, von den früheren Konzilien gebrauchten Formeln zurückzukehren, die Fassungen der christlichen Lehre ablehnen kann, welche die Kirche unter der Leitung des Hl. Geistes in der neueren Zeit mit reicher Frucht gegeben und als verbindlich erklärt hat; oder wie kein vernünftiger Katholik die geltenden Gesetze ablehnen kann, um zu den aus den ältesten Quellen des kanonischen Rechts geschöpften Bestimmungen zurückzugehen — so ist gleichermaßen, wenn es sich um die heilige Liturgie handelt, offensichtlich der von keinem weisen und gesunden Eifer getrieben, der zu den alten Riten und Bräuchen zurückkehren wollte und die neuen ablehnte, die doch unter dem Walten der göttlichen Vorsehung mit Rücksicht auf die veränderten Verhältnisse eingeführt worden sind. Diese Denk- und Handlungsweise läßt jene übertriebene und ungesunde Altertumssucht wiederaufleben, der die ungesetzliche Synode von Pistoja Auftrieb gegeben hat, und ebenso trachtet sie die vielfachen Irrungen wieder auf den Plan zu rufen, welche die Ursache zur Berufung jener Synode waren, aus ihr zum großen Schaden der Seelen sich ergaben, und welche die Kirche, die immer treue Hüterin des ihr von ihrem Stifter anvertrauten Glaubensgutes, mit vollem Recht verworfen hat. Denn solch verkehrtes Beginnen geht nur darauf aus, die heiligmachende Tätigkeit zu schmälern und zu schwächen, durch welche die Liturgie Gottes Gnadenkinder auf dem Wege des Heils dem himmlischen Vater zuführt.“

Wie unschwer zu erkennen ist, geht es hier genau um den gegenteiligen Sachverhalt. Die Modernisten hatten nämlich damit begonnen, die Liturgie in ihrem Sinne zu verändern, und sie rechtfertigten alle ihre Änderungen mit der Begründung, man wolle zum Ursprung zurückkehren – wobei nach den Modernisten der Ursprung immer besser sein soll als das, was später gefolgt ist, also als „katholischer“ erscheint. Dieses Argument nennt man Archäologismus, „jene übertriebene und ungesunde Altertumssucht“, wie Pius XII. sagt. Dieser Archäologismus leugnet letztlich die ständige Wirksamkeit des Heiligen Geistes in der Kirche, die dieser immerwährend lenkt – ja unfehlbar lenkt, wenn es sich wie hier um allgemeine liturgische Gesetze handelt.

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