Papst und Antichrist

Zunächst war es gewiß das römische Reich, das den Ausbruch gesetzloser Unordnung, der Revolution, verhinderte, solange es Bestand hatte. Doch dann war es nicht Rom allein, sondern das Königreich Gottes, das sich über die Erde ausbreitete, die Apostolische Kirche, die sich über alle Nationen ausdehnte und schließlich das Heilige Römische Reich begründete, durchdrungen mit einem neuen Ordnungsprinzip und einem neuen Geist der Einheit. Die Kirche war es, die alles zusammenhielt, ihm einen Sinn, einen Geist, ein Gesetz, einen Willen, ein Herz gab durch den einen Glauben, der die Geister erhellte, durch die göttliche Liebe, die sie zu einer Familie einte, durch die Quelle des göttlichen Rechts, die Unserem Herrn Jesus Christus entsprang und sich durch die Apostel und ihre Nachfolger überallhin ausbreitete, wo neben den eisernen Tribunalen die Tribunale der Barmherzigkeit errichtet wurden. So wurde das alte römische Reich mit neuem himmlischem Leben erfüllt. Darum kann man auch sagen, daß der Heilige Geist, welcher dieses Reich beseelte, das Hindernis war, denn „die Kirche Gottes ist die Gegenwart des Heiligen Geistes, verkörpert und der Welt geoffenbart im sichtbaren Leib derer, die in die Einheit der Kirche Jesu Christi getauft sind“.

Beide großen Gewalten, die geistliche wie die weltliche, fielen in der Stadt Rom zusammen. Die ersten drei Jahrhunderte hindurch versuchte die weltliche Macht der Kaiser die geistliche der Kirche zu ersticken. Doch je mehr die Kirche verfolgt wurde, desto mehr erstarkte sie durch das Blut der Märtyrer. Dieser Kampf endete in der Bekehrung des römischen Reiches zum Christentum und mit der Erhebung der Kirche Gottes über alle menschliche Macht, sodaß fortan Recht über Macht stand und göttliche Autorität vor menschliche Autorität ging. Schließlich fügten sich beide Gewalten zusammen, sodaß der Kaiser von seinem Thron in Ausübung der irdischen Jurisdiktion, der Papst von seinem Thron höherer Gewalt mit göttlicher Jurisdiktion gemeinsam die Welt regierten, bis der Kaiser nach Ostrom ging und dem Papst auch die weltliche Gewalt über Rom zufiel. So war die einst weltliche Macht geheiligt, und es entstand in Europa die christliche Ordnung, die christliche Zivilisation mit christlichen Königen, die miteinander Frieden und Ordnung aufrechtzuerhalten bemüht waren. Das, was wir die Christenheit nennen, die christlichen Völker, welche miteinander auf vielfache Weise verbunden sind, stellte das Hindernis gegen Unordnung und Gesetzlosigkeit dar.

Das Hindernis also für den Gesetzlosen ist die Christenheit und ihr Haupt, System und Person, und zwar die Person des Stellvertreters Christi, welcher mit seiner Autorität der direkte Gegenpart des Prinzips der Unordnung ist. Es gibt keinen direkteren Gegenspieler des Antichristen als den Papst, welcher mit Königtum und Priestertum die beiden Prinzipien der zeitlichen und geistlichen Ordnung repräsentiert. So finden sich die drei Antworten der Kirchenväter in der Gestalt des Obersten Pontifex zusammen.

Es geht somit das Bestreben der antichristlichen Kräfte dahin, die Völker aus der christlichen Ordnung zu lösen. Daher die Revolutionen von 1789, 1830, 1848, welche nichts anderes waren als die Erhebung der Gesetzlosigkeit gegen Gott, gemäß den Prinzipien des Schismas, der Häresie und des Unglaubens. So sieht Manning das Hindernis immer mehr dahinschwinden. Die Menschen suchen nur noch im materiellen Wohlstand ihr Glück, die Staaten haben sich nur um das irdische Wohlergehen der Menschen zu kümmern. Das ist die moderne, entchristlichte Zivilisation, in welcher der Glaube schwindet. Die modernen Demokratien unterwerfen die Gesetze Gottes dem Mehrheitswillen. Schon der heilige Hippolyt schrieb im 3. Jahrhundert, das römische Reich werde sich gegen Ende der Welt in Demokratien auflösen.

In der Heiligen Schrift heißt es, daß dieses Hindernis den Antichristen aufhalten wird, bis es „hinweggenommen“ wird. Wer aber könnte dieses Hindernis, welches in der christlichen Ordnung besteht, die durch die Kirche Gottes und den Stellvertreter Christi auf Erden garantiert wird, hinwegnehmen als der Sohn Gottes, Unser Herr Jesus Christus, selbst? Wir sehen im Leben Christi, daß Er dreiunddreißig Jahre lang in der Welt war und keiner die Hand an Ihn legen konnte, denn Seine „Stunde war noch nicht gekommen“. Es war jedoch die Stunde bereits vorgesehen, in welcher Er in die Hände der Sünder überliefert werden sollte. Er wußte das und sagte es vorher. Keiner konnte den Kreis der göttlichen Allmacht durchbrechen, der Ihn umgab, bis Er selbst es wollte und die Tür öffnete. So lieferte Er sich selbst ihren Händen aus. „Du hättest keine Macht über Mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre“, sagt Jesus zu Pilatus (Joh 18,5).

So konnten auch die Pforten der Hölle nichts gegen die Kirche ausrichten, bis die Stunde kommt, in welcher das Hindernis nach dem Willen Gottes fällt. Und daß dies geschieht, ist bereits vorhergesagt. Dann wird sich der Mensch der Sünde offenbaren, und es wird jene Verfolgung von dreieinhalb Jahren beginnen, die kurz, aber schrecklich sein wird, und in welcher die Kirche Gottes wieder in jenen Leidenszustand eintreten wird, den sie zu Anfang hatte. Die Kirche in ihrer Unvergänglichkeit und ihrem unauslöschlichen Leben wird allerdings auch diese Zeit überdauern.

Diese Dinge erfüllen sich schnell, und es ist gut, sie uns stets vor Augen zu halten, zumal sie schon zu Zeiten von Kardinal Manning sich zu erfüllen beginnen, was er ganz klar in den Machenschaften gegen Pius IX. erkennt. Was würde er erst heute sagen? Wir dürfen also nicht Ärgernis nehmen, wenn wir die Kirche in dieser Schwäche, diesem Leiden, diesem armseligen Zustand erblicken (und hier ist nicht die „Konziliare Kirche“ gemeint!). Ebenso ist es Unserem Herrn ergangen, und die Kirche muß die Passion ihres Meisters nun ebenfalls erneut durchleiden, um so zu ihrem Triumph zu gelangen. „Mußte nicht Christus dies alles leiden?“ – und ebenso ist es mit der Kirche. „Jetzt schon habe ich es euch gesagt, ehe es geschieht, damit ihr glaubt, wenn es geschieht“ (Joh 14,29).

7. Wir haben es auf Erden mit zwei großen Gegenspielern zu tun, auf der einen Seite der Geist und das Prinzip des Bösen, auf der anderen Seite der menschgewordene Gott, greifbar in Seiner Kirche, aber in hervorragender Weise in Seinem Stellvertreter, dem Papst, Seinem besonderen und persönlichen Zeugen, der in Seinem Namen spricht und befiehlt. Die folgende Stelle verdient es, wörtlich wiedergegeben zu werden, da man selbst bei sog. „Traditionalisten“ eine solch katholische Sichtweise so gut wie nicht mehr findet: „Das Amt des Stellvertreters Christi umfaßt in seiner Fülle die göttlichen Vorrechte der Kirche, insofern er, als besonderer Repräsentant des göttlichen Hauptes, all Seine mitteilbaren Gewalten in der Leitung der Kirche auf Erden ausschließlich und alleine trägt. Die anderen Bischöfe und Hirten, die mit ihm vereinigt sind und in Unterordnung unter ihn handeln, können nicht ohne ihn tätig sein, er aber kann alleine handeln, da er die Fülle der Gewalt in sich trägt. Außerdem sind die Gaben für den Leib das Vorrecht des Hauptes, und deshalb sind die Gaben, die vom göttlichen Haupt der Kirche in dessen ganzen Mystischen Leib herabsteigen, zusammengefaßt im Haupt dieses Leibes auf Erden, insofern er an der Stelle des Menschgewordenen Wortes steht als Diener und Zeuge des Königreiches Gottes unter den Menschen. Darum ist es diese Person, gegen welche, wie ich schon sagte, der Geist des Bösen und der Falschheit in allererster Linie seine Angriffe richtet, denn wenn das Haupt des Leibes gefallen ist, muß der Leib selbst sterben.“ „Schlage den Hirten, und die Herde wird sich zerstreuen.“

So haben sich die Angriffe des Bösen allezeit gegen die Kirche und namentlich gegen deren Haupt gerichtet. Es ist der päpstliche Primat, der allezeit die christliche Ordnung aufrechterhielt, welcher der Mittelpunkt der christlichen Gesellschaft war und die Nationen in Frieden zusammenfaßte und so das Kommen des Antichristen aufhielt. Damit wagt Kardinal Manning nun im 4. Kapitel einen Blick in die Zukunft, der sich allerdings ebenfalls nur auf die Heilige Schrift und die Theologie stützt. Er beginnt mit dem 24. Kapitel bei Matthäus, wo der Heiland über das Ende Jerusalems und der Welt spricht. Beides fließt bei Ihm in einer Schau zusammen. Für Manning ist dieses Kapitel der Schlüssel zur Apokalypse des heiligen Johannes.

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