Knick in der Optik

Wir wollen das Stichwort vom Subjektivismus aufgreifen und versuchen diesen Vorwurf etwas zu präzisieren, also aus dem rein Gefühlsmäßigen in eine rationale Ebene emporzuheben. Gehen wir deswegen auf eine andere Aussage des FSSPX-Textes ein, mit der man letztlich obige Aussage ergänzen muß, wird sie doch durch diese notwendig bedingt. Da heißt es: „Anders verhält es sich mit der Neuen Messe Pauls VI. von 1969. Diese lehnen wir ab, weil bei der ‚Reform‘ die hl. Messe wesentlich geändert, verstümmelt, ja sogar teilweise zerstört worden ist. Und zwar handelt es sich gar nicht um eine Reform, sondern im wesentlichen um eine Neuschöpfung, es ist tatsächlich eine Neue Messe, die wegen ihrer neuen Theologie und wegen ihres protestantischen Geistes eine Gefahr für den Glauben und folglich auch für das Seelenheil darstellt. Und deswegen müssen wir sie ganz entschieden ablehnen.“ Und weiter unten nochmals, etwas pointierter formuliert in einem Zitat von Mgr. Lefebvre: „Darum weisen wir die Neue Messe (Pauls VI.) zurück. Weil diese den Geist der Sühne und den Geist der Erlösung im Blute Christi nicht weiterführt. Dieser neue Ritus war als ein neuer gewollt. Paul VI. hat selbst gesagt: ,Wir geben den alten Ritus auf, um einen neuen zu machen.’ (Wegen dieser Neuheit) weisen wir den neuen Ritus zurück, da er den Geist der Sühne und Wiedergutmachung nicht hat und dem Geist des protestantischen Abendmahls nahe kommt. Die Neue Messe atmet den protestantischen Geist und wurde aus ökumenischen Überlegungen eingeführt. Sechs protestantische Theologen haben mitgearbeitet. Das wollen wir nicht. Wir wollen das katholische Opfer, das wesentlich ist für die Kirche.“

Nach diesen beiden Texten ist also die Neue Messe eine wesentliche „Neuschöpfung, die wegen ihrer neuen Theologie und wegen ihres protestantischen Geistes eine Gefahr für den Glauben und folglich auch für das Seelenheil darstellt“. Ja, sie ist kein „katholisches Opfer“, weshalb man sie ablehnen muß! Hierzu eine beileibe nicht unwichtige Frage: Woher wissen die FSSPX-Ideologen das denn so genau – und wie können sie so etwas behaupten, obwohl dieser Ritus doch von ihrem Papst für die ganze Kirche vorgeschrieben wurde und solch allgemeine liturgischen Gesetze unter die Unfehlbarkeit der Kirche fallen? Wie können sie die Neue Messe „eine Gefahr für den Glauben und folglich auch für das Seelenheil“ nennen und gleichzeitig die diesen Ritus für die ganze Weltkirche vorschreibende und diesen Ritus täglich zelebrierende römische Autorität als legitim anerkennen – ohne damit ihren katholischen Glauben zu verlieren, weil sie notwendiger Weise die Unfehlbarkeit der Kirche bei allgemeinen liturgischen Gesetzen leugnen und zugleich behaupten müssen, die heilige katholische Kirche könne einen Ritus haben, der „eine Gefahr für den Glauben und folglich auch für das Seelenheil darstellt“? Entspricht diese Behauptung nicht genau der auf der Synode von Pistoia vorgetragenen und von der Kirche verurteilten These, in der kirchlichen Disziplin müsse „das, was notwendig oder nützlich ist, um die Gläubigen im Geiste zu erhalten, von dem unterschieden werden, was unnütz oder lästiger ist, als es die Freiheit der Kinder des neuen Bundes erträgt, aber mehr noch von dem, was gefährlich oder schädlich ist, da es zum Aberglauben und Materialismus führt, insofern sie angesichts der Allgemeinheit ihrer Worte auch die von der Kirche festgesetzte und gebilligte Ordnung umfaßt und der eben beschriebenen Prüfung unterwirft, so als ob die Kirche, die durch den Geist Gottes geleitet wird, eine Ordnung festsetzen könnte, die nicht nur unnütz ist und lästiger, als es die christliche Freiheit erträgt, sondern sogar gefährlich, schädlich und in Aberglauben und Materialismus führend wäre, falsch, leichtfertig, Ärgernis erregend, verderblich, für fromme Ohren anstößig, gegenüber der Kirche und dem Geist Gottes, durch den sie geleitet wird, ungerecht, zumindest irrig“ (Pius VI. Bulle „Auctorem fidei” vom 28. August 1794. DS/DH 2678)?

Offensichtlich war Pius VI. noch der festen Überzeugung, daß die Kirche Gottes, die makellose Braut Jesu Christi durchaus keinen Ritus haben könne, der nicht nur „unnütz ist und lästiger, als es die christliche Freiheit erträgt, sondern sogar gefährlich, schädlich und in Aberglauben und Materialismus führend wäre“. Die FSSPX dagegen muß annehmen und lehren, die Neue Messe sei „eine Gefahr für den Glauben und folglich auch für das Seelenheil“, und der Papst, der diese Messe eingeführt und für die ganze Kirche vorgeschrieben hat, ist dennoch der legitime Papst. Auf die Folgen dieses Irrsinns, anders ist dieser Widerspruch kaum zu benennen, haben wir inzwischen schon öfters hingewiesen.

Es zeigt sich uns wieder einmal das grundlegende Vorgehen dieser Art von Traditionalisten: sie spielen gegenüber dem modernistischen Rom selbst Lehramt und konstruieren mehr und mehr ein Ersatzlehramt, dessen Urteile sie sodann blind übernehmen. Durch dieses inzwischen vollkommen eingefahrene Verhalten haben sie sich daran gewöhnt, ihr persönliches Urteil ganz selbstverständlich über das Urteil des römischen Lehramtes zu stellen, genauso wie die Gallikaner, Jansenisten und Altkatholiken. In dem Wochenbrief aus Zaitzkofen heißt es dem vollkommen entsprechend: „Auch wenn sich Erzbischof Marcel Lefebvre nie als ‚Führer der Traditionalisten‘ sah, so kommt doch seinem Urteil, seinem Weg und seinem Beispiel ein ganz besondere Bedeutung zu, und es ist gefährlich – wie wir ja schon so oft bei Mitbrüdern und Gläubigen feststellen mussten –, sich aus subjektiven und unlauteren Gründen in Fragen, die wirklich die Kirche, den Glauben und ihre Hierarchie betreffen, über das Urteil dieser bischöflichen Stimme sich glauben hinwegsetzen zu können.“ Charismatisches Lefebvrelehramt muß man das wohl nennen.

Noch eine wichtige Bemerkung zur Neuen Messe als Neuschöpfung und der Reform der Karwoche, die sich im 62er Missale findet. In dem Wochenbrief beginnt der Schreiber direkt zu schwärmen: „Die Liturgiefeiern der Karwoche (Gründonnerstag, Karfreitag und Osternacht) würden am Morgen stattfinden; die Osternachtliturgie würde am Karsamstagmorgen gefeiert. Dann hätten wir an diesen Tagen wieder leere Kirchen (‚ecclesiarum aulis saepe quasi desertis‘) wie vor der Reform von Pius XII. im Jahre 1955. Gerade um die Gläubigen wieder zur Mitfeier der Heilsmysterien anzuregen, hat der genannte Papst die Karwoche neu geordnet.“ Offensichtlich hat man sich im Priesterseminar der FSSPX noch niemals ernsthaft mit der Frage der Reform der Karwoche beschäftigt. Denn, „um die Gläubigen wieder zur Mitfeier der Heilsmysterien anzuregen“, wäre es in keiner Weise notwendig gewesen, die ganze Karwoche neu zu ordnen, sondern nur die Zeiten zu ändern. Dagegen wird jeder unbefangene Leser zugeben müssen, daß zumindest die Texte der Palmweihe und Palmprozession, die Liturgie des Karfreitags und des Karsamstags von Bugnini frei erfunden worden sind, also keinerlei Vorbild in der Tradition haben. Hierin gleichen diese Liturgien vollkommen der Neuen Messe! Ist nun eine solche Neuschöpfung keine wesentliche Veränderung, während sie es bei der Neuen Messe ist? Ja, kann man katholische Liturgie überhaupt am Schreibtisch neu erfinden? Es soll in diesem Zusammenhang nochmals auf den Artikel „Liturgische Metamorphose“ verwiesen werden, der sich bemüht, die ganze Tragweite dieser liturgischen Veränderungen chronologisch aufzuarbeiten.

Kommen wir noch auf ein Argument zu sprechen, das durchaus auf das Innerste der hl. Messe zielt, nämlich auf den Kanon der hl. Messe. Unter der Nummer 5 „Liturgische Änderungen bis zum Messbuch 1962“ steht: „1960 bis 1962: Der Name des hl. Josef wird in den Kanon eingefügt“. Diese Tatsache wird hier im Wochenbrief des Seminars der FSSPX einfach neben eine Reihe anderer Änderungen seit Pius V. gestellt, ohne irgendeine Bemerkung dazu zu machen! Man hätte immerhin darauf hinweisen können, daß es eine Änderung im Kanon der hl. Messe seit Pius V. niemals gegeben hat. Doch solche Bedenken übergeht man gelassen und weist als Alibi stattdessen gerne darauf hin, daß es bereits unter Pius IX. Bestrebungen gab, den hl. Josef in den Kanon aufzunehmen, und die Anhänger der FSSPX ziehen daraus den recht fromm klingenden Schluß: Der hl. Josef hat dort seinen Platz als Patron der Kirche sicher verdient.

Dieses Argument erweist sich jedoch, sobald man es als echtes Argument gebraucht und ganz einfach zuende argumentiert, als ein wahrer Bumerang. Es stimmt zwar durchaus, daß es bereits unter Pius IX. Bestrebungen gab, den hl. Josef in den Kanon aufzunehmen. Nun verschweigt aber offensichtlich die FSSPX das Entscheidende, nämlich, wie Pius IX. dieses Ansinnen beurteilt hat. Sie verschweigt das wohl deshalb, weil die Antwort des Papstes nicht entsprechend ihrer Ideologie ausfällt. Anstatt sich also zu sagen: „Das Urteil Pius IX., eines – in der FSSPX Diktion gesprochen – noch zweifellos katholischen Papstes, ist doch für mich eine echte, brauchbare und verbindliche Richtschnur, weil es noch ein wahres Urteil des Lehramtes der Kirche darstellt“, läßt man einfach nur die bloße Tatsache stehen – damals wollte man auch schon den hl. Josef in den Kanon aufnehmen – und suggeriert damit das Urteil: berechtigter Weise aufnehmen!

Nun, wie urteilte aber Pius IX. bezüglich dieses Ansinnens tatsächlich? Er sagte ganz einfach und definitiv „Nein!“ Und die Begründung ist genauso einfach und definitiv: Man ändert den Kanon, ein Jahrhunderte altes, bis auf die Apostel zurückgehendes liturgisches Gebet der Kirche nicht. Der hl. Josef hat also durchaus keinen Platz im Kanon der hl. Messe der katholischen Kirche!

Kommen wir allmählich zum Schluß unserer Erwägungen. In dem Wochenbrief aus dem Seminar der FSSPX klingt der Schluß so: „Lieben wir nicht nur die hl. Messe, sondern auch ihre ‚herrliche Fassung‘, wie sie die heilige Kirche uns heute gibt, geordnet, geschmückt, gereinigt, erneuert, geheiligt – die immer gleiche altehrwürdige Messe des römischen Ritus.“

Bei diesen Worten fällt einem nur eines ein: Das klingt zwar fromm, ist aber völlig absurd! Denn die „herrliche Fassung“, die uns die „heilige Kirche heute gibt“, muß doch wohl für die FSSPX zunächst die Neue Messe sein, wird doch diese täglich vom Papst ihrer Kirche als „ordentlicher Ritus“ gefeiert und dazu noch von fast allen Priestern der Konzilskirche auf der ganzen Welt, wohingegen die sog. tridentinische Liturgie von ihrem Papst nur als „außerordentlicher Ritus“ wieder zugelassen wurde, wobei dieser außerordentliche Ritus nur von denjenigen gelesen werden darf, die die Theologie des ordentlichen Ritus (Neue Messe) als Grundlage beider Riten anerkennen und infolgedessen natürlich auch bereit sind, die Neue Messe zu lesen. Und das nennt man dann „geordnet, geschmückt, gereinigt, erneuert, geheiligt – die immer gleiche altehrwürdige Messe des römischen Ritus“. Da kann man nur noch erstaunt feststellen: Knick in der Optik!