Papst und Antichrist

Dieses Buch, sagt er, könne man in vier Teile teilen. Der erste Teil beschreibt die Kirche auf Erden unter dem Bild der sieben Gemeinden, an welche sich die sieben Briefe richten. Der zweite Teil bezieht sich auf die Verwerfung des Judentums, der dritte beschreibt die Verfolgung der Kirche durch das heidnische Rom und dessen Überwindung. Der vierte und letzte Teil handelt vom Frieden der Kirche unter der Gestalt des himmlischen Jerusalem, welches vom Himmel herabsteigt und unter den Menschen weilt. Viele Ausleger früherer Tage haben die Prophetien der Apokalypse bis auf das, was in den letzten Kapiteln geschieht, für bereits erfüllt gehalten. Doch es ist der Prophetie eigen, sich allmählich zu entfalten. So wie Berge, die aus der Ferne betrachtet zusammengeklebt erscheinen, während sich aus der Nähe gesehen zwischen ihnen Weiten und Täler auftun, so ist es auch mit den Ereignissen aus der Prophetie. Für die Apostel mochte es scheinen, daß das Ende Jerusalems und der Welt zusammenfallen würden, doch inzwischen sehen wir, daß dazwischen eine Menge Zeit lag und vieles geschehen ist.

In den vier Teilen der Apokalypse, so Manning, sehen wir drei Hauptakteure auftreten: die Kirche, die Juden und das heidnische Rom. Diese drei existieren nach wie vor auf Erden, es existiert die Kirche, es gibt nach wie vor das Volk des Alten Bundes, die Juden, und es gibt die Gesellschaft ohne Gott, die den Platz des früheren Heidentums einnimmt. Die Kirche hat bereits zwei Verfolgungen durchgemacht, eine durch die Juden und eine durch die Heiden. Nach den Kirchenvätern steht ihr noch eine dritte Verfolgung bevor, die noch bitterer und blutiger sein wird als alles, was sie bisher erlebt hat. Somit sieht Manning in der Apokalypse, ebenso wie in der Vorhersage des Heilands, zwei Ereignisse dargestellt, von welchen eines in der Vergangenheit liegt und der Typus oder Schatten dessen ist, was kommen wird, und ein zweites Ereignis in der Zukunft, am Ende der Welt. Alle Verfolgungen der Kirche bisher waren nur Vorläufer und Schatten jener letzten Verfolgung, die noch kommen wird.

8. Wir haben schon die beiden Mysterien gesehen, die am Werke sind, das Geheimnis der Bosheit und das Geheimnis der Gnade. Ebenso haben wir die beiden Staaten gesehen, die einander gegenüber stehen, der Staat Gottes und der Staat dieser Welt. Nun sehen wir im Buch der Apokalypse zwei weitere entgegengesetzte Gestalten, zwei Frauengestalten: jene Frau, die mit der Sonne umkleidet, den Mond unter ihren Füßen und mit Sternen bekränzt am Himmel erscheint, und jene, die auf dem Tier sitzt, das voll gotteslästerlicher Namen ist. Diese stellen ebenso wie die beiden Mysterien und die beiden Staaten die beiden großen entgegengesetzten Prinzipien dar. Erstere Frau symbolisiert die Kirche, denn die Frau mit dem Kind bedeutet die Inkarnation und steht für die Gottesmutter. Die andere Frau symbolisiert die „große Stadt“ Babylon, welche die Welt beherrscht.

Es wird der Kirche so gehen wie ihrem Herrn. So wie Er, als Seine Stunde gekommen war, in die Hände Seiner Feinde überliefert wurde, welche Ihn fesselten, marterten und töteten, Ihn aber nicht überwinden konnten, da Er glorreich aus dem Grab wieder auferstand, so wird auch die Kirche den Händen ihrer Feinde überliefert und besiegt werden, danach aber glorreich auferstehen. So dürfen wir also nicht Anstoß nehmen, wenn uns ein großes Leiden der Kirche vorhergesagt ist.

Schon beim Propheten Daniel ist prophezeit: „Er wird Reden führen wider den Höchsten und die Heiligen des Höchsten aufreiben“ (Dan 7,25). „Seine Größe erstreckte sich bis zum Heer des Himmels. Von dem Himmelsheere und von den Sternen warf es gar manche zur Erde nieder und zertrat sie. Ja, bis zum Fürsten des Himmelsheeres wagte es sich empor und entzog ihm das tägliche Opfer: die Stätte seines prachtvollen Heiligtums wurde gestürzt“ (Dan 8,10f). „Eine halbe Woche unterdrückt er Schlacht- und Speiseopfer, und im Tempel steht der Greuel der Verwüstung“ (Dan 9,27). Darauf bezieht sich auch der heilige Johannes in seiner Apokalypse, wenn er schreibt: „Und es ward ihm gegeben, Krieg zu führen mit den Heiligen und sie zu besiegen“ (Off 12,7). Es wird also zu einer Verfolgung kommen, und Kardinal Manning erkennt in seiner Epoche vier Kennzeichen, die auf eine solche hinsteuern.

Als erstes Zeichen für eine kommende Verfolgung sieht er die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Sie ist gewissermaßen die Ruhe vor dem Sturm. Die Indifferenz gegenüber Wahr und Falsch ist eines der sichersten Indizien für eine baldige Verfolgung. Das alte Rom mit all seiner Macht nahm jede falsche Religion von all den eroberten Völkern an und errichtete ihnen einen Tempel innerhalb seiner Mauern. Es übte eine souveräne und verächtliche Gleichgültigkeit gegen all die Aberglauben der Welt. Es unterstützte diese sogar, denn durch ihren jeweiligen Aberglauben hielten sie die Völker ruhig und konnten sie besser regieren. Ebenso sieht Kardinal Manning bereits in seinen Tagen, wie die christlichen Völker anfangen, „religiöse Toleranz“ zu üben, d.h. alle Kulte zulassen, ganz gleich, ob wahr oder falsch. Dagegen, so Manning, sei an sich nichts zu sagen, wenn es die einzige Art ist, um Gewissensfreiheit zu garantieren. Aber ein Staat, in welchem die eine Wahrheit von einer Unzahl von Giften umgeben ist, ein Land, in welchem die Wahrheit nur „toleriert“ wird, ist übel dran. Dieser Zustand birgt große geistliche und geistige Gefahr.

Zunächst wird dadurch die Stimme der Kirche Gottes ignoriert. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen der Glaubenslehre und einer menschlichen Meinung. Alle genießen die gleichen Rechte. Glaubensdogmen werden mit allen Arten von Häresien gemischt, jede Meinung ist erlaubt. Als nächstes, nachdem man die göttliche Stimme der Kirche leugnet und ignoriert, muß die zivile Regierung auch die göttliche Einheit der Kirche ignorieren und alle Arten von Abspaltungen und Sekten zulassen. In der Folge davon wird jede positive Wahrheit überhaupt verneint, denn wer soll sagen, was richtig ist und was falsch, wenn es keinen göttlichen Lehrmeister gibt? Ohne göttlichen Richter gibt es niemanden, der in religiösen Konflikten zwischen wahr und falsch unterscheidet. Ein Staat, der sich von der Einheit der Kirche getrennt hat, kann in religiösen Dingen nichts mehr entscheiden. So kommt es zur Ablehnung alles „Dogmatischen“, d.h. jeder positiven Wahrheit, alles Endgültigen, Definitiven, von allem, was irgendwelche Grenzen setzt.

Der zweite Schritt ist dann die Verfolgung der Wahrheit. Während im alten Rom jeder Götzendienst zugelassen war, so gab es eine „religio illicita“, eine unerlaubte Religion, nämlich die der Christen, und eine „societas illicita“, eine ungesetzliche Gesellschaft, nämlich die Kirche. Man durfte jeden Götzen anbeten, aber nicht den menschgewordenen Sohn Gottes. Inmitten aller Toleranz gab es eine einzige Ausnahme, die genau die Wahrheit betraf und diese sowie die Kirche des lebendigen Gottes ausschloß. So wird es wieder gehen, denn die Kirche Gottes kann sich nicht ändern. Sie kann nicht ihre Lehren aufgeben oder ändern, sie kann auch nicht aufhören, ihre Lehren laut zu verkünden, sie kann nicht schweigen. Darum wird die Kirche in allen Ländern, in welchen der Geist der religiösen Indifferenz sich festgesetzt hat, über kurz oder lang von der zivilen Gewalt verfolgt werden, denn sie kann nicht von der Wahrheit lassen und sich dazu auch nicht durch Gesetze zwingen lassen, selbst um den Preis der Martyriums.

Kommt hinzu, daß die Kirche nicht wie andere Religionsgemeinschaften ein mehr oder weniger freiwilliger Zusammenschluß von Menschen aufgrund ihrer gleichen Überzeugung ist. Die Kirche spricht mit göttlicher Stimme und Autorität, die verpflichtenden Charakter hat. Sie kann im Namen Gottes und unter Todsünde dazu verpflichten, den Glauben an die Dreifaltigkeit und die Sieben Sakramente zu bekennen. Sie kann im Gewissen verpflichten, was sonst keine Autorität kann. Das haben weltliche Machthaber zu allen Zeiten instinktiv gespürt. Bei der Kirche haben sie es nicht einfach nur mit einer menschlichen Gemeinschaft zu tun, sondern mit der Autorität Gottes, des obersten Souveräns. Daher machen selbst die großzügigsten und überzeugtesten Liberalen, die alles gelten lassen wollen, die eine große Ausnahme bei der Kirche Gottes, auch wenn dies im völligen Widerspruch zu ihren Prinzipien steht. Und das ist der Grund, warum es zur Kollision kommen muß.

%d Bloggern gefällt das: