Vierzig Jahre Lefebvrismus

von antimodernist2014

Der vierzigste Jahrestag eines denkwürdigen Ereignisses förderte eine erfreuliche Harmonie der verschiedenen „traditionalistischen“ Strömungen zutage. In ungewohnter Einmütigkeit gedachten sowohl die offizielle „Piusbruderschaft“ als auch ihre Dissidenten von links bis rechts der berühmten Erklärung von Erzbischof Lefebvre vom 21. November 1974. Sie fand sich nicht nur auf sämtlichen „Pius“-Webseiten, vom Generalhaus über „DICI“ bis zu den Distrikten, sondern auch auf denen des „Widerstands“ wie der „USML – Union Sacerdotale Marcel Lefebvre“ oder der „Initiative St. Marcel“, sie wurde von Abbé Aulagnier vom „konziliar“ geeinigten „IBP – Institut du Bon Pasteur, Institut vom Guten Hirten“ ebenso zitiert wie von „Widerstands“-Bischof Williamson in seinem „Eleison“-Kommentar. Womit zum einen erwiesen wäre, daß es sich bei ihnen allen, ihren Streitereien und Divergenzen zum Trotz, um eingefleischte Lefebvristen handelt, zum anderen, daß der Lefebvrismus ein in sich widersprüchliches und ganz und gar uneinheitliches System ist.

Eine Analyse des Lefebvrismus

Ein gewisser „Petrus“ auf dem französischsprachigen „Forum catholique“ bemerkt dazu: „Auf den ersten Blick könnte man erstaunt sein: Wie kann es sein, daß feindliche Brüder, die eine diametral entgegengesetzte Sichtweise haben über das Prinzip eines Abkommens mit dem ‚modernistischen Rom‘, mit gleichem Enthusiasmus und schöner Einmütigkeit die Erklärung vom 21. November 1974 für sich beanspruchen? Die Antwort ist einfach: Es kommt daher, daß man in dieser Erklärung, dem Gründungsakt des Lefebvrismus, die ganze fundamentale Inkohärenz der lefebvristischen Bewegung und Denkweise zusammengefaßt und konzentriert findet. In diesem Dokument erkennt Mgr. Lefebvre in Paul VI. und seiner Umgebung im Vatikan gleichzeitig das modernistische Rom (welchem man ungehorsam sein muß) und das ewige Rom (dem man treu sein muß). Man kann in der Tat die Erklärung nicht anders auffassen, denn diejenigen, die dachten und sagten, daß das modernistische Rom in keiner Weise das ewige Rom und daher illegitim, häretisch, apostatisch und ohne jede Autorität sei, wurden systematisch aus der FSSPX gejagt. Das gilt bis heute, denn alle Priester oder Seminaristen auszuschließen, die vom Sedisvakantismus überzeugt sind, wurde schnell ein Nationalsport (oder sogar ein internationaler) im Schoß genannter Bruderschaft.“

Er fährt in seiner Analyse fort: „Im übrigen erkennt in dieser Erklärung, die oberflächliche und falsche Geister für großartig halten, während sie theologisch nichtig und absurd ist, ganz nach dem Bild ihres Autors, Mr. Lefebvre öffentlich die Autorität Pauls VI. an, den er als ‚Heiligen Vater‘, ‚Obersten Pontifex‘ und ‚Nachfolger Petri‘ bezeichnet. Drei mal anerkennt in dieser Erklärung der Gründer der FSSPX öffentlich in Montini den Vikar Christi. Hut ab! Noch schlimmer (wenn man das sagen kann), in diesem Text führt Mgr. Lefebvre das Prinzip der protestantischen ‚freien Forschung‘ ein, das darin besteht, in den Aussagen und Akten desjenigen, den er als Nachfolger Petri anerkennt, zu sieben: ‚wenn ein gewisser Widerspruch sich zeigt in seinen Worten und Handlungen (denen Pauls VI., der von ihm als Papst anerkannt wird) sowie in den Akten der Dikasterien, so wählen wir das, was immer gelehrt worden ist und stellen uns taub gegenüber den Neuheiten, welche die Kirche zerstören.‘ Anders ausgedrückt, Mgr. Lefebvre macht sich zum Parallel-Lehramt bei gleichzeitiger voller Anerkennung der Autorität Pauls VI. Ihm obliegt fortan die Aufgabe, zu sieben (im Namen welcher Autorität? mit welcher Unfehlbarkeit? mit welcher Legitimität?), was in den Worten und Handlungen desjenigen, den er als Stellvertreter Christi anerkennt, katholisch ist, was annehmbar ist, was mit der Tradition übereinstimmt und was nicht. Es handelt sich hier um einen exorbitanten Anspruch, denn wer ist der unfehlbare Garant der Tradition wenn nicht das Lehramt, wenn nicht der Papst, welcher, wir erinnern uns, die lebende und nächste Regel des Glaubens ist. Es steht dem Papst zu, mit Autorität zu sagen, was mit der Tradition übereinstimmt und was nicht, was katholisch ist und was nicht. Wenn man anders denkt und handelt, ist man nicht mehr katholisch. Wo der Papst, da die Kirche.“

„Man sieht also, daß der Lefebvrismus sich selbst für die eigentliche Grundlage der Kirche hält und den Akt des Glaubens verfälscht. Denn wenn wir die Glaubenswahrheiten (das Objekt der Offenbarung) im Glauben festhalten, so tun wir es, weil Gott sie geoffenbart hat (der Urheber der Offenbarung) und weil die Kirche sie uns lehrt (Regel des Glaubens). Daher genießt die Kirche Unfehlbarkeit in der Lehre. Sich die lefebvristische Denkweise zu eigen zu machen, heißt nichts weniger als den Fels angreifen, auf dem die Kirche ruht. In der Tat müssen die Traditionalisten Relativisten sein und völliges Desinteresse an Lehrfragen haben, um unablässig in ihrem Mund den heiligen Marcel hier und den heiligen Marcel dort zu tragen.“ Tatsächlich schmücken sich die Lefebvristen von links bis rechts gerne mit diesem Namen.

„Petrus“ weiter: „Wir haben es schon oft geschrieben: Monseigneur Lefebvre, das ist wie der Bazar im Hôtel de Ville in Paris: Man findet dort alles … und sein Gegenteil! Das ist der Grund, warum man sich in den gegenwärtigen Spaltungen der FSSPX und der befreundeten Gemeinschaften auf widersprüchliche, aber vollkommen authentische Erklärungen von Mgr. Lefebvre stürzt, um seine Position zu rechtfertigen. Ein jeder plustert sich zum authentischen Jünger des verstorbenen Gründers der FSSPX auf, zum Wächter des lefebvristischen Tempelordens, ohne sich je die Frage zu stellen, ob nicht diese Bruderzwiste ihren Ursprung gerade in den Zusammenhanglosigkeiten, Zaudereien und, sagen wir es ruhig, der Zwiegesichtigkeit Mgr. Lefebvres haben, von dem man zumindest sagen kann, daß er nicht gerade ein Modell der Beständigkeit war. Im April 2012 haben sich die Bischöfe der FSSPX einander nicht eben sehr liebenswürdig mit gestrengen Briefen beschickt, voll sich widersprechender, aber authentischer Zitate von Mgr. Lefebvre. Die Abkommens-Befürworter führen zahlreiche Erklärungen und Stellungnahmen des Gründers von Ecône an, die für ein Abkommen mit den Besetzern des Vatikan sprechen, die Abkommens-Gegner stellen die ebenso zahlreichen Erklärungen desselben Mgr. Lefebvre gegen ein Abkommen heraus. Aber alle bleiben unbedingte Lefebvristen, ohne sich irgendwelche Fragen zu stellen. Das ist seltsam!“

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