Knick in der Optik

Wie ist das nun, ist die Reform von Johannes XXIII. im Lichte des ersten oder des zweiten Textes aus der Enzyklika Pius XII. zu beurteilen? Ging es Roncalli darum „zu ändern, was er nicht für angebracht hielt und hinzuzufügen, was geeignet schien zur größeren Verherrlichung Jesu Christi und der Heiligsten Dreifaltigkeit“, oder darum, „jene übertriebene und ungesunde Altertumssucht wiederaufleben“ zu lassen, „der die ungesetzliche Synode von Pistoja Auftrieb gegeben hat“? Offensichtlich ist die Sache durchaus nicht so einfach, wie es der Text des Wochenbriefes seinen Lesern vorgaukelt. Wenn man eine liturgische Veränderung recht beurteilen will, so muß man gut unterscheiden, welcher Geist dahinter steht. Es gilt auf den Zusammenhang zu achten, die Umstände zu erwägen und das Ziel dieser Änderung ins Auge zu fassen. Nur so kann man die Berechtigung einer liturgischen Änderung erkennen. In unserer konkreten Frage heißt das: Was geht dem Meßbuch von 1962 voraus und welche Absicht hatte Johannes XXIII., als er dieses Meßbuch einführte? Es sei hierzu auf den ausführlichen Artikel „Liturgische Metamorphose“ hingewiesen, in dem aufgezeigt wird, wie lange die Modernisten schon daran arbeiteten, den Ritus der hl. Messe abzuändern, und wie sie beharrlich versucht haben, Schritt für Schritt ihre Ziele zu erreichen.

Wenn also auch vielleicht Herr Hans Suess manchmal des Guten zu viel beweisen will, so ist doch sein grundlegendes Gespür, daß hier – also im Jahre 1962 – schon etwas nicht mehr stimmt und auch schon manch Unstimmiges geschehen ist, durchaus richtig. Es geht letztlich darum, was denn nun für einen katholischen Ritus unerläßlich gefordert ist und was nicht. Wann entspricht ein Ritus nicht mehr dem, was von Gott gewollt und gefordert wird? In der Beantwortung dieser Frage stottert die Logik der FSSPX-Ideologen erheblich. Einerseits zitieren sie das Kirchenrecht: „Die zuständige Behörde für den Erlass liturgischer Bestimmungen und die Gutheißung liturgischer Bücher ist einzig und allein der Apostolische Stuhl.“ Anderseits setzen sie sich über diesen Grundsatz sofort wieder hinweg, denn sie orientieren sich ja nicht an der zuständigen Behörde, nämlich ihrem Papst, sondern sie bestimmen willkürlich, daß für sie der Ritus von 1962 gilt und dieser allein der richtige Ritus ist. Wieso aber gerade der Ritus von 1962? Haben nicht alle vorhergehenden Bücher auch die Zustimmung des Heiligen Stuhles gehabt? Warum also den Ritus gerade im Jahre 1962 „einfrieren“, wie es ein Autor der Tagespost einmal recht glücklich und äußerst treffend formuliert hat? Das eigentliche Problem liegt doch wohl darin: Die Fixierung der FSSPX-Ideologen auf den 62er Ritus erfolgte durchaus nicht, wie in dem Text behauptet, aus theologischen Gründen, sondern allein aus pragmatischen Gründen und wohl letztlich vor allem aus kirchenpolitischen Rücksichten, ist also ihrerseits vollkommen willkürlich, wie auch Mgr. Lefebvre offen sagt und was man in dem Wochenbrief aus dem deutschen Seminar der FSSPX ebenfalls nachlesen kann: „Doch um der Konformität innerhalb der Bruderschaft willen beschlossen wir, uns den Ausgaben von 1962 und auch dem Kalender anzupassen, da wir die Vorteile als größer einschätzten als die Unzuträglichkeiten.“

Seit wann ist die „Konformität innerhalb der Bruderschaft“ ein theologischer Grund? Warum hat die FSSPX eigentlich nicht auch noch den 65er Ritus akzeptiert, der doch entsprechend der Argumentation derselben ebenfalls keine wesentliche Änderung gegenüber dem 62er Ritus darstellt? Etwa weil hier die Unzuträglichkeiten größer einzuschätzen waren als die Vorteile? Wie gesagt, wesentliche Bedenken kann es jedenfalls gegenüber dem 65er Ritus von Seiten der FSSPX ebenfalls nicht gegeben haben – schließlich wurde dieser sogar in den Anfangsjahren in Ecône noch gefeiert. Übersieht man das Ganze, dann erkennt man allmählich die Gefahr, daß man bei dieser Art der Argumentation anfängt, mit dem Begriff „wesentlich“ zu spielen, um sich damit in einen liturgischen Freiraum gegenüber dem immer noch als legitime Autorität anerkannten modernistischen Rom zu retten. Man blendet plötzlich aus, daß es immer das aktuelle, lebendige Lehramt sein muß, das den wahren, katholischen Ritus festlegt, und vergißt einfach, jede Wahl entgegen einem als legitim anerkannten Lehramt ist und bleibt immer willkürlich, ja unkatholisch. Hinzu kommt ein Weiteres: Warum sollte gerade der (vor-)letzte Ritus vor der Einführung von Montinis Neuer Messe noch der Richtige sein? Ist es nicht äußerst naiv zu glauben, die Modernisten hätten keine Vorarbeit geleistet? Ist es nicht völlig blauäugig zu behaupten, die Modenisten hätten die Neue Messe in keiner Weise vorbereitet – also gerade auch durch die vielen, schon unter Pius XII. begonnenen Reformen bis 1965 bzw. 1967? Ist denn die Neue Messe einfach vom Himmel gefallen? Gilt es deswegen nicht notwendiger Weise auch außerwesentliche Gründe zu beachten und solche ernst zu nehmen? Denn es ist doch schwer anzunehmen, daß die Modernisten sofort das Kind mit dem Bade ausschütteten.

Wie kann Mgr. Lefebvre allen Ernstes schreiben: „Denn wir halten mit Recht dafür, dass die Ordo Missae-Ausgabe von 1962 dem Ordo des hl. Pius V. und des hl. Pius X. vollkommen entspricht. Ein Aufstellen wesentlicher Unterschiede zwischen der Ausgabe von 1962 und den Ordos des hl. Pius V. und des hl. Pius X. bekundet eine formalistische und jansenistische Mentalität.“? Was heißt hier wesentlich? Und welche vernünftigen Gründe könnten den Vorwurf rechtfertigen, jemand, der wesentliche Unterschiede zwischen dem Ritus von 1962 und dem des hl. Pius V. aufstelle, bekunde damit „eine formalistische und jansenistische Mentalität“? Gilt das nicht viel eher für Lefebvre selbst?

Ja, wollte man diese Art Argumentation ernst nehmen, dann bräuchte der Priester immer nur die Wandlungsworte sprechen – nicht mehr, denn alles andere wäre ja nebensächlich und somit unwesentlich – und er hätte immer noch das Wesen der hl. Messe nicht verändert? Die hl. Kirche sagt uns jedoch, daß eine solcherart verstümmelte hl. Messe zu zelebrieren eine schwere Sünde wäre, weil das hl. Sakrament notwendigerweise einen Deuteritus braucht, also durch den Ritus theologisch interpretiert werden muß. Die hl. Messe ist keine Gnadenmaschine, die automatisch bestimmte Gnaden produziert. Wenn das Sakrament auch ex opere operato wirkt – also bei den Wandlungsworten das Wunder der Wandlung geschieht und das Opfer des Neuen Bundes vollzogen wird –, so heißt das nicht, daß nicht der ganze Ritus eine berechtigte Bedeutung hat und nicht ebenfalls notwendig wäre. Immerhin müssen selbst die FSSPX-Ideologen zugeben: „Wenn wir das Messbuch 1962 als katholisch betrachten und die Änderungen als unwesentlich bezeichnen, so wollen wir damit nicht sagen, dass wir über alles ganz glücklich sind. So kann man es z. B. bedauern, dass die Oktav von Fronleichnam nicht mehr gefeiert wird.“

Man meint, nun müsse doch die entscheidende Einsicht folgen, daß es auch eine Veränderung durch Unterlassung gibt, die durchaus auch schädlich zu nennen ist. Wollten doch die Modernisten den Ritus, wie schon kurz erwähnt, zunächst „nur“ vereinfachen, weil er damit angeblich den Ursprüngen näher kommen würde – und natürlich für die modernistische Deformation geeigneter wäre. Je einfacher der Ritus gestaltet ist, desto näher steht er schon dem Ziel, nämlich der Neuen Messe! Aber nein, keinerlei derartige Einsicht ist in Sicht, sondern: „Aber dies berechtigt uns noch lange nicht, diese Reform abzulehnen, sonst verfällt man unweigerlich einem Subjektivismus, der im Gegensatz steht zu einem wahrhaft kirchlichen Verhalten.“