Papst und Antichrist

Ein anderes Phänomen in der Geschichte der Häresie ist ihre Fähigkeit, sich zu organisieren und dauerhaft zu etablieren, zumindest bis sie sich in eine subtilere und aggressivere Form auflöst, so etwa der Arianismus, welcher der katholischen Kirche in Konstantinopel, der Lombardei und Spanien zusetzte, der Donatismus, der die Kirche in Afrika bedrängte, der Nestorianismus, der die Kirche in Asien dezimierte, der Mohammedanismus, der die meisten seiner Vorläufer bestrafte und absorbierte und im Osten und Süden die furchtbarste antichristliche Militärmacht ins Leben rief, die die Welt je gesehen hat, sowie der Protestantismus, der sich zu einem weitverbreiteten politischen Antagonisten des Heiligen Stuhls gemausert hat, nicht nur im Norden, sondern mit Hilfe seiner Höflichkeit und Diplomatie auch in katholischen Ländern.

Zu dieser Kraft der Ausdehnung kommt noch eine morbide und höchst verderbliche Kraft der Reproduktion. Jede Häresie hat eine Unzahl untergeordneter und angegliederter Häresien hervorgebracht. Insbesondere der Protestantismus ist hier zu nennen, der von Luther über Calvin und Cranmer bis hin zum Rationalismus und Pantheismus englischer und deutscher Prägung der allgegenwärtige und gefährlichste Gegner der Christenheit wurde und, so Manning, noch nicht am Ende ist, sondern noch weitere und schlimmere Dinge hervorbringen wird. Wir können dem heute nur recht geben, denn auch der Modernismus ist schließlich dieser Brutstätte entwachsen.

Die Häresie bediente sich bei ihrem Kampf gegen die Kirche zweier Hebel, deren einer die Hervorhebung und Verherrlichung des Nationalprinzips ist, das stets in Verbindung mit der Häresie gefunden wurde. Die Kirche sammelte alle Nationen in ihre übernatürliche Einheit. Eine einzige Quelle geistlicher Jurisdiktion und eine einzige göttliche Stimme hielt die ganze Familie der Nationen zusammen. Jede Häresie hingegen identifizierte sich früher oder später mit der Nation, in der sie entstand, wurde von den bürgerlichen Machthabern gefördert und zielte auf nationale Unabhängigkeit. Unnötig zu erwähnen, daß dieser Nationalismus wesentlich schismatisch ist, wie sich nicht nur im Anglikanismus zeigt, sondern auch etwa im Gallikanismus etc. Im Individuum löst die Häresie die Einheit der Inkarnation auf, in der Nation löst sie die Einheit der Kirche auf, die auf der Inkarnation gründet. Der andere Hebel ist die Vergottung der Menschheit. Diese sieht Manning gegeben im Pantheismus eines Schelling oder Hegel und in der „Religion des Positivismus“ eines Auguste Comte.

4. Wir fassen zusammen: Vor dem Auftreten des Antichristen kommt es zu einer Revolte oder einem Abfall, der sich gegen die Kirche Gottes richtet und die drei Noten des Schisma, der Häresie und der Leugnung der Inkarnation trägt. Diese antichristliche Bewegung ist bereits seit den Tagen der Apostel am Werk, hat sich seither in vielfältigen, bisweilen fast widersprüchlichen, Formen und zu verschiedenen Zeiten gezeigt, war jedoch stets ein und dieselbe in ihren Prinzipien und ihrem Gegensatz zur Menschwerdung und zur Kirche. Diese Bewegung nahm von Jahrhundert zu Jahrhundert zu an Kraft und Stärke und hat gegenwärtig eine größere Macht und formellen Antagonismus zur Kirche als je zuvor. Sie heftete sich an den Stolz der Regierungen durch den Nationalismus, an die Individuen durch die Philosophie und eroberte unter den Formen des Protestantismus, der Zivilisation und des Säkularismus weite Teile Europas und der übrigen Welt. So stehen sich Katholiken und Anti-Katholiken, Christen und Anti-Christen gegenüber, und dies erklärt auch die Vorgänge, welche sich zur Zeit Mannings ereigneten, den Aufstand Europas gegen den Heiligen Stuhl, die Revolutionen.

(Doch müssen wir heute nicht auch die „Bewegung der Tradition“ in gewisser Weise zur antichristlichen Bewegung rechnen? Scheint sie nicht schismatisch mit ihren eigenen „außerordentlichen ersetzenden Autoritäten der Rechtsprechung“, die nicht die Autoritäten der Kirche sind, ist sie nicht eigentlich häretisch, indem sie das kirchliche Lehramt durch die eigene Bewertung dessen ersetzt, was sie für „Tradition“ hält, und löst sie nicht die Inkarnation auf, indem sie die heilige Braut Christi, die Kirche, ihrer Heiligkeit und Unfehlbarkeit und somit ihrer Göttlichkeit beraubt?)

5. Im zweiten Kapitel geht es nun um den „Gesetzlosen“. Die ganze antichristliche Bewegung all der Jahrhunderte zielt auf denjenigen hin, der als ihr Führer und Haupt am Ende auftreten wird. Dieser ist der Antichrist, welcher, wie Manning unter Hinweis auf viele Kirchenväter dartut, eine individuelle Person sein wird. Ebenfalls aufgrund der Aussagen der Kirchenväter und vieler anderer geistlicher Lehrer wird dieser jüdischer Abstammung sein. Er wird außerdem nicht einfach nur der Gegenspieler Christi sein, sondern Ihn als Messias verdrängen oder ersetzen. Er wird darum einen außernatürlichen Charakter haben und viele falsche Wunder wirken in der Kraft der Dämonen. Schließlich wird er der „Mensch der Sünde“ sein und sich in den Tempel Gottes setzen, um dort göttliche Verehrung, ja Anbetung zu empfangen. Die Menschen, welche die Idee des wahren Messias verloren haben, werden ihn, geblendet von seinen großen politischen und militärischen Erfolgen, aufgeblasen von ihren Sozinianischen und pantheistischen Auffassungen von der „Menschenwürde“, als ihren Messias verehren. Die Kirchenväter sagen, daß am Ende der Zeiten das Heidentum wieder auferstehen wird. Dies nimmt nicht Wunder, denn wenn die Gebildeten Pantheisten werden, werden die einfachen Leute Polytheisten.

Das antichristliche Wirken und Streben in der Welt zeigte sich mal stärker, mal schien es zu ruhen, doch es schritt stets voran und ist heute mächtiger denn je. Es steuert auf das Auftreten ihres Hauptes und Führers, des Antichristen in Person, zu, das uns in der Prophetie der Heiligen Schrift als sicher eintretend vorausgesagt ist. Doch da ist noch etwas, was es aufhält, und damit beschäftigt sich nun das dritte Kapitel.

6. Wie das Geheimnis der Bosheit all die Jahrhunderte hindurch fortwährend tätig war, so gibt es auch ein dauerndes Hindernis, das sein Offenbarwerden verhinderte und weiter verhindern wird bis zu dem Zeitpunkt, da es entfernt werden wird. Der heilige Paulus spricht von diesem Hindernis einmal sachlich, „welches verhindert“, einmal persönlich, „welcher verhindert“. Wir finden hier wieder die Identifizierung eines Systems mit der Person, die es in hervorragender Weise vertritt. So wird das Geheimnis der Bosheit verkörpert in der Person des Antichristen, das Geheimnis der Gnade aber im menschgewordenen Gottessohn Jesus Christus.

Der Antichrist wird bezeichnet als „der Gesetzlose“, also einer, der sich über alle Gesetze hinwegsetzt, dessen einziges Gesetz sein eigener Wille ist. Da es sich also um eine gesetzlose Person handelt, welche Unordnung, Aufstand, Tumult und Revolution sät, sowohl in der zeitlichen als in der geistlichen Ordnung der Welt, muß dasjenige, was ihn hindert, das Prinzip der Ordnung, des Gesetzes der Unterordnung, die Autorität der Wahrheit und des Rechtes sein. Die Kirchenväter sehen dies zunächst im römischen Reich gegeben. Andere meinen, es sei die Gnade des Heiligen Geistes, wieder andere sehen die Gegenwart der Apostel als Hinderungsgrund für den Gesetzlosen. Alle diese Erklärungen zusammen kommen der Wahrheit am nächsten.

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