Zu richten die Lebenden und die Toten

von antimodernist2014

1. Am Ende der Zeiten steht, so wissen wir aus dem Glauben, das große Welt-Gericht. Wie wird das sein? Was werden wir dann tun? „Tagt der Rache Tag den Sünden, wird das Weltall sich entzünden, wie Sibyll und David künden. Welch ein Graus wird sein und Zagen, wenn der Richter kommt mit Fragen, streng zu prüfen alle Klagen. … Weh, was werd‘ ich Armer sagen, welchen Anwalt mir erfragen, wenn Gerechte selbst verzagen?“ Wir fragen nach beim heiligen Thomas von Aquin.

„Zum Amte eines Königs und Herrn gehört das Richten“, sagt uns der heilige Thomas. „Weil also Christus zum Himmel aufgefahren ist und zur Rechten Gottes sitzt, als Herr über alles, kommt es Ihm offenbar zu, Gericht zu halten. Deshalb bekennen wir im katholischen Glaubensbekenntnis, daß ‚Er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten.’“ Dreierlei ist nun bei diesem Gericht in Betracht zu ziehen: „seine Form, seine Furchtbarkeit und unsere Vorbereitung darauf“.

2. Zunächst also zur Form des Gerichtes, und hier sind drei Dinge zu beachten: „wer der Richter ist, wer die zu Richtenden sind und worüber das Gericht geht“. Der Richter ist, wie wir wissen, Unser Herr Jesus Christus. In der Apostelgeschichte heißt es: „Er ist von Gott eingesetzt worden zum Richter der Lebendigen und der Toten“ (Apg 10,42). Dabei können unter den „Toten“ die Sünder verstanden werden und unter den „Lebendigen“ die Gerechten, es können aber auch buchstäblich die Lebendigen diejenigen bezeichnen, die dann noch am Leben sein werden, und die Toten die Verstorbenen, die ebenfalls zum Gericht erscheinen werden.

Richter ist Unser Herr Jesus Christus „aber nicht nur als Gott, sondern auch als Mensch, und zwar aus drei Gründen“: Erstens, weil es notwendig ist, „daß die zu Richtenden den Richter sehen“. Da die Gottheit so beseligend ist, daß „niemand sie schauen kann, ohne beseligt zu werden“, darf kein Verdammter sie schauen, „weil er sonst beseligt würde“. „Es ist darum notwendig, daß Er in Menschengestalt erscheine, um von allen gesehen werden zu können.“ „Der Vater hat Ihm Vollmacht gegeben, Gericht zu halten, weil Er des Menschen Sohn ist“, schreibt der heilige Johannes (Joh 5,27). Zweitens ist der Heiland als Mensch Richter, weil „Er dieses Amt als Mensch verdiente“. „Er wurde nämlich als Mensch ungerecht verurteilt, und deshalb hat Gott Ihn zum Richtger der ganzen Welt gemacht.“ „Deine Sache ist wie die eines Ungerechten verurteilt worden, darum wirst du das Gericht erhalten“, heißt es bei Job (Job 36,17). Drittens wird Christus deshalb als Mensch Richter sein, damit „nicht alle verzweifeln; wenn nämlich nur Gott ihr Richter wäre, würden die Menschen vor Schreck verzweifeln“.

Und wer wird nun gerichtet? „Gerichtet werden alle Menschen, die jemals sind, waren und sein werden“, wie der heilige Paulus sagt: „Wir müssen alle vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit ein jeder ernte, was er in seinem irdischen Leben getan hat, Gutes oder Böses“ (2 Kor 5,10). Dabei ist jedoch „unter den zu Richtenden, die teils Gute, teils Böse sind, … , wie der heilige Gregor sagt, viererlei zu unterscheiden“. Von den Bösen wird „ein Teil verurteilt, aber nicht gerichtet, nämlich die Ungläubigen, deren Taten nicht untersucht werden, weil ‚wer nicht glaubt, schon gerichtet ist‘ (Joh 3,18)“. Ein anderer Teil der Bösen „wird aber verurteilt und gerichtet, nämlich die Gläubigen, die mit der Todsünde behaftet gestorben sind“, denn nicht grundlos schreibt der heilige Paulus: „Der Sold der Sünde ist der Tod“ (Röm 6,23). „Wegen ihres Glaubens werden sie nicht vom Gericht ausgeschlossen.“

Von den Guten wiederum „wird ein Teil gerettet und nicht gerichtet, nämlich die um Gottes willen arm waren im Geiste“. Diese „werden vielmehr die anderen richten“, wie der Heiland sagt: „Ihr, die ihr Mir nachgefolgt seid, werdet bei der Welterneuerung, wenn der Menschensohn auf dem Throne Seiner Herrlichkeit sitzen wird, auch selbst auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten“ (Mt 19,28). „Das ist nicht nur von den Jüngern zu verstehen, sondern überhaupt von allen Armen [im Geiste]“, erklärt uns der heilige Thomas dazu, „denn sonst würde Paulus, der mehr als die anderen gearbeitet hat, nicht zu ihnen zählen“. „Es gilt dies auch von allen Nachfolgern der Apostel und apostolischen Männern.“

Wiederum ein Teil aber wird „gerichtet und gerettet, nämlich diejenigen, die in Gerechtigkeit sterben“. „Obwohl sie in Gerechtigkeit abgeschieden sind, haben sie doch in ihren irdischen Geschäften manche Fehler begangen, und deshalb werden sie gerichtet, aber gerettet. Gerichtet werden sie über alle ihre guten und bösen Taten, denn es heißt: ‚Folge den Neigungen deines Herzens, aber wisse, daß dich Gott über all das vor Gericht führen wird‘ (Prd 11,10).“ Der Heiland mahnt uns daher sehr eindringlich: „Ich sage euch, über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie Rechenschaft geben müssen am Tage des Gerichtes“ (Mt 12,36).

3. Wir kommen somit zur Furchtbarkeit des Gerichtes. Zu fürchten ist es nach dem Aquinaten „aus vier Gründen“, nämlich erstens wegen „der Weisheit des Richters“. „Denn Er weiß alles: unsere Gedanken, Worte und Handlungen, weil ‚vor Seinen Augen alles nackt und offenbar ist‘ (Hebr 4,13).“ Wie es in der Sequenz des „Requiem“ heißt: „Und ein Buch wird aufgeschlagen, treu darin ist eingetragen, alle Schuld aus Erdentagen.“ Der heilige Thomas: „Als unfehlbare Zeugen werden dort sein die Gewissen der Menschen: ‚am Tage, wo Gott durch Jesus Christus das Verborgene der Menschen richtet, wird ihr Gewissen Zeugnis geben und die Gedanken sich untereinander anklagen oder lossprechen‘ (Röm 2,15f).“ „Sitzt der Richter dann zu richten, wird sich das Verborgne lichten, nichts kann vor der Strafe flüchten.“

Zweitens ist das Gericht furchtbar wegen „der Macht des Richters, der allmächtig ist in sich und ebenso auch den anderen gegenüber, weil alle Geschöpfe Ihm untertan sind“. „König schrecklicher Gewalten, frei ist Deiner Gnade Schalten, Gnadenquell, laß Gnade walten!“ Ein dritter Grund zur Furcht liegt in der „unbeugsamen Gerechtigkeit des Richters“. „Denn jetzt ist die Zeit der Barmherzigkeit, dann aber ist nur mehr die Zeit der Gerechtigkeit. Deshalb ist jetzt unsere Zeit, dann aber wird nur noch die Zeit Gottes sein.“ „Wenn Ich die Zeit an Mich nehme, werde Ich in Gerechtigkeit richten“ (Ps 74,3). „Richter Du gerechter Rache, Nachsicht üb in meiner Sache, eh‘ ich zum Gericht erwache.“

Viertens endlich ist das Gericht zu fürchten wegen „des Zorns des Richters“. „Anders wird Er den Gerechten erscheinen, nämlich milde und beglückend; anders den Bösen, nämlich zornig und furchtbar, so daß sie zu den Bergen sagen: ‚Fallet über uns, und bedecket uns vor dem Zorn des Lammes‘ (Off 6,16). Dieser Zorn bedeutet in Gott aber nicht eine Aufregung des Gemüts, sondern nur die Wirkung des Zornes, nämlich die über die Sünder verhängte Strafe, die ewig ist.“ Darum kann der Heiland zu Seinen Jüngern sagen: „Die Menschen werden verschmachten vor Furcht und vor Erwartung dessen, was über den Erdkreis hereinbrechen wird; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Dann werden sie den Menschensohn kommen sehen auf einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit. Wenn aber dies zu geschehen anfängt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter, denn es naht eure Erlösung“ (Lk 21,26-28).

4. Wie aber können wir uns nun auf dieses Gericht vorbereiten, welche Mittel können wir gegen die Furcht gebrauchen? Der heilige Thomas nennt uns „vier Heilmittel“. Das erste davon ist: „Gutes tun“. „Willst du des Richters Gewalt nicht fürchten, so tue Gutes, und du wirst von Ihm Lob erhalten!“ (Röm 13,3). Das zweite Heilmittel besteht in „Bekenntnis und Buße der begangenen Sünden, und zwar mit Reueschmerz in der Erkenntnis, Zerknirschung in der Anklage und Bitterkeit in der Genugtuung. Dies befreit von der ewigen Strafe.“ „Bekennen wir unsere Sünden, so ist Er treu und gerecht, daß Er uns die Sünden erlasse und uns rein mache von allem Unrecht“ (1 Joh 1,9). Das dritte Heilmittel ist „Almosen, das von allem reinigt“. Wie der Heiland sagt: „Macht euch Freunde mittels des ungerechten Reichtums, damit, wenn es mit euch zu Ende geht, sie euch in die ewigen Wohnungen aufnehmen“ (Lk 16,9). „Denn Almosen rettet vom Tod und reinigt von jeder Sünde; wer Barmherzigkeit übt und Gutes tut, wird mit Leben erfüllt werden“, offenbart der heilige Erzengel Raphael (Tob 12,9). Das vierte Heilmittel schließlich ist die „Liebe, und zwar die Liebe zu Gott und dem Nächsten, ‚denn die Liebe deckt die Menge der Sünden zu‘ (1 Petr 4,8)“.

5. Als fünftes Mittel dürfen wir hinzufügen eine tiefe Liebe und Andacht zur allerseligsten Jungfrau Maria, denn „servus Mariae nunquam peribit“, ein Diener Mariens geht niemals zugrunde, erst recht nicht ein Kind Mariens. Es fehlt daher nicht an Andachtsformen, die uns den besonderen Schutz der Himmelkönigin verheißen, so das Beten des Rosenkranzes, das Tragen des Skapuliers Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, oder das Halten der fünf Herz-Mariä-Sühnesamstage nach dem Wunsch Unserer Lieben Frau von Fatima. „So glaub‘ ich und lebe und sterbe darauf, Maria hilft mir in den Himmel hinauf.“ Amen.