Papst und Antichrist

von antimodernist2014

1. Der englische Kardinal Henry Edward Manning (1808 bis 1892) war zunächst anglikanischer Pastor, ehe er 1851 zum katholischen Glauben konvertierte und zum Priester geweiht wurde. 1865 erfolgte seine Ernennung zum Erzbischof von Westminster, und 1875 erhielt er den Kardinalshut. Bereits 1863 hatte der als „Ultramontanist“ und glühender Verfechter der päpstlichen Unfehlbarkeit bekannte Manning ein Büchlein geschrieben: „The Present Crisis of the Holy See – Die gegenwärtige Krise des Heiligen Stuhls“, in welcher er die damaligen Geschehnisse im Lichte der Offenbarung deutete. Die hier genannte Krise um den Heiligen Stuhl bestand in den sich verstärkenden und häufenden Angriffen des Liberalismus gegen die Kirche und namentlich den Papst. Die Revolution von 1848 hatte auch auf Italien übergegriffen und Papst Pius IX. zur Flucht gezwungen. Nachdem die erste liberale und revolutionäre „Römische Republik“ von französischen und spanischen Truppen niedergeschlagen worden war, konnte er 1850 nach Rom zurückkehren, mußte jedoch, als er die französischen Schutztruppen wegen des deutsch-französischen Krieges 1870 verloren hatte, zusehen, wie revolutionäre italienische Truppen Rom besetzten und den Kirchenstaat auflösten. Er zog sich als „Gefangener im Vatikan“ dorthin zurück und verbot allen italienischen Katholiken die Teilnahme an den Wahlen zur liberalen Republik.

Besonderen Angriffen war der Papst ausgesetzt wegen seiner Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis 1854, seiner Verurteilung der liberalen Irrtümer mit „Quanta Cura“ und dem „Syllabus errorum“ im Jahr 1864, sowie insbesondere der Erklärung des Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes auf dem (I. und einzigen) Vatikanischen Konzil 1870. Es war dies wahrhaft der Kampf zwischen der „Frau“ und dem sie verfolgenden „Drachen“, wie er uns in der Offenbarung des heiligen Johannes beschrieben wird. Darüber also handelt das Büchlein von Manning und zeigt sich daher erstaunlich aktuell, denn wir stehen heute nach wie vor in diesem Kampf, auch wenn er bereits weit fortgeschritten ist und die Krise um den Heiligen Stuhl heute ein ganz anderes, noch viel apokalyptischeres Gesicht bekommen hat.

2. Die Absicht Mannings, so schreibt er in seinem ersten Kapitel, ist es, die gegenwärtige Beziehung der Kirche zu den zivilen Mächten der Welt im Licht der Prophetie des hl. Paulus zu beschreiben und einige praktische Konsequenzen zu ziehen für diejenigen, deren Augen nicht blind sind für das Walten der Vorsehung unter den zeitgeschichtlichen Umständen. Was er nicht vorhat, ist eine Auslegung der Apokalypse oder die Vorhersage des Weltendes; dies überläßt er lieber berufeneren Personen. Jedoch will er uns einen klareren Blick vermitteln, welche Prinzipien christlich und welche antichristlich sind, und eine bessere Wahrnehmung der Ereignisse, denen die Kirche und der Heilige Stuhl in diesen Zeiten ausgesetzt sind.

Er zitiert zunächst den heiligen Paulus in dessen Brief an die Thessalonicher: „Niemand führe euch irre auf irgendeine Weise. Denn zuvor muß der Abfall kommen und offenbar werden der Mensch der Gesetzlosigkeit, der Sohn des Verderbens, der Widersacher, der sich über alles erhebt, was Gott heißt oder Gottesverehrung, so daß er sich in das Haus Gottes setzt und von sich erklärt, daß er Gott sei. Erinnert ihr euch nicht, daß ich dies euch sagte, da ich noch bei euch war? Und nun? Ihr wißt, was im Wege steht, daß er offenbar werde zu seiner Zeit. Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon am Werk; nur muß der im Wege Stehende noch weggeräumt werden, und dann wird sich der Gesetzlose offenbaren, den der Herr Jesus hinwegnehmen wird mit dem Hauch seines Mundes und vernichten wird mit dem Aufleuchten Seines Kommens. Sein Auftreten zeigt sich entsprechend der Kraftentfaltung des Satans in jeder Art von Macht, trügerischen Zeichen und Wundern, in jeder Art böser Verführung für jene, die verlorengehen, weil sie der Liebe zur Wahrheit nicht Einlaß gaben, um gerettet zu werden. Daher schickt ihnen Gott die Kraftentfaltung der Verführung, damit sie der Lüge glauben, damit alle das Gericht erfahren, die der Wahrheit nicht glaubten, sondern Gefallen hatten am Frevel“ (2 Thess 2,3-12).

3. Manning sieht hier vier große Gegebenheiten: erstens den Abfall (engl. revolt), welcher der Zweiten Ankunft Christi vorausgeht, zweitens das Offenbarwerden dessen, der der „Gesetzlose“ genannt wird (engl. the wicked one), drittens ein Hindernis, welches diesem Offenbarwerden entgegensteht, und viertens eine Periode von Gewalt und Verfolgung, deren Urheber der „Gesetzlose“ sein wird. Diese vier Punkte will Manning nun anhand der Schriften der Kirchenväter sowie der Theologen wie Bellarmin, Lessius, Malvenda, Viegas, Suarez, Ribera etc. beleuchten.

Was ist zunächst mit dem Abfall, englisch „revolt – Aufstand“, im Griechischen „apostasia – Apostasie“, im Lateinischen „discessio – Abschied“ genannt? Eine Revolte impliziert eine aufständische Trennung von einer Autorität und eine Opposition gegen diese. Doch um welche Autorität geht es? Es gibt in dieser Welt zwei letzte Autoritäten, die bürgerliche und die geistliche, und die genannte Revolte ist entweder ein Aufstand oder ein Schisma, und sie muß eine weltweite Dimension haben. In unserem Fall muß es sich um eine geistige Revolte handeln, weshalb auch der heilige Paulus immer vor Apostasie und Glaubensabfall warnt. Somit ist die Autorität, gegen welche sich der Aufstand richtet, das Reich Gottes auf Erden, letztlich die Kirche.

Der Aufstand gegen die Kirche aber trägt drei Kennzeichen: Erstens das Schisma, nach dem heiligen Johannes, welcher schreibt: „Kindlein, es ist die letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, daß der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen erstanden; daran erkennen wir, daß es die letzte Stunde ist. Von uns gingen sie aus, doch sie waren nicht von uns. Wären sie nämlich von uns gewesen, wären sie bei uns geblieben, doch sollte offenbar werden, daß nicht alle von uns sind“ (1 Joh 2,18f). Das zweite Kennzeichen ist das Zurückweisen des Amtes und der Gegenwart des Heiligen Geistes, weshalb der heilige Judas Thaddäus in seinem Brief von sinnlichen Menschen spricht, welche den Geist nicht haben. Dies umfaßt notwendigerweise das häretische Prinzip, wonach die menschliche Meinung dem göttlichen Glauben entgegengesetzt wird, der private Geist der unfehlbaren Stimme des Heiligen Geistes, welcher durch die Kirche Gottes spricht. Als drittes Kennzeichen kommt hinzu die Leugnung der Menschwerdung, der Inkarnation, nach dem heiligen Johannes: „Jeder Geist, welcher bekennt, daß Jesus Christus im Fleische gekommen ist, ist aus Gott, und jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, ist nicht aus Gott. Und das ist der Geist des Antichristen, von dem ihr gehört habt, daß er kommt; und nun ist er schon in der Welt“ (1 Joh 4,2f).

An diesen drei Kennzeichen also kann die antichristliche Revolte, der „Abfall“, erkannt werden. Diese aber ist, wie der heilige Paulus, der heilige Petrus und der heilige Johannes bezeugen, bereits zu ihrer Zeit am Werk (vgl. 2 Thess 2,7; 1 Joh 2,18 u.a.). Der Geist des Antichristen ist als Geist der Häresie also schon zur Zeit der Apostel tätig, namentlich in der Gnosis und der Häresie der Nikolaiten. Bereits in ihnen zeigten sich die drei Kennzeichen Schisma, Häresie und Leugnung der Inkarnation. Ebenso lassen sich diese zeigen im Sabellianismus, Arianismus, Semiarianismus, Monophysitismus, Monotheletismus, Eutychianismus und der Macedonischen Häresie. Ihre Prinzipien sind die gleichen, wenn auch die Entwicklung verschieden ist, jedoch unwesentlich verschieden. Und so ging es weiter durch alle Jahrhunderte. Stets führte Häresie ins Schisma und Schisma in die Häresie. Stets wurde die durch die Kirche sprechende göttliche Stimme des Heiligen Geistes zurückgewiesen, man ersetzte den göttlichen Glauben durch menschliche Meinung und gelangte zur Leugnung der Menschwerdung des Ewigen Sohnes. Jede Zeit hat ihre eigene Häresie, wie denn auch jeder Glaubensartikel zu ihrer Zurückweisung seine Definition erhielt. Der Lauf der Häresie ist periodisch, materiell verschieden, aber formell ein und derselbe in Prinzip und Aktion, sodaß alle Häresien von Anfang an nicht mehr sind als eine kontinuierliche Entwicklung und Entfaltung des „Geheimnisses der Bosheit“, welches schon am Werk ist.

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